Im Alter noch einmal in die Welt hinaus

Großeltern auf Zeit: Ein Rotenburger Ehepaar lebt zurzeit als „Granny-Aupair“ in San Francisco

Mit der Golden Gate Bridge im Hintergrund genießen Angelika van Alphen und Wolfram Mühlberg die Zeit mit Caspar.
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Mit der Golden Gate Bridge im Hintergrund genießen Angelika van Alphen und Wolfram Mühlberg die Zeit mit Caspar.

Rotenburg/San Francisco – San Francisco! Spätestens seit Scott McKenzie ihr 1967 ein Lied gewidmet hat, das zum Welthit wurde, ist es die Traumstadt aller ehemaligen Blumenkinder, sonnendurchflutet an der kalifornischen Küste gelegen. In Rotenburg grüßt derzeit hingegen ein grauer Himmel. Zugegeben – es ist etwas klischeehaft, aber kaum einem dürften die sonnigen Assoziationen fremd sein.

Angelika van Alphen (67), die früher als Zahnärztin in Rotenburg tätig war und ihr Mann Wolfram Mühlberg (68), bis zu seiner Pensionierung Leiter des TÜV Süd in Hamburg, erleben Kalifornien gerade live – und zwar als Aupair.

Die meisten denken vermutlich an Schulabgänger, die vor Studium oder Beruf noch mal ein Jahr im Ausland verbringen wollen, dort die Kinder betreuen und gleichzeitig die Sprache lernen. Aber das Ganze für Senioren? Gibt es! Es läuft unter dem Namen „Granny-Aupair“ und bietet älteren Menschen die Möglichkeit, für sechs Monate „Großeltern auf Zeit“ zu werden. Auf diese Weise sind van Alphen und Mühlberg vor gut drei Monaten nach San Francisco gekommen.

Gerechnet hatten sie damit nicht. Los ging alles mit einer banalen Anzeige, weitergeleitet per Whatsapp durch einen Freund und Kollegen. Das Ehepaar handelte dann „relativ spontan und ohne langes Nachdenken“, erzählt es. Immerhin hieß das, für ein halbes Jahr eigene Kinder und Enkel, Freunde, die schöne eigene Wohnung sowie die beiden über neunzigjährigen Mütter zurückzulassen.

San Francisco gilt als besonders schöne Stadt mit tollen Häusern im viktorianischen Stil.

Doch am 1. Oktober ging es dann los, aber ins kanadische Vancouver: Dort müssen sie sich als Europäer zunächst 14 Tage aufhalten, da sie nicht direkt in die USA einreisen dürfen. Das ist erst seit Anfang November wieder möglich. Von Vancouver geht es schließlich weiter nach San Francisco. „Wir haben uns weder das Land noch die Stadt ausgesucht“, betonen beide. Mehr noch: „Wir haben Berührungspunkte, die USA betreffend, nie gesucht, nun berühren sie uns umso mehr.“

In der Tat scheinen sich viele Klischees zu erfüllen: meist blauer Himmel und Sonnenschein, eine Wohnung mitten in der Stadt am Pazifik. Dort lebt eine junge deutsche Familie mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn Caspar in einer Vierzimmerwohnung. Es gibt ein Gäste-Schlafzimmer mit Bad, das Zuhause auf Zeit der deutschen „Grannies“, wie Großeltern in den USA genannt werden. Da muss das Zusammenleben schon klappen. Nach mehr als drei Monaten aber sind noch alle begeistert.

Die Aupairs haben ein klares, typisches Programm: Kochen, Wäsche waschen, mit dem Kind unterwegs sein, Musik-, Sport- und Schwimm-unterricht, kreative Museumsbesuche auf Kinder ausgerichtet – von morgens bis abends ist immer etwas los. Ein- bis zweimal in der Woche wird am Abend mit der Familie zusammen gegessen, es gibt ja auch manches zu besprechen. Ansonsten ist abends Freizeit.

Ganz spannend sind da die regelmäßigen Treffen weiterer in San Francisco lebender junger Leute, überwiegend Ausländer, darunter etliche Deutsche. Das Durchschnittsalter ist um die 30 Jahre. Da sind die beiden Aupair-Großeltern dann Exoten, die aber gerade da „spannende und hoffnungsvolle Gespräche“ erleben, erzählen sie. Covid-19 spielt übrigens dabei ein untergeordnetes Thema. „98 Prozent der Berufstätigen sind hier geimpft“, sagt Mühlberg. „Die Inzidenz liegt zwischen zehn und 24. 2G ist selbstverständlich und wird akribisch kontrolliert. Unsere dritte Impfung haben wir völlig unproblematisch im Supermarkt erhalten.“

Für weitere eigene Entdeckungen bleibt auch Zeit: An den Wochenenden dürfen sie das „Familienauto“ nutzen und erkunden die weitere Umgebung: Nappa Valley oder die berühmte Küstenstraße, den Highway No. 1. Weihnachten verbrachte die junge Gastfamilie bei Verwandten in San Diego, also ganz im Süden Kaliforniens.

Herzlich begrüßt die Gastgeberfamilie mit Caspar die beiden Rotenburger Angelika van Alphen (l.) und Wolfram Mühlberg (M.) am Flughafen.

Während die Gastgeber flogen, kamen ihre deutschen Aupairs mit dem randvoll bepackten Auto nach. Vier Tage Fahrt, auf der es reichlich zu sehen gab. Die „landschaftliche Schönheit Kaliforniens ist beeindruckend“, berichten sie. Dazu kämen die „überaus entspannte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, der selbstverständliche Servicegedanke und, nicht zuletzt, der enorm hohe Anteil an Elektro- oder Hybridautos“. Da gerät dann schon mal außer Acht, dass die Preise oftmals „schwindelerregend“ sind. Das betrifft den täglichen Bedarf wie auch Mieten und allgemeine Lebenshaltungskosten.

„Granny-Aupairs“ leben – wie ihre jungen Pendants – bei freier Kost und Logis. Auch Flug- und Testkosten wurden von der Gastfamilie übernommen. Ein bei jungen Leuten übliches Taschengeld gibt es nicht. Es ist tatsächlich sogar verboten. „Wir fühlen uns aber von unserer Gastfamilie sehr großzügig aufgenommen“, so van Alphen.

Gut die Hälfte der Zeit ist inzwischen rum. Mitte März werden van Alphen und Mühlberg wieder in ihre Heimat zurückkehren. Schon jetzt ist klar, dass sie „dankbar auf eine Zeit zurückblicken“ können, die gezeigt habe, „dass wir sehr flexibel sein können, spontan, gemeinsam stark und belastbar“. Klar war übrigens immer, dass es sie als „Grannies“ nur im Doppelpack geben würde. Und das funktioniert, so beide, wenn „alle vorsichtig, rücksichtsvoll und achtsam miteinander umgehen“.

Mit anderthalb Jahren übt Caspar schon mal ein wenig am Klavier.

Es gehört schon eine Portion Glück dazu, wenn man als gestandenes Ehepaar in ein fremdes Land, in eine fremde Familie mit Kleinkind und noch dazu in eine gemeinsame Vierzimmerwohnung kommt. Die beiden Rotenburger haben dieses Glück gehabt und schon aus den ersten Monaten viel für sich gelernt. Es braucht eine Zeit, um den „American way of life“ einigermaßen zu verstehen. Beide allerdings versagen sich auch eine permanente Bewertung oder gar den permanenten Vergleich. Eine Frage blieb dem Berichterstatter aber noch: Wie sehr ist eigentlich Donald Trump noch gegenwärtig? Um den, so beide übereinstimmend, sei es „still geworden“. „Biden ist Tatsache – aber auch umstritten – zumindest in Kalifornien“, fügen sie hinzu. „Von Merkel aber wird mit großer, emotional geprägter Hochachtung gesprochen“, während der Blick auf Deutschlands neue Regierung noch „sehr wenig wahrnehmbar“ sei.

Scott McKenzie sang auf dem Höhepunkt der „Flower-Power-Bewegung“ seine Hymne auf San Francisco. Da wurde von den „freundlichen Menschen“ allüberall in der Stadt gesungen und von „Menschen in Bewegung“. Und die Stadt scheint ihre Faszination nicht verloren zu haben. Mühlberg und van Alphen haben ihre häusliche Komfortzone verlassen, ihre Familie und Freunde. Wie sehr, ist ihnen erst im Laufe der Monate deutlich geworden. Ebenso aber können sie jetzt feststellen, wie sehr diese Zeit sie bereichert.

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