„Anglizismus des Jahres“

Mit dem Gendersternchen gegen die Gewalt der Sprache

Bei einer Demonstration in Berlin wird politisch korrekt auf die Absicht hingewiesen. Foto: dpa
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Bei einer Demonstration in Berlin wird politisch korrekt auf die Absicht hingewiesen.

Die Landeshauptstadt Hannover führt in der Verwaltung eine geschlechtergerechte Sprache ein, und das Gendersternchen ist der „Anglizismus des Jahres“. Gibt’s keine drängenderen Probleme als eine Debatte um männlich, weiblich und neuerdings auch divers in der Sprache? „Das ist überhaupt nicht albern“, sagt Rotenburgs neue Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Blome. Und liefert dafür einige gewichtige Argumente.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Sie sei keine Frauenbeauftragte, sondern Gleichstellungsbeauftragte, stellt Kerstin Blome gleich zu Beginn mal klar: „Auch wenn es vorrangig Frauenthemen sind, mit denen ich mich beschäftige: Ich bin für alle da“, sagt die 47-jährige promovierte Politikwissenschaftlerin, die seit Anfang des Jahres in Rotenburg tätig ist. Eines dieser Themen, das die Debatte um Sinn und Unsinn von Gleichstellungsfragen aktuell wieder auf die Agenda gebracht hat, ist gendergerechte Sprache. Braucht es ein Binnen-I, um zu zeigen, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, also alle „MitarbeiterInnen“ gemeint sind? Oder ist das eingedenglischte Gendersternchen die Lösung: Mitarbeiter*innen?

Kerstin Blome kann durchaus nachvollziehen, dass sich viele über die Diskussion lustig machen, sie mahnt aber zur Vorsicht. Denn: „Sprache ist ein gewalttätiges Mittel.“ Sie präge das Bewusstsein und forme die Realität. Und deswegen könne sie auch großen Schaden anrichten - nicht erst mit dem „Rufmord“. Blome rät, die Position derer einzunehmen, die durch Sprache ausgegrenzt werden oder sich herabgesetzt fühlen. Dann ist lustig schnell vorbei. Das „Fräulein“ sei noch bis vor wenigen Jahren weit verbreitet gewesen. Oder in den Medien werde der „Erzieher“-Notstand thematisiert - obwohl es im Grunde nur um Erzieherinnen gehe. Das müsse klarer benannt werden. Sprache entwickle sich, der Wandel zu einer geschlechtergerechteren Ausdrucksweise sei ein Teil davon. Dort, wo sich jemand dran störe, müsse über Veränderungen nachgedacht werden. Negerkuss und Zigeunerschnitzel? Bei diesen Begriffen herrsche doch auch längst ein Konsens, dass sie nicht mehr zu verwenden sind.

Der berufliche Weg der Gleichstellungsbeauftragten hat von Bremen nach Rotenburg geführt. In der Hansestadt hat sie bereits Seminare an der Verwaltungsschule zum Thema „Gendergerechte Sprache“ gegeben, dass in der Kleinstadt Rotenburg nun besonders großer Nachholbedarf in diesen Fragen besteht, kann sie nach ihren ersten Eindrücken nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: „Ich empfinde es als sehr fortschrittlich, was die vorhandenen Institutionen zur Gleichstellung betrifft“, so Blome. „Hier passiert sehr viel.“ Größere Baustellen, an die sie sich umgehend machen müsse, habe sie noch nicht entdeckt. Sowieso sei gerade das Thema Sprache eines, das Zeit brauche. „Das funktioniert nicht mit der Brechstange.“ Manches sei einfach eine Generationenfrage, je älter die Menschen seien, desto schwieriger ließen sich Veränderungen herbeiführen. „Trotzdem kann man es immer wieder einfordern.“

Als Ziel auch für Rotenburg könnte sie sich eine ähnliche Handreichung wie in Hannover vorstellen. Da das Projekt dort auch von der Verwaltungsspitze getragen werde, erhalte es viel Unterstützung. Andererseits kenne sie natürlich die Realität, und die bedeute eben auch: „Bei vielen wird es nicht ankommen.“ Allzu verbissen will sie auf die sprachlichen Feinheiten aber nicht hinarbeiten, das könnte sich auch ins Gegenteil verkehren. „Es kann dann ja auch anstrengend sein“, sagt Blome, und dann schalten viele ab. Nur: „Solange es noch Leute gibt, die sagen, sprachliche Ungerechtigkeiten seien albern, muss es thematisiert werden.“

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