Einstiegshilfe in die Berufswelt

19 Geflüchtete machen „kleine Ausbildung“ an den Berufsbildenden Schulen

Die Landtagsabgeordneten Eike Holsten (CDU) und Dörte Liebetruth (SPD, beide rechts im Bild) nehmen Platz im Klassenzimmer der angehenden Auszubildenden für Lagerlogistik. J Foto: Ujen
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Die Landtagsabgeordneten Eike Holsten (CDU) und Dörte Liebetruth (SPD, beide rechts im Bild) nehmen Platz im Klassenzimmer der angehenden Auszubildenden für Lagerlogistik.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Wissen Sie, was Flurförderzeuge sind? 19 Migranten an den Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg kennen die Antwort: Gabelstapler. Diesen und viele weitere Fachbegriffe lernen die Teilnehmer der „kleinen Ausbildung“ für Lagerlogistik.

Ein Projekt, das die Schule in Kooperation mit der Akademie für Wirtschaft und Logistik (AWL) seit September anbietet. Finanzielle Unterstützung vom Land ist dabei auch vonnöten. Um dafür vor Ort Überzeugungsarbeit zu leisten, hatten die BBS am Montag die Landtagsabgeordneten Eike Holsten (CDU) und Dörte Liebetruth (SPD) eingeladen.

Seit 2015 besuchen viele junge Flüchtlinge in unregelmäßigen Abständen die BBS, um dort am Sprach- und Integrationsprojekt (Sprint) teilzunehmen, berichtete die stellvertretende Schulleiterin Katharina Engelhardt. Später kam als Ergänzung noch der duale Sprintkurs hinzu. Aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten sei jedoch häufig ein erfolgreiches Bestehen einer Ausbildung nicht gesichert gewesen. Engelhardt: „In der Praxis waren die Ergebnisse der Sprint-Teilnehmer über 90 Prozent gut, aber die Theorie klappte nicht.“ Die Folge: Viele Teilnehmer brachen die Kurse ab. Eine Lösung musste her, und die fand sich während der BBS-Ausbildungsmesse 2017 direkt vor Ort. Dirk Immken, Bereichsleiter Prüfungswesen und Interner Service der Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade, erzählte Engelhardt von dem Projekt „kleine Ausbildung“.

Kalkulation „mit ein bisschen Spielraum“

Seit September gibt es für Geflüchtete an den BBS nun die Möglichkeit, eine Teilqualifikation im Bereich „Innerbetrieblicher Transport“ zu erlangen: mit begleitendem Förderunterricht, sozialpädagogischer Unterstützung sowie Praktika bei Unternehmen im Bereich Lagerlogistik. Anfangs waren es rund 30 Interessierte, jetzt sind es noch 19 Migranten, unter anderem von der Elfenbeinküste, aus dem Iran und Syrien, die den harten Kern bilden. Die Kalkulation der AWL war auf 15 Teilnehmer ausgelegt, „aber mit ein bisschen Spielraum“, erklärte Rainer Jordan, Geschäftsführer der Akademie.

„Und was spielt sich finanziell ab?“, wollte Eike Holsten während der Gesprächsrunde in Erfahrung bringen. Jordan gab die Antwort: Die Gesamtfördersumme für das Projekt liegt bei 200.000 Euro, 70 Prozent davon übernimmt der Europäische Sozialfonds, 30 Prozent beinhalten die Unterhaltszahlungen für die Teilnehmer, für die die AWL in Vorleistung tritt.

Um das Projekt finanziell stemmen zu können, ist auch das Land Niedersachsen gefragt, stellvertretend die beiden Landtagsabgeordneten. Neben den vielen Informationen der Verantwortlichen wollten sich Liebetruth und Holsten ein persönliches Bild von dem Förderprojekt machen und besuchten die Klasse. Angetan von dem Konzept und der freundlichen Atmosphäre zeigten sich die Politiker gewillt, für die „kleine Ausbildung“ im Landtag Werbung zu betreiben.

Strengere Kontrollen sind notwendig

Weil so viel Geld in dem Projekt steckt, seien auch strengere Kontrollen notwendig, so Engelhardt. „Fehlzeiten von zehn Minuten aufwärts werden notiert“, ergänzte Jordan, der einmal die Woche zur BBS kommt, um sich über den aktuellen Stand zu informieren. Neben der Pünktlichkeit achten eine Honorar-Lehrkraft und ein Sozialarbeiter auf die Motivation der Schüler.

Die hatten sich zu Beginn sechs Wochen mit der deutschen Sprache intensiv beschäftigt. Aktuell lernen sie die Grundlagen der Logistik, absolvieren ein vierwöchiges Orientierungspraktikum und werden für die Telc-Prüfung (The European Language Certificates) vorbereitet. Ab März 2019 folgt ein achtwöchiges Praktikum sowie die Prüfung zur deutschlandweit anerkannten Teilqualifikation in der Lagerlogistik mit IHK-Zertifikat, inklusive Gabelstaplerschein. Liest sich alles gut, allerdings müssen auch genügend Praktika von Unternehmen angeboten werden, betonte Jordan. Das müssten keine Firmen mit riesigen Lagerhallen sein, ein kleiner Supermarkt reiche auch.

Der Deutsch-Test habe den „besonderen Charme“, so Jordan, dass wenn es für das B2-Sprachniveau für den Bereich Beruf nicht reicht, derjenige ein B1-Zertifikat erhält. „Das ist normalerweise nicht der Fall, und man bekommt nur das Scheitern bescheinigt, nicht das Positive“, sagte der AWL-Geschäftsführer.

Ausgestattet mit all diesen Kompetenzen, soll den Migranten der Weg zur Ausbildung erleichtert werden, um später zum Beispiel als Lagerist, Berufskraft- oder Kurierdienstfahrer zu arbeiten.

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