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Aus Gottesacker wird ein „ein betretbarer Platz geschaffen“

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Von: Wieland Bonath

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Auf dem Friedhof vor dem Grabstein von Oberin Helene Hartmeyer: Oberin Sabine Sievers und Henrik Pröhl.
Auf dem Friedhof vor dem Grabstein von Oberin Helene Hartmeyer: Oberin Sabine Sievers und Henrik Pröhl. © Bonath

Der Friedhof an der Kirche „Zum Guten Hirten“ hat ein neues Gesicht bekommen. Es gibt Kritik, aber Henrik Pröhl als Mitarbeiter der Rotenburger Werke sowie Kultur-Beauftragter der Kirche „Zum Guten Hirten“, betont die Zielrichtung. Das Gelände sei jetzt offen und lade zum Verweilen ein.

Rotenburg - Unter dem Schatten spendenden Blätterhimmel alter Eichen ganz in der Nähe der Kirche „Zum Guten Hirten“ sind die Gräber und steinernen Kreuze, die an die ersten Rotenburger Diakonissen erinnerten, seit diesem Jahr verschwunden. Direkt neben der Elise-Averdieck-Straße, schräg gegenüber vom Burfeindhaus, wurde vor wenigen Monaten der historische Friedhof mit den rund 50 Kreuzen und den Diakonissengräbern eingeebnet.116 Jahre lang fanden hier Diakonissen, die einst aus Hamburg nach Rotenburg gekommen waren und das Mutterhaus gründeten, ihre letzte Ruhestätte.

Aus dem Gottesacker wurde, wie es in den Rotenburger kirchlichen Nachrichten heißt, „ein betretbarer Platz geschaffen“. Eine Umgestaltung, die nicht nur auf Zustimmung stieß, sondern auch zu Diskussionen über den sensiblen und respektvollen Umgang mit alten Friedhöfen und Grabsteinen führte.

Die kritische und streitbare pensionierte Studienrätin Ingeborg Riese, Ehefrau des vor fünf Jahren gestorbenen Rotenburger Pastors Gerhard Edzard Riese: „Ich wundere mich über den Umgang mit alten Gräbern und Grabsteinen. Mir geht es darum, dass wir hier sensibler werden.“

Den Auftrag für die Arbeiten zur Umgestaltung des Friedhofs, der nach Meinung der Verantwortlichen „in die Jahre“ gekommen war, hatte ein Gremium gegeben, das sich aus Pastor Matthias Richter, Vorsteher des Mutterhauses, Oberin Sabine Sievers und die damalige Vorsteherin der Rotenburger Werke, Pastorin Jutta Wendland-Park, zusammensetzte.

Die Kirche Zum Guten Hirten war 1912 eingeweiht worden, nachdem sie in zweijähriger Arbeit gemeinsam von Diakonissen und Rotenburger Bürgern errichtet worden war. Das Mutterhaus und die Rotenburger Werke nutzen seitdem das Gotteshaus gemeinsam.

Wir trafen jetzt kurz vor Abschluss der Umgestaltungsmaßnahmen Henrik Pröhl (58) Mitarbeiter der Rotenburger Werke und Kultur-Beauftragter der Kirche „Zum Guten Hirten“ auf dem neu geschaffenen Platz: barrierefreier Zugang, wasserdurchlässiger, heller Bodenbelag. Nein, betont Pröhl, die kleinen Steine seinen nicht etwa die geschredderten Grabkreuze. Die seien an einem anderen Ort als zermahlendes Material ausgebracht worden.

Vom ursprünglichen Friedhof ist nichts mehr zu sehen, nur der große Sandstein-Grabstein, der an die am 7. Januar in Kiel geborene und am 21. Februar 1920 in Rotenburg gestorbene Helene Hartmeyer erinnert. Sie war von 1905 bis 1920 Oberin des evangelisch-lutherischen Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg. Über Helene Hartmeyer heißt es auf einer Infotafel auf dem Mutterhausgelände: „Das Hamburger Mutterhaus und Krankenhaus Bethesda war 1860 von Elise Averdieck gegründet worden. In zunehmendem Maße erwartete 40 Jahre später der Vorstand des Krankenhauses von Diakonissen die Privatpflege von Vermögenden, während sich die Schwestern vor allem um die Menschen in den Armenvierteln kümmern wollten. Es kam zum Streit und zur Trennung.“

„Am 1. April 1905“, heißt es weiter, „zog Helene Hartmeyer mit 62 Diakonissen von Hamburg nach Rotenburg und gründete hier Mutterhaus und Krankenhaus. Die überzeugte Christin, leidenschaftliche Pädagogin und selbstständige Denkerin Helene Hartmeyer setzte Maßstäbe in Krankenpflege, Erziehung und Ausbildung, Mit ihrem Berufsethos begründete sie eine Tradition in Rotenburg, die bis heute gültig ist.“

Die Offenheit des neugestalteten Platzes, betont Pröhl, lade zum Verweilen und Betrachten der übrigen Grabsteine ein. Das sei bisher so nicht möglich gewesen. Der Ort sei zur Begegnung und zum Austausch geworden. Das habe, so Pröhl, in dieser Form wegen des „verwilderten Friedhofes“ nie so stattgefunden. Im Gegenteil, die bisherige Hecke habe jeglichen Blick von außen unmöglich gemacht.

Henrik Pröhl zu der Frage, wie der Vergangenheit trotzdem auch künftig Raum gegeben und Kompromisse gefunden werden können: „Zunächst einmal sind die Namen der Verstorbenen im Mutterhaus dokumentiert. Es gibt keinerlei bekannte verwandtschaftliche Beziehungen zu den Verstorbenen.“ Man habe darüber nachgedacht, die Namen der Verstorbenen auf einer Gedenktafel für die Öffentlichkeit lesbar zu machen.

Letztlich sei man aber zu der Entscheidung gekommen, dass eine Auflistung etlicher unbekannter Namen nicht sinnstiftend wäre. Auf dem Grabstein Helene Hartmeyers sei Rotenburgs Diakonie-Geschichte dokumentiert. Henrik Pröhl erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Wir sind gern bereit, darüber nachzudenken, die Namen der Verstorbenen auf einer Gedenktafel darzustellen.“

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