Rotenburg ist für Flieger noch immer eine wichtige Adresse in ihrem Netzwerk

Der Blick ins Land

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Günther Falk ist einer von drei Flugleitern am Rotenburger Verkehrslandeplatz.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Günther Falk schaut angestrengt durch sein Fernglas. Funktürme, Windenergieanlagen oder auch Industriebauten bieten ihm gute Anhaltspunkte, um Entfernungen abschätzen zu können. Er weist in Richtung Rotenburg: „Dort hinten, das ist der Turm in der Nähe der Feuerwehr mit den Umsetzern für Mobilfunk. Er ist etwa viereinhalb Kilometer entfernt.“ Diese Abschätzungen sind für Falks Job äußerst wichtig: Er ist einer von drei Flugleitern des Flugplatzes Rotenburg. Jeden Tag von 10 bis 20 Uhr sitzen er oder einer seiner beiden Kollegen auf diesem Platz.

Was auf den großen Flughäfen der Tower ist, heißt in Rotenburg Flugleitung. „Eigentlich heißt es Turm“, sagt Günther Falk. Dass er und seine Kollegen hier regelmäßig Dienst schieben, liegt an der Einordnung des Standortes Rotenburg, der die offizielle Bezeichnung EDXQ trägt. Er ist nämlich kein gewöhnlicher Sportflugplatz mit Betrieb an Sonn- und Feiertagen beziehungsweise am Wochenende. „Wir sind ein Verkehrslandeplatz und haben eine Betriebspflicht“, informiert Falk. Der Rotenburger Flugplatz sei deshalb Bestandteil des Bundeswegenetzes und komme auf rund 10000 Starts und Landungen im Jahr.

Vor diesem Hintergrund nutzen ihn zahlreiche Institutionen. Dazu gehören die Flugschulen der Umgebung, aber auch die Bundespolizei und die DRF Luftrettung sind Gäste. Selbst die Bundeswehr übt mit ihren „Transall“-Maschinen das Landen und wieder Durchstarten, das sogenannte Touch and Go. Dafür eignet sich die Infrastruktur, die laut Internetseite eine 806 Meter lange Asphaltlandebahn, Landebahnbefeuerung, eine Grasbahn von 750 Metern Länge für Ultraleichtflieger und Motorsegler, eine Segelflugbahn von 1200 Metern sowie einen Hubschrauberlandeplatz umfasst.

Der weithin sichtbare Tower indes ist längst nicht mehr in Betrieb. „Er ist gebaut worden, damit die Fluglotsen der Bundeswehr über den Wald in Richtung Norden schauen konnten“, berichtet Günther Falk mit Blick auf die Geschichte des Areals. Sie geht zurück bis ins Jahr 1936. Damals wurden die ersten Gebäude der heutigen Lent-Kaserne in der Nachbarschaft errichtet. „Die Liegenschaft sollte ein Luftzeugamt beherbergen, daran angebunden wurde ein Fliegerhorst errichtet. Als Deckname für den Flugplatz legte man ,Seebad' fest. Der südliche Teil des Areals ist zum Flugfeld ausgebaut worden“, ist auf der Internetplattform www.relikte.com nachzulesen.

Nach dem Untergang des NS-Regimes und dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren in der Kaserne und dem Fliegerhorst ab dem 22. Juni 1945 britische Besatzungstruppen stationiert. Ab 1958 übernahm die neu aufgestellte Bundeswehr den Standort Rotenburg. Da sie die Liegenschaft so nutzen wollte, wie es die vorhandene Infrastruktur ermöglichte, wurden Heeresflieger und Logistiktruppen dort stationiert. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden im Zuge mehrerer Bundeswehr-Reformen die Heeresflieger im Jahr 1994 aufgelöst. Ein Jahr später gründeten die Stadtwerke Rotenburg und zwei Privatleute die Flugplatz Rotenburg GmbH. Seitdem wird er zivil genutzt.

Wer startet und landet, steht im Flugbuch, das Günther Falk und seine Kollegen führen müssen. Doch das ist nur eine von zahlreichen Tätigkeiten, die zur Aufrechterhaltung des Betriebes notwendig sind. So müssen die Flugleiter unter anderem die Landegebühren kassieren. „Und kleine Hausmeisterdienste wie Rasenmähen müssen auch mal sein“, sagt Falk mit einem verschmitzten Lachen. Doch selbst dabei ist er immer erreichbar.

Um seine Aufgaben erledigen zu können, ist beispielsweise der Funk unentbehrlich. Dabei verfügt jeder Standort über eine eigene Frequenz. Wer Rotenburg ansteuert oder von dort abhebt, wickelt den Funkverkehr darüber ab. Günther Falk teilt den Piloten unter anderem mit, wie das aktuelle Wetter ist. Unentbehrlich sind dazu der Windmesser und das Luftdruck-Messgerät. Verfügt ein Flugzeugführer nämlich nicht über die entsprechenden Informationen, kann insbesondere die Landung in einem Desaster enden. Weitere Wetterinformationen ruft Günther Falk über frei zugängliche Portale im Internet ab.

Selbst die in der breiten Allgemeinheit schon fast in Vergessenheit geratene Lose-Blatt-Sammlung gibt es auf den bundesdeutschen Flugplätzen und Flughäfen noch. Dabei handelt es sich um das Luftfahrthandbuch, das für alles Standorte vorgeschrieben ist. Darin ist genau festgelegt, in welcher Höhe und aus welcher Richtung Motorflugzeuge, Ultraleichtflieger und Segelflieger den Standort ansteuern müssen. „Piloten, die in Rotenburg starten und landen, sind verwöhnt“, findet Falk, „in Verden und Lauenbrück gibt es jede Menge Bäume, über die sie hinweg müssen“. In Rotenburg sei hingegen freie Bahn gewährleistet.

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