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Fahrlehrer sauer: Zu wenig Prüfungstermine

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Von: Guido Menker

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Insa Holsten-Cordes mahnt Engpässe bei Prüfungsterminen für Fahrschüler an.
Insa Holsten-Cordes mahnt Engpässe bei Prüfungsterminen für Fahrschüler an. © Menker

Mobilität ist vor allem für junge Menschen im ländlichen Raum von großer Bedeutung. Vor allem dann, wenn sie einen Ausbildungsplatz annehmen oder einen ersten Job bekommen. Der Führerschein muss her. Problem: Es gibt zu wenig Termine für die praktische Prüfung. Folge: lange Wartezeiten. Die Fahrlehrer sind sauer. Der Tüv weist die Kritik zurück.

Rotenburg - Das Problem ist nicht neu. Doch spätestens mit Beginn der Corona-Pandemie hat es sich verschärft: Die Fahrschulen klagen über die aus ihrer Sicht äußerst angespannte Prüfplatzsituation. Im Klartext: Musste man im Normalfall wenige Wochen auf den Termin für die praktische Führerscheinprüfung warten, „reden wir heute von Monaten“, sagt Insa Holsten-Cordes.Sie ist Fahrlehrerin und betreibt mit ihrem Mann die Fahrschule Franke in Rotenburg. Zugleich ist sie die Vorsitzende des Fahrlehrer-Kreisverbandes im südlichen Teil des Landkreises.

„Eine Situation wie diese haben wir alle so noch nicht erlebt“, umschreibt die Kreisvorsitzende die Lage. Seit Beginn der Pandemie habe die Situation Ausmaße angenommen, die nicht mehr zu ertragen seien. „Es fehlt die Verlässlichkeit“, sagt Holsten-Cordes. Mit Beginn dieses Monats nämlich habe der Tüv – zuständig für die praktischen Prüfungen – die bislang zur Verfügung gestellten Termin-Festkontingente für die Fahrschulen gestrichen. Jetzt müssten an bestimmten Zeiten Prüftermine angefragt werden. „Keiner weiß, wie lange das so weitergeht.“

Immer dann, wenn ein System nicht mehr zu funktionieren scheint, mit dem mehrere Partner verbunden sind, schiebt der eine den Grund dafür auf den anderen. So ist es auch in diesem Fall: „Die dargestellte Situation in Rotenburg mit achtwöchigen Wartezeiten und Problemen bei der Terminvergabe können wir nicht nachvollziehen und weisen die Behauptungen als falsch zurück“, teilt Claas Alexander Stroh als Sprecher des Tüv Nord auf Anfrage unserer Redaktion mit.

Seit fast drei Jahren erhielten die Fahrschulen Regeltermine – also feste Tage und feste Uhrzeiten – mit einem planbaren Kontingent, das die Fahrschulen nicht einmal in jedem Monat voll ausschöpften, so Stroh. Die Pandemie treffe auch den Tüv Nord und wirke sich auf die Einsatzzeiten der Prüfer aus. „Vor den Sommerferien erhielten die Fahrschulen (...) ein Info-Schreiben, in dem auf mögliche krankheitsbedingte Engpässe aktiv hingewiesen wurde“, so der Tüv-Sprecher weiter. Diese Situation betreffe jedoch auch die Fahrschulen und -schüler.

Fahrlehrer und -schulen stünden vor großen Herausforderungen, es gebe zurzeit ein großes Aufkommen an Fahrschülern, die auf Mobilität warteten, erklärt Holsten-Cordes. Nicht zuletzt deshalb sei es ärgerlich, wenn es nicht ausreichend Prüfungskontingente bei der Prüforganisation Tüv Nord gebe. Fahrschulen benötigten erfahrungsgemäß vor und während der Sommerferien sowie darüber hinaus vor dem 1. August und dem 1. September deutlich mehr Prüfungen. Grund: Mit Blick auf den Beginn einer Ausbildung handele es sich um einen wichtigen zeitlichen Abschnitt. Die Termine indes reichten nicht aus, mitunter könne dies dazu führen, dass Ausbildungs- oder auch Arbeitsplätze nicht angenommen werden könnten. „Mobilität spielt gerade im ländlichen Raum eine große Rolle“, sagt die Fahrlehrer-Verbandsvorsitzende. Daher gehe die Zahl der Fahrschüler eben nicht wie in vielen Ballungsräumen zurück. Das Gegenteil sei der Fall.

Zugesagte Prüftermine müssten krankheitsbedingt häufiger abgesagt werden, weil entweder die Fahrschule oder Prüfende von Corona betroffen sind, stellt Claas Alexander Stroh fest. Für alle Beteiligten sicherlich eine missliche Situation, meint er. „Doch auch diese frei gewordenen Termine werden nur in den wenigsten Fällen wieder von einer der Fahrschulen neu besetzt.“ So würden schlussendlich Prüftermine abgesagt, die den Fahrschulen eigentlich noch zur Verfügung stünden. Stroh: „Hier müssen die Fahrschulen deutlich mehr Flexibilität zeigen.“

Insa Holsten-Cordes und der Sprecher der Fahrlehrer im Nordkreis, Kai-Peter Voss, haben zuletzt an mehreren Stellen deutlich gemacht, dass sie seit geraumer Zeit – und damit auch schon seit der Zeit vor Corona – mit der Zusammenarbeit des Tüv Nord unzufrieden seien. Die Führerscheinbewerber sowie ihre Eltern laden laut Holsten-Cordes ihren Frust in den Fahrschulen ab, werfen diesen mitunter Unfähigkeit in der Planung vor. In einem Schreiben des Tüv Nord Mobilität, Region Bremen, an die Fahrschulen von Mitte Juli heißt es: „Die Pandemie verlangt uns alles ab, und wir arbeiten täglich mit Hochdruck daran, Ihnen schnellstmöglich wieder mehr Verlässlichkeit und Planungssicherheit bieten zu können.“ Das klingt so, als sei dem Tüv das Problem sehr wohl bekannt. Stroh erklärt gegenüber der Kreiszeitung, dass man alle Hebel in Bewegung setze, um mehr Prüfungen anzubieten. Er spricht von Samstagsarbeit und davon, dass Fahrprüfer Mehrarbeit leisten und in Absprache mit den Betriebsräten ihren Urlaub verschieben. Außerdem ziehe man Mitarbeiter aus anderen Bereichen heran und aktiviere Ruheständler.

„Insbesondere die Samstagstermine werden von den Fahrschulen auch gut angenommen“, berichtet Stroh. Man unternehme viel, um die Situation für die Fahrschüler zu verbessern. „Dies wird nach unserer festen Überzeugung nur in Kooperation aller Beteiligten gelingen und nicht mit unhaltbaren Behauptungen sowie einseitigem Finger-Pointing auf den Tüv.“

Holsten-Cordes hingegen erinnert daran, dass die Fahrschulen bereits im vergangenen Jahr deutlich auf den „Notstand“ hingewiesen hätten. Dazu habe nicht zuletzt auch die Prüfzeitverlängerung beigetragen – längere Prüfungen reduzierten die Zahl der an einem Tag vorgenommen Prüfungen. „Alle unserer Kollegen haben einen dicken Hals. Es ist eine Katastrophe“, fügt Holsten-Cordes hinzu. Es hakt also im System. Der Fahrlehrerverband wünscht sich wieder mehr Planungssicherheit. Nicht zuletzt deshalb wendet sich Insa Holsten-Cordes inzwischen auch an den Landkreis sowie an die Landespolitiker. Vom Tisch ist das Thema damit aber noch nicht.

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