„Rotenburg ist unsere Heimat“

Erinnerung an die Aufnahme der Boatpeople vor 40 Jahren 

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Die Begrüßung der Gäste durch Bürgermeister Andreas Weber in der Pausenhalle der Realschule.

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Ein Abend des Erinnerns, des Dankens und der Zuneigung: 40 Jahre Boatpeople in Rotenburg. Vor vier Jahrzehnten mussten nach einem grausamen Krieg Hunderttausende Vietnamesen aus ihrer Heimat flüchten und sich in fremder Welt integrieren. Diese Erinnerungen wurden am Samstag in der Pausenhalle der Rotenburger Realschule wieder lebendig. Bescheiden lächelnd bekannte Cam Loan Do vor ihrer „großen Familie“, vor zahlreichen Landsleuten aus vielen Teilen Deutschlands und Europas, vor Vertretern der Stadt Rotenburg und des ehemaligen Versorgungskrankenhauses Unterstedt sowie den Ehrengästen: „Vor 40 Jahren sind wir nach Rotenburg gekommen, ohne eine Ahnung zu haben, wie es weitergeht.“

Die inzwischen 59-Jährige war einer der 428 Gäste und stand auch neben einem Bild des deutschen Handelsschiffs „Tom Jacob“, dessen Besatzung sie und andere Vietnamesen damals in Sicherheit gebracht hatte: „Ja, ich bin Rotenburgerin und stolz und dankbar für die Aufnahme in dieser Stadt.“

Zu diesem Abend hatte die Rotenburger Verwaltung eingeladen. Die einstigen Boatpeople wollten sich bei denen bedanken, die sie damals unterstützt, die ihnen unter die Arme gegriffen, beim Einleben in einem fremden Kulturkreis und beim Aufbau einer neuen Existenz geholfen haben. Die Eingliederung ist geglückt, die Flüchtlinge haben eine neue Heimat gefunden. Sie sind längst Mitglieder der Gesellschaft, haben seit vielen Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft, haben sich neue Existenzen aufgebaut, sind inzwischen Mütter und Väter, haben Enkel und auch schon Urenkel.

Axel Lüers (l.), ehemaliger Verwaltungsleiter des Krankenhauses Unterstedt, zusammen mit Dr. Diederich Sommerwerck

Bürgermeister Andreas Weber erinnerte in der Feierstunde an den 20-jährigen Krieg, der 1975 mit dem Sieg des kommunistischen Nordvietnams und der Wiedervereinigung des asiatischen Staates unter der Führung Nordvietnams endete. Kriege hinterlassen schreckliche Spuren. In Vietnam bezahlten Ungezählte die mörderischen Kämpfe mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit.

Eine Hatz auf Nichtkommunisten, so Bürgermeister Weber, habe nach dem Krieg begonnen. Etwa 1,5 Millionen Menschen, die Boatpeople, hätten versucht, in Schiffen über das Südchinesische Meer zu entkommen. Mehr als 250 000 Menschen kamen um, ertranken, verdursteten, wurden Opfer von Piraten oder starben an Krankheiten.

Die Boatpeople, die später in Unterstedt und in Rotenburg eine sichere Bleibe fanden, hatten Glück: Ihr Boot wurde von dem deutschen Handelsschiff „Tom Jacob“ in Schlepp genommen und in einen thailändischen Hafen gebracht.

Inzwischen hatte der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht erklärt: Niedersachsen nimmt 1 000 Boatpeople auf. Mit Bundeswehrflugzeugen wurden die Vietnamesen nach Deutschland und über Friedland nach Niedersachsen gebracht. Mehr als 70 von ihnen, so Andreas Weber, seien in das landeseigene Versorgungskrankenhaus Unter-stedt gekommen. Bei einer Reihe von ihnen bestand der dringende Verdacht auf Lungenkrankheiten.

Cam Loan Do und Bürgermeister Andreas Weber neben einem Bild des Handelsschiffs „Tom Jacob“, das die Boatpeople gerettet hatte.

Der Bürgermeister zollte den damaligen Mitarbeitern der Klinik, deren Chefarzt Dr. Walter Klug war, Anerkennung und Dank für die Betreuung und Hilfe der vietnamesischen Flüchtlinge. Zahlreiche Rotenburger Bürger seien damals spontan bereit gewesen, sich an dieser humanitären Unterstützung für die Neubürger zu beteiligen. Ihnen gelte der Dank der Stadt für die Integration der Boatpeople.

Mitarbeiter von Ämtern, Behörden und Institutionen hätten alles getan, um die Eingliederung der Vietnamesen zu unterstützen. Dazu gehörten das Erlernen der deutschen Sprache und die Arbeitssuche. Bekanntschaften und Freundschaften wuchsen, die vietnamesischen Neubürger gehörten schnell dazu, auch wenn sich zwei fremde Kulturkreise trafen.

Von den ursprünglich gut 70 Geflüchteten leben heute noch sechs in Rotenburg. Angehörige und Landsleute haben, weit verteilt in anderen Teilen Deutschlands und im Ausland, neue Lebensmittelpunkte gefunden. Das große Treffen am Samstag war für die meisten die erste Gelegenheit nach vielen Jahren, um gemeinsam in die Vergangenheit zu schauen und darüber zu sprechen, wie die Lebenswege in Freiheit verlaufen sind.

Gäste der Veranstaltung waren ebenfalls Frauen und Männer von Institutionen, die vor 40 Jahren entscheidend dazu beigetragen haben, dass die Boatpeople in Rotenburg schnell „eine neue Heimat gefunden“ haben.

Mit einem Klassik-Konzert klang im voll besetzten Lucia-Schäfer-Saal die Veranstaltung aus. Dabei spielte das Ensemble Animé ein ausgesuchtes Programm mit Werken von Frédéric Chopin, Astor Piazolla, Karl Jenkins, Ingo Höricht und dem Achimer Komponisten Albert Zilverberg.

Höhepunkt des Programms war das 1. Klavierkonzert von Chopin. Solist des Abends war der junge, 1998 in Rotenburg geborene Pianist Jannik Truong. Seine Eltern waren vor 40 Jahren als Boatpeople nach Deutschland gekommen.

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