Awo-Kreisverband kümmert sich um Jugendliche

19-Jähriger erzählt seine „Karriere“: Von einer Straftat zur nächsten

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Auf einem Friedhof leisten Jugendliche ihren Sozialdienst ab, den sie von einem Jugendstrafgericht auferlegt bekommen haben. Auch der Jugendliche aus der Region arbeitete 20 Stunden an einer Ruhestätte.

Rotenburg - Von Sophie Stange. Einbrüche, Internetbetrug, Verfolgungsjagd mit der Polizei, Fahren ohne Führerschein, Kennzeichen-Diebstahl, Körperverletzung und Schulschwänzen: Das ist keine bloße Auflistung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, sondern spiegelt das Leben eines damals 15- beziehungsweise 16-jährigen Schülers aus der Region wider. Er ist von einer Straftat in die nächste geschlittert. Bis ihm die Polizei bei einer Sache auf die Schliche gekommen ist. Seine Geschichte hat er uns nun erzählt.

In der achten Klasse ändert sich sein Leben: Seine Eltern trennen sich, der Kontakt zu seinem Vater bricht ab. „Irgendwann habe ich dann angefangen, mehrmals täglich Drogen zu nehmen. Ich habe alles ausprobiert“, sagt der heute 19-Jährige, der anonym bleiben möchte. So ist er, wie er selbst sagt, „auf falsche Ideen gekommen“ und durch „falsche Kontakte“ immer häufiger in Straftaten verwickelt worden.

Er klaute und brachte beispielsweise Handys und Co. an den Mann oder die Frau. Gemeinsam mit einem „Kollegen“, wie er seine Bekanntschaften nennt, lieferte er sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, die für ihn in einem Maisfeld endete. Da er jedoch nicht der Fahrer des Autos war, blieb die Tour für ihn ohne Konsequenzen. Die Schule schwänzte er regelmäßig. „Ich hatte im Schnitt 100 Fehltage“, sagt er, als sei es die normalste Sache der Welt. Seine Begründung: „Ich kann nicht so lange sitzen.“

Viele Gespräche hat die Sozialarbeiterin Marisa Schwarz mit dem heute 19-Jährigen über die Straftaten, die er begangen hat, geführt.

Mehrmals habe er als 15-Jähriger über das Internet Smartphones angeboten, die er selbst jedoch nicht besessen hat. Das Geld kassierte er ein. „Beim fünften oder sechsten Mal bin ich aufgeflogen.“ Der Käufer erstattete Anzeige bei der Polizei, die den damaligen Schüler schnell ermitteln konnte. Der Fall landete beim Jugendstrafgericht. „Ich musste hin und aussagen. Ich fand das aber nicht schlimm.“

 Es ist ihm schon irgendwie peinlich gewesen, was er da veranstaltet hat, aber vielmehr, dass er aufgeflogen ist, sagt er und lacht. Das Jugendstrafgericht verurteilte den damals 15-Jährigen zu 20 Sozialstunden, einer Geldstrafe in Höhe des verursachten Schadens und Betreuungsweisungen. Letzteres bedeutet, dass sich ein Sozialarbeiter oder -pädagoge mehrmals in der Woche über einen Zeitraum von mehreren Monaten bis hin zu Jahren um den jugendlichen Straftäter kümmert – so wie beispielsweise Marisa Schwarz, die als Sozialarbeiterin für die Arbeiterwohlfahrt (Awo) des Kreisverbandes Rotenburg tätig ist.

In Gesprächen wird die Tat reflektiert, nach Gründen gesucht, die Familienverhältnisse beleuchtet und der Freundeskreis unter die Lupe genommen. Zudem geht es darum, Lösungen aufzuzeigen. Informiert wird die Awo über die Fälle der jugendlichen Straftäter vom Jugendamt.

„Der böse, böse Bengel“

Im Fall des heute 19-Jährigen zog sich die Betreuungsweisung über drei Jahre hin. „Wir haben es verlängert, das war ganz angenehm“, sagt der junge Erwachsene. Zuerst fanden die Gespräche zweimal die Woche statt, dann wurden sie auf einmal pro Woche reduziert, so Marisa Schwarz. Die Mitarbeiter der Awo haben dem Schüler zum ersten Mal das Gefühl gegeben, dass ihm jemand zuhört. „Ich wurde wahrgenommen“, sagt er. 

Dieses Gefühl hat er in seiner Kindheit nicht häufig gehabt. Schließlich hieß es immer „Der böse, böse Bengel“. Schon früh musste er aufgrund einer schwierigen familiären Situation Verantwortung für sich übernehmen. Zudem fühlte er sich von Lehrern nicht ernst genommen. „In den Gesprächen mit der Awo wurde gefragt, wie es zu Hause läuft, ob etwas vorgefallen ist und darauf hingewiesen, dass mein Verhalten auch nicht immer so korrekt war.“

Den Drogen hat er mittlerweile abgeschworen, so der 19-Jährige: „Es hat Klick gemacht, als ich gesehen habe, was die Drogen mit einem Freund von mir gemacht haben“, sagt er. Sein Freundeskreis ist zur damaligen Zeit schnell gewachsen: „Man hat einen schlechten Kontakt, und der Rest kommt von allein.“ Doch mit der Zeit habe er sich von vielen Kontakten abgewandt: „Ich habe mich dann von vielen Leuten distanziert. Manche Kontakte bestehen immer noch, jedoch heißt es jetzt nicht mehr ,Willst du Geld verdienen?’, sondern: ,Moin, wie geht’s dir?’“

Keine Angst vor dem Knast

Seinen Hauptschulabschluss hat er in der Tasche, und durch ein Praktikum ist er an einen Ausbildungsplatz im Handwerk gekommen. Sein Wunsch ist es jedoch, später einmal zur Bundeswehr zu gehen, wie er betont.

„Ich bereue es nicht, was ich getan habe. So eine Zeit prägt. Menschen, die was durchgemacht haben, haben schließlich auch etwas zu erzählen.“ Angst, einmal im Gefängnis zu landen, hat der 19-Jährige nicht. „Ich fürchte aber, dass es irgendwann passieren könnte.“ Der Grund: „Es gibt viele Möglichkeiten, um ans schnelle Geld zu kommen.“ Das sei ein Antrieb für die Straftaten gewesen. „Doch mittlerweile bin ich mit meinem Leben zufrieden. Zwischendurch kommt es nur immer mal wieder hoch, wenn etwas kaputt geht oder mich jemand provoziert.“ - zz

www.awo-rotenburg- wuemme.de

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