Neue Vorwürfe gegen Kinderpsychiatrie-Leiter Bernhard Prankel

Diakonieklinikum spricht fristlose Kündigung aus

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Die Vorgänge in der Rotenburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Unterstedt sollen nun von einem externen Gutachter genauer unter die Lupe genommen werden. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Vorwürfe gegen Dr. Bernhard Prankel haben eine neue Dimension erreicht. Das Agaplesion Diaknieklinikum hat dem seit dem 18. Mai freigestellten Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJP) in Unterstedt am Freitag fristlos gekündigt. 

Die für Dienstag angesetzte Verhandlung über die Freistellung Prankels vor dem Arbeitsgericht Verden wurde am Montagnachmittag abgesagt – ein neues Verfahren ist in dem Streit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu erwarten. Einen Grund für die Kündigung nennt das Diako offiziell nicht – inoffiziell ist allerdings zu vernehmen, dass die fristlose Entlassung auf Aussagen und neuen Erkenntnissen beruht, die die Klinik seit der Freistellung im Mai über eine Hamburger Rechtsanwältin gesammelt hat.

„Die Geschäftsführung des Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg ist zu dem Ergebnis gekommen, dass eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie nicht gewährleistet ist. Aus diesem Grund hat sie mit sofortiger Wirkung eine außerordentliche verhaltensbedingte Kündigung des Arbeitsverhältnisses ausgesprochen“, teilte Kliniksprecherin Ute-Andrea Ludwig am Montagnachmittag auf Anfrage mit. Details nannte sie nicht: „Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir zum Schutz aller Beteiligten zu dem laufenden Verfahren nicht weiter Stellung beziehen.“

Ein Kreis aus Kollegen aus dem Diako, niedergelassenen Ärzten aus der Region und Eltern von in der Klinik behandelten Kindern hatte sich Mitte Mai an die Rotenburger Kreiszeitung gewandt und massive Vorwürfe zur Arbeit Prankels an der KJP geäußert. Viele Probleme, so hieß es in den Gesprächen, seien der Diako-Geschäftsführung seit Jahren bekannt. Zu Konsequenzen habe das aber bislang nicht geführt. Auch die Behörden duldeten die Zustände im seit dem Jahr 2000 von Prankel geführten Haus, weil sie für Zwangsmaßnahmen auf die Einrichtung angewiesen seien, so die Kritiker. Inhaltlich ging es um den Umgang mit Mitarbeitern, von „Dynamiken wie in einem totalitären Regime“ war die Rede, die trotz der offensichtlichen Missstände zu einer „Mauer des Schweigens“ geführt hätten. Zudem zweifeln Kritiker am ärztlichen Vorgehen Prankels, einige niedergelassene Ärzte verweigern die Zusammenarbeit, weil ihnen die Methoden Prankels in der KJP zweifelhaft erschienen. Das UKE (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) hat seine Kooperation mit der KJP als Akademisches Lehrkrankenhaus seit Bekanntwerden der Vorwürfe ausgesetzt.

Prankel selbst weist die Vorwürfe zurück. Gegenüber der Kreiszeitung erklärte er am Montag: „Die Kündigung wurde nicht begründet. Wie schon die Freistellung halte ich auch die nun erfolgte Kündigung für unbegründet und werde dagegen rechtlich vorgehen.“ Er sei sich sicher, dass er alle Vorwürfe in einem Gerichtsverfahren entkräften kann. „So liegen mir Abschriften von positiven Stellungnahmen aktueller und ehemaliger Mitarbeiter, Patientenfamilien und einer Reihe von Heimleitern vor, in denen sie mir ihr volles Vertrauen aussprechen“, so der ehemalige Chefarzt. Der Arbeitsgerichtsgerichtsprozess in Verden könnte im September stattfinden, heißt es.

Das Diako hatte seit der Freistellung die Hamburger Anwältin Sabine Kramer als „unabhängige und externe Anlaufstelle, in der vertraulich gesprochen werden kann“, installiert. Rund 80 Rückmeldungen soll es dort und im Diako selbst seit den ersten Medienberichten gegeben haben – zu weiten Teilen mit Bestätigungen der bekannten Vorwürfe gegenüber Prankel. Offensichtlich sind auch neue Informationen zu bestimmten Vorfällen aufgetaucht, und die haben nun zu der fristlosen Entlassung geführt. Das Diako hält diese folglich für gerichtsfest.

Die gut 80 Mitarbeiter der KJP in Unterstedt werden über die neuen Entwicklungen am Dienstagnachmittag auf einer Betriebsversammlung informiert. Dann soll auch ein Gutachter vorgestellt werden, der „die Arbeit aufnehmen und Standards und Abläufe in der KJP aus fachlicher Sicht prüfen“ wird, so Ludwig. Auch die Absicht, einen neuen Klinikchef zu suchen, soll Thema sein.

Durch den Streit mit dem nun entlassenen Chefarzt habe die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen in der Klinik nicht gelitten, beteuert die Sprecherin: „Die klinische Arbeit und die Versorgung sind durchgängig sichergestellt.“ Kommissarisch werde die Klinik weiter von Dr. Malte Mechels, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, und Professor Andreas Thiel, Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin, geleitet. Prankel hatte mit seinen Nachfolgern bislang keinen Kontakt, wie er mitteilt: „Die kommissarische Leitung hat nie Kontakt zu mir aufgenommen, auch nicht zum Zweck von administrativen oder Patientenübergaben.“

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