Erste Analysen der 24 Verdachtsflächen haben noch keine Gefährdung ergeben

Bohrschlammgruben: Auch die Luft soll untersucht werden

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Die Kreispolitik kritisiert, dass bisher nur Boden- und Wasserproben vorgenommen wurden und fordert auch Luftmessungen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Was tatsächlich drin ist, weiß noch niemand so genau, und ob der Inhalt möglicherweise zu den erhöhten Krebsraten in der Samtgemeinde Bothel und in Rotenburg beiträgt, wird noch untersucht. 24 Bohrschlammgruben im Kreisgebiet stehen seit dem ersten Verdacht auf Giftmüllablagerungen aus der Erdgasförderindustrie vor vier Jahren im Fokus der Behörden. Bislang wurde kein erhöhtes Gefährdungspotenzial ermittelt. Aber die genaueren Untersuchungen an den meisten Plätzen stehen noch aus.

Nur für drei Gruben in Bevern, Groß Meckelsen und Stemmen kann bislang Entwarnung gegeben werden. Acht Verdachtsflächen sind seit Ende Mai in das Fünf-Millionen-Euro-Förderprogramm, das das Land gemeinsam mit der Industrie aufgelegt hat, aufgenommen worden, für zwei sind Zuwendungsbescheide in Aussicht gestellt und zwei stehen noch auf der Warteliste. Auch für die Untersuchung der übrigen Gruben sind Fördermittel beantragt, so Gert Engelhardt, Leiter des Amts für Wasserwirtschaft und Straßenbau im Kreishaus, in der jüngsten Sitzung des AG Erdgas des Kreistags.

Über Jahrzehnte hatte die Förderindustrie mehr oder weniger unbehelligt in den Bohrschlammgruben ihren Müll verklappt: Stein, Sand, Matsch und „Produktionsreste“. Zufall ausgeschlossen, hieß es, als das Gesundheitsamt des Landkreises nach Auswertung der Krebsstudie von Bothel einen Zusammenhang erkannte: Die signifikant erhöhte Zahl hämatologischer Krebsfälle bei älteren Männern in der Samtgemeinde Bothel stehe im Zusammenhang zur Wohnortnähe zu Bohrschlammgruben. Tatsächlich gab es auch Hinweise auf Zusammenhänge der Erkrankungen mit der holzverarbeitenden Industrie, aber die Borschlammgruben werden nun explizit als krankmachender Faktor in der laufenden Human-Biomonitoring-Studie des Landes in Bothel ins Blickfeld gerückt. Ist der Organismus der Menschen, die in der Nähe von Erdgasförderstätten oder Bohrschlammgruben im Bereich der Samtgemeinde Bothel leben, mit krebserregendem Benzol und Quecksilber belastet?

Das Untersuchungsdesign bei Suche nach Schadstoffen in den Gruben sieht zunächst eine Aktenstudie vor, dann eine orientierende Bodenbeprobung und im Zweifelsfall noch eine Detailuntersuchung. Die historische Erkundung der Standorte „Deepen“ und „Scheeßel Z1“ (beide Hemslingen) habe laut Engelhardt ergeben, dass dort jeweils die Möglichkeit einer Belastung besteht. In Grundwasserproben aus „Hamersen I“, „Hatzte“ und „Stuckenborstel“ seien erhöhte BTEX-Konzentrationen gefunden worden. Diese sollen nun im Rahmen einer erweiterten Untersuchung detaillierter überprüft werden. Und bei der Verdachtsfläche „Volkensen 4“ (Hamersen) sind Belastungen mit Toluol gefunden worden – kein „klassischer“ Bestandteil von Bohrschlämmen. Auch hier sollen genauere Analysen Klarheit bringen. Erhöhte Radioaktivität sei im Übrigen noch nirgendwo festgestellt worden.

Für Amtsleiter Engelhardt ist das Förderprogramm „Bürokratie hoch drei“, die das Warten auf Ergebnisse nicht verkürzt. Bis zu 25 000 Euro werden in die vorbereitende historische Erkundung nach Aktenlage und die erste orientierende Untersuchung mit Bodenproben aus dem Fördertopf investiert. Dass allerdings lediglich Boden- und Wasserproben gezogen werden, wird von der Kreispolitik stark kritisiert. Luftmessungen gibt es bislang nicht. Bothels Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle: „Es wäre verheerend, wenn wir den naheliegendsten Übertragungsweg von Belastungen bei den Untersuchungen ausschließen.“ Einstimmig haben sich deswegen die Mitglieder der AG Erdgas in der vergangenen Woche dafür ausgesprochen, dass die beauftragten Ingenieurbüros auch die Umgebungsluft der Bohrschlammgruben auf Luftverunreinigungen überprüfen. Engelhardt hat dafür bereits die Zustimmung der Verwaltungsseite signalisiert und entsprechend modifizierte Ausschreibungen in Aussicht gestellt: „Wir machen das mal.“ Sollten die Richtlinien des Landesprogramms dafür allerdings keine Finanzhilfe zulassen, müsste man im Landkreis selbst zahlen. Visselhövedes Bürgermeister Ralf Goebel dazu: „Dann entscheiden wir politisch, ob wir das wollen.“

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