Rotenburg diskutiert, ob die Stadt bei Veranstaltungen aktiver werden muss

Rollenwechsel: Ran ans Steuerrad

Bild von einem Musiker und Zuschauern auf dem Pferdemarkt
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Beim „Laut und draußen“ ist die Stadt als Mitveranstalterin an Bord. Soll sie künftig häufiger selbst das Steuer in die Hand nehmen? Darüber wird diskutiert.

Veranstaltungen größerer Art wird es im zweiten Corona-Jahr vermutlich auch nicht geben in Rotenburg. Und wie geht es danach weiter?

  • Kartoffelmarkt fällt 2021 wieder aus.
  • Stadt soll mehr selbst organisieren.
  • Neue Formate gesucht - auch von den Bürgermeisterkandidaten.

Rotenburg – Die Diskussion ist nicht ganz neu. Aber in diesen Tagen flammt sie wieder auf: Welche Rolle soll und kann die Stadt Rotenburg einnehmen, wenn es um große Veranstaltungen in der Stadt an der Wümme geht? Denn viele Macher – in erster Linie Vereine – haben Probleme, die sich angesichts der Pandemie verschärfen. Es fehlen Leute, die bereit sind, in verantwortlicher Position mitzumachen. Junge Menschen rücken nicht mehr in dem Maße nach, wie es erforderlich wäre – es entwickelt sich also eine Ungewissheit beim Blick in die Zukunft. Und: Veranstalter haben zunehmend Auflagen zu erfüllen und haften, wenn etwas passiert.

Der Verein für Tourismus und Stadtwerbung (VTS) ist so ein Beispiel. Der zweite Vorsitzende Joachim Witt sagt ganz deutlich: „Es ist schwierig, das noch zu schaffen.“ Er meint nicht nur den Hökermarkt, sondern allen voran auch den Kartoffelmarkt. In beiden Fällen zieht er nicht nur viele Fäden, sondern ackert im Vorfeld, während der Veranstaltung und danach. Er schaffe es nicht mehr. Witt wird im Sommer 70 Jahre alt und möchte spätestens jetzt für sich neue Freiräume schaffen.

Vereine sollen entlastet werden

Um den Kartoffelmarkt wird er sich in der bisherigen Form nicht mehr kümmern. „Es gibt keine Veranstaltung in diesem Jahr, das ist Fakt“, betonte er von seiner Seite aus auch am Mittwochabend in einem Gespräch mit Bürgermeister Andreas Weber (SPD) und weiteren Verantwortlichen der Stadtentwicklung während eines virtuellen Runden Tischs. Das liege an der Pandemie, aber eben auch an dem hohen Aufwand und der Verantwortung.

Benjamin Roolfs als Leiter der Tourist-Information im Rathaus versteht das nur zu gut. Er selbst kann das nicht entscheiden, ist aber der Meinung, dass die Stadt sich auch als Veranstalterin mehr einbringen muss. „Wir rudern als Kooperationspartner oder Mitveranstalter mit, aber wir sollten viel mehr selbst das Steuer in die Hand nehmen.“ Damit ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits nehme man den Vereinen die Last, andererseits sei es dann möglich, neue Formate zu schaffen und zu etablieren.

Wenn Witt also sagt, er schaffe es nicht mehr und mit ihm werde es den Kartoffelmarkt so nicht mehr geben, sollte sich die Stadt davon nicht abhängig machen, wenn ihr viel an dieser Veranstaltung liegt. Witt dementierte in der Mittwochsrunde übrigens Gerüchte, nach denen sich der VTS auflöst: Man bräuchte erst mal eine Jahreshauptversammlung, dann sehe man, was daraus wird. Aber von einer Auflösung sei „überhaupt noch nicht die Rede gewesen“.

Was ist, wenn jemandem mal die Sicherungen durchbrennen?

Cornelia Gewiehs, Vorsitzende IG Citymarketing mit Blick auf Haftungsfragen bei Veranstaltungen

Roolfs indes zeigt sich zuversichtlich: „Den Kartoffelmarkt wird es aller Voraussicht nach geben – an einem anderen Ort, vielleicht mit einem neuen Namen, aber auf jeden Fall mit neuen Inhalten.“ Wenngleich es wegen der Pandemie schwierig werden dürfte. Wie Weber beim Runden Tisch bemerkte, wird die Stadt in diesem Jahr nicht in der Lage sein, einen Markt zu organisieren, weil in dem Zeitraum auch die Wahlen stattfinden. Deswegen sei es so wichtig, an anderen Stellen die Attraktivität der Innenstadt zu steigern.

Der Wunsch des Tourismus-Experten im Rathaus ist dennoch deutlich: „Wir müssen entscheidungsfreudiger werden. Es ist an der Zeit, dass wir mehr machen.“ Attraktive Veranstaltungen seien imageprägend für eine Stadt wie Rotenburg. Sie könnten eine Attraktion sein und Menschen in die Stadt ziehen, die sonst nicht kommen. „Leben in die Bude“ – das sei, so Roolfs, ein Instrument des Stadtmarketings, und in vielen Städten lege man darauf zunehmend ein Hauptaugenmerk.

Neue Ideen in der Schublade

Für Roolfs habe man es mit einem strukturellen Problem zu tun, um das es sich zu kümmern gelte. „Nur weil einer nicht mehr weitermacht, bricht alles weg – das darf nicht sein.“ Es gehe um grundsätzliche Überlegungen. „Was wollen wir?“, sei die entscheidende Frage. Auch und vor allem inhaltlich: Wolle man nur zehn Buden und eine Bühne für Frontalbeschallung auf den Marktplatz stellen, könne man auch einen Veranstalter von außen holen.

Aber ist das zeitgemäß? Roolfs legt Wert auf eine Stadt, die nicht nur aktiv wird, sondern auch langfristig plant. „Und wir sollten gucken, wie die Welt da draußen tickt.“ Soll heißen: Es sei zu berücksichtigen, welche Art von Veranstaltungen gut ankommen und um welche Inhalte es gehen kann.

Rotenburg verfüge über eine sehr aktive Vereinslandschaft, die es zu erhalten gelte. „Die besten Ideen sind schon da, deshalb sollte es ein gutes Miteinander geben. Aber auch wir haben schon das ein oder andere in der Schublade.“ So oder so setzt er auf eine Kooperation mit den lokalen Akteuren – nur die Rollen müssten stellenweise wechseln, um die Vereine aus der zum Teil für sie erdrückenden Verantwortung zu nehmen. Sie rudern mit, auch inhaltlich, und die Stadt nimmt das Steuer in die Hand.

Diese Verantwortung eben ist es, die Cornelia Gewiehs zu denken gibt. Die Vorsitzende der IG Citymarketing pocht seit Längerem darauf, dass sich die Stadt aktiver einbringt. „Wir würden mehr Engagement begrüßen, auch aus Haftungsgründen“, machte sie am Runden Tisch aufmerksam. Auch Witt kann nur bekräftigend nicken, wenn Gewiehs Sorgen anspricht, die in heutiger Zeit denkbar sind, auch wenn niemand hofft, dass es so weit kommt: „Aber was ist, wenn jemandem mal die Sicherungen durchbrennen?“ Es gebe eine Grenze für das Ehrenamt, manche Risiken sind eine Nummer zu groß. „Wir müssen uns grundsätzlich verständigen, wie so etwas künftig gelöst wird. Das übersteigt unsere Möglichkeiten. Wenn wir keinen Weg finden, wird es sonst das Ende der Veranstaltungen sein.“

Eine Idee, die der IG vorschwebt, ist, aus dem Hökermarkt vielleicht eine Hökerwoche zu machen, in Verbindung mit einem verkaufsoffenen Sonntag. So könnten Besucherströme entzerrt werden, und sie könnten „ein bisschen was retten“ – denn Veranstaltungen wie diese seien auch für den Einzelhandel wichtig, der davon profitiere. Bürgermeister Weber sieht da aber eher das Problem des mangelnden Vorlaufs. Das Thema wird also noch weiter diskutiert werden müssen.

Und was sagen die Bürgermeisterkandidaten?

Was sagen die beiden Bürgermeisterkandidaten Frank Holle (CDU) und Torsten Oestmann (parteilos) zu der Rolle der Stadt, wenn es um große Veranstaltungen in der Kreisstadt geht? Einer von ihnen wird Noch-Bürgermeister Andreas Weber (SPD) im Rathaus ablösen und in den kommenden Jahren mit dem Thema zu tun haben. „Um ein völliges Ausbluten der Innenstadt nach Corona zu verhindern, sehe ich es als wichtige Aufgabe der Stadtverwaltung an, unsere Gewerbetreibenden beziehungsweise ihre Interessenvertreter wie die IG Citymarketing, das Rotenburger Wirtschaftsforum, den Verein für Tourismus und Stadtwerbung sowie die AG ,Gutes für die Goethestraße’ bei der Steigerung der Attraktivität bestmöglich zu unterstützen“, erklärt Holle. Und das nicht nur ideell, sondern auch aktiv durch die Bereitstellung von ausreichend finanziellen Mitteln, sagt er.

Die Stadt müsse außerdem schnell einspringen, wenn Veranstaltungen wie der Hökermarkt oder Kartoffelmarkt in Gefahr stünden, auszufallen, weil sich kein Organisator mehr findet. „Die Stadt würde dann die Veranstalterrolle übernehmen. Entsprechende Haftungsrisiken sind über die Haftpflichtversicherungen der Kommunen – Kommunaler Schadenausgleich – abgesichert“, erklärt Holle. Bauamt, Ordnungsamt und Bauhof könnten beim Auf- und Abbau sowie bei der Einholung verkehrsbehördlicher Genehmigungen unterstützen. „Selbstverständlich würde ich im Falle meiner Wahl zum Bürgermeister meine Erfahrungen und Kontakte aus meiner fast zehnjährigen Tätigkeit als Geschäftsführer der Tarmstedter Ausstellung unterstützend einbringen.“

Ferner erklärt Holle, dass zur Organisation von Veranstaltungen auch kein neues Personal eingestellt werden müsse. Nach den ihm bisher vorliegenden Informationen gehöre zur Stellenbeschreibung des Leiters der Tourist-Information, Benjamin Roolfs, auch die Vorbereitung und Durchführung von Veranstaltungen sowie die Weiterentwicklung der Veranstaltungslandschaft. Dort wäre das Thema also bestens aufgehoben.

Nach Ansicht von Bürgermeisterkandidat Torsten Oestmann machen Veranstaltungen wie der Kartoffel- oder Hökermarkt Spaß, sie fördern die Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl, ferner erhöhten sie den Freizeitwert Rotenburgs. „Aktuell sehnen wir uns alle danach, gemeinsam feiern zu können, überhaupt etwas gemeinsam unternehmen zu können. Insofern halte ich die Durchführung solcher Veranstaltungen nach der Corona-Zeit für umso wichtiger als ohnehin schon.“ Jetzt gehe es darum, Wege zu finden, dass diese Veranstaltungen weiter existieren können. „Ich kann mir eine Ausrichtung durch die Stadt grundsätzlich vorstellen, aber ich bin natürlich in die bisherigen internen Abläufe nicht im Detail eingeweiht.“ Eine vernünftige Planung sei mit nicht unerheblich Arbeitszeit verbunden, und er könne aus seiner jetzigen Position nicht sicher beurteilen, ob eine Organisation durch die Stadt selbst ohne größere Probleme tatsächlich möglich ist. „Das müsste man prüfen.“ Genauso gut könne er sich aber eine Ausrichtung durch professionelle Bewerber aus der Wirtschaft mit Unterstützung der Stadt vorstellen, wenn über die Umsetzung Einigkeit herrscht. Es sei wichtig, seitens der Stadt darauf zu achten, dass die Veranstaltungen weiterhin dem Allgemeinwohl dienen und dementsprechend angenommen werden.

Die Zufriedenheit der Besucher mit dem Gebotenen – Bühnen- und Rahmenprogramm, Stände, Veranstaltungsort – sollten ständig überprüft werden, um die Attraktivität der Veranstaltungen zu erhalten. In solche Erhebungen sollte auch die Meinung derjenigen mit einfließen, die die Veranstaltung nicht besucht haben, um ihre Gründe dafür zu erfahren und in die Entscheidungsprozesse mit einfließen zu lassen. Oestmann abschließend: „Hier drängt sich eine digitale Befragung beziehungsweise ein entsprechendes Online-Portal geradezu auf.“ men

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