Feuerwehr-Fazit nach Unwetter und Hurricane

Hurricane-Abbruch: „Es war richtig, zu unterbrechen“

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Die Feuerwehr hat den ganzen Samstag mit dem Abpumpen der Wassermassen auf dem Eichenring zugebracht – und so immerhin den Sonntag gerettet.

Rotenburg - Von Michael Krüger. „Land unter“ in Scheeßel. 75.000 Besucher des Hurricane-Festivals stehen sprichwörtlich im Regen, ihre Zelte saufen ab, das Programm wird zunächst reduziert, am Samstag sogar komplett gestrichen. Um den dritten und letzten Tag zu retten, rücken zahlreiche Helfer von Feuerwehr und THW aus. Sie pumpen Wasser ab und sorgen dafür, dass es auf der Bühne schließlich doch noch zur Sache gehen kann. Über den Einsatz haben wir mit Dennis Preißler, Sprecher der Feuerwehr im Brandschutzabschnitt Rotenburg, gesprochen.

Herr Preißler, steht bei Unwetter oder Großveranstaltungen eine bestimmte Anzahl an Kollegen auf Abruf bereit?

Dennis Preißler: Die Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Rotenburg sind so aufgestellt, dass sie bei Unwetter jederzeit reagieren können. In der Regel werden die Einsatzkräfte im Schadensfall mit einem Funkmeldeempfänger durch die Leitstelle allarmiert. Der Melder oder Pieper, wie er umgangssprachlich genannt wird, wird von vielen Kameraden permanent mitgetragen. Das soll heißen, dass im Alarmfall der Kamerad seinen Arbeitsplatz oder die Freizeit unterbricht, um die Notlage zu beseitigen. Somit sind in jeder Feuerwehr mehrere Kameraden permanent in Bereitschaft – 24 Stunden 365 Tage im Jahr.

Und wie bekommt man bei einem Einsatz wie beim Hurricane die Kräfte schnell mobilisiert und koordiniert?

Preißler: Die Genehmigungen, zu manchen Veranstaltungen sehen eine Brandsicherheitswache vor. Beim Hurricane sind das 36 Kameraden mit Gerät, die in zwei Schichten 24 Stunden vor Ort sind. Die Koordination erfolgt bis zu einem gewissen Punkt durch die Leitstelle in Zeven. Sind nun Aufgrund eines Unwetters mehrere Einsätze abzuarbeiten wird die Koordination von einem Einsatzleitwagen übernommen, der in jeder Kommune steht. Bei dem Hurricane sind Feuerwehr und Rettungsdienst in einem ELW 3 untergebracht, der auch als mobile Einsatzleitzentrale bezeichnet werden kann. Dort laufen die Notrufe auf und werden entsprechend verarbeitet, die Alarmierung wird dann von einem Disponenten vorgenommen.

Mit wie vielen Kameraden sind Sie in Scheeßel vor Ort gewesen? Wo kamen die her?

Preißler: Die Brandsicherheitswache wurde in Schichten eingeteilt, so dass die Einsatzkräfte regelmäßig getauscht wurden. Insgesamt haben sich an diesen Diensten 140 Kameraden aus den Feuerwehren Scheeßel, Sottrum, Lauenbrück, Oerel, Bothel, Rotenburg, Zeven und Visselhövede beteiligt.

Zusätzlich wurde das THW gerufen. Warum?

Preißler: Die Wassermassen, die auf dem Eichenring niedergegangen sind, konnten mit den normalen Feuerwehrpumpen nicht schnell genug beseitigt werden. Die mitgeführten Pumpen reichen sicherlich aus, um große Keller auszupumpen, aber nicht, um Millionen Liter Wasser in kurzer Zeit zu bewegen. Einige Bereiche wurden von der Feuerwehr trockengelegt aber die großen „Seen“ hat man dem THW überlassen. Die Hochleistungspumpen vom THW, die auf einem eigenen Anhänger transportiert werden, können bis zu 15 Kubikmeter Wasser in der Minute abpumpen, das sind 900 000 Liter in der Stunde. Nur mal zum Vergleich, eine Feuerwehrpumpe leistet in der Stunde 12 000 Liter. Fazit: Das THW kann in einer Minute so viel Wasser abpumpen wie die Feuerwehr in einer Stunde.

Wie viele Kameraden kamen dazu?

Preißler: Insgesamt waren 50 THWler im Einsatz, aber nicht alle gleichzeitig, da in Schichten gearbeitet wurde.

Was waren die regulären Aufgaben – und was kam dann dazu?

Preißler: Die Feuerwehr stellt in erster Line den Brandschutz sicher und stellt somit Mannschaft und Gerät auf dem Festival zu Verfügung, das rund um die Uhr besetzt ist. Kommt es zum Feuer sind wir sofort vor Ort. Würde es zum Beispiel im Ort brennen, würden diese Einsatzkräfte nicht abrücken. In diesem Fall werden andere Feuerwehren zur Hilfe gerufen. Nun kamen die Wassermassen dazu und im hinteren Bereich der Bühnen wurden ebenfalls Flächen überschwemmt, so dass Rettungswagen nicht mehr fahren konnten. Dazu kam, dass die Rettungswagen auf den Zeltplätzen stecken geblieben sind und wir geländefähige Feuerwehrfahrzeuge zu Rettungswagen umbauen mussten, damit der Rettungsdienst einsatzbereit bleiben konnte.

Einmal den Eichenring abpumpen. Ganz normaler Einsatz oder gibt es Unterschiede beim Ablauf?

Preißler: Grundsätzlich war das Wetterausmaß nichts Außergewöhnliches, nur alles viel größer und schlammiger als sonst. Der Ablauf ist immer derselbe, es gibt ganz klare saubere Strukturen, die einen reibungslosen Ablauf ermöglichen.

Haben Sie so einen Einsatz wie auf dem Hurricane schon einmal erlebt?

Preißler: Ja, im Rahmen der Kreisbereitschaft sind wir im Norden des Landkreises schon mal gewesen und haben solche Wassermassen abpumpen müssen, da mehrere Gebäude und Keller vollgelaufen waren beziehungsweise drohten vollzulaufen.

Wo kommen die ganzen Materialien her? Gibt es ein Lager, wo für Großveranstaltungen oder vorhergesagte Unwetterwarnungen Sand oder Kies gelagert weden?

Preißler: Das entzieht sich meiner Kenntnis, von der Feuerwehr wurde in diesem Fall gar nichts von dem Material benötigt. Der Veranstalter hat gute Kontakte und besorgt sich diese Materialen.

Was passiert mit dem nassen Sand? Wer ist dafür verantwortlich, dass dieser nach Ende einer Überschwemmung wieder entsorgt wird?

Preißler: In diesem Fall muss der Veranstalter das wohl mit dem Eigentümer klären. Aufgabe der Feuerwehr und Gemeinde ist es auf keinen Fall.

Wer bezahlt den Einsatz?

Preißler: Es gibt zwei Einsätze, zum einen die Brandsicherheitswache, die vom Veranstalter bezahlt werden muss und nach der Gebührenordnung der Gemeinde Scheeßel berechnet wird. Dann folgte das Abpumpen der Wassermassen, dort lag keine Gefahrenabwehr vor und somit könnte ich mir vorstellen, dass die Gemeinde den Einsatz abrechnen wird.

Wie lässt sich ein solcher Einsatz wie am vergangenen Wochenende koordinieren, wenn in dem Bereich am Eichenring rund 75.000 Menschen unterwegs sind?

Preißler: Jetzt muss ich etwas schmunzeln, weil das so einfach abläuft, dass ich erst selbst überlegen muss, warum das eigentlich nur so dahin schnurrt wie ein Motor. Wir leben bei der Feuerwehr in klaren Strukturen, wir haben Einsatzleiter, Zugführer, Gruppenführer und jede Menge Trupps, die genau wissen was zu tun ist. Schon auf dem Einsatzfahrzeug hat jeder Sitzplatz seine Aufgabe. Die Einsatzleitung steht direkt auf dem Gelände und kann wunderbar koordinieren, die jahrelange Erfahrung spielt natürlich auch eine Rolle. Ebenso die Absprache mit dem Rettungsdienst. Die Rettungswege werden für uns permanent freigehalten und somit sind wir jederzeit schnell vor Ort.

Wird die Möglichkeit eines solchen Einsatzes im Vorfeld ins Auge gefasst und entsprechend vorbereitet?

Preißler: Es muss so einiges im Vorfeld organisiert werden und jede erdenkliche Lage versucht man zu berücksichtigen. Daher laufen im Vorhinein mehrere Besprechungen mit den Behörden und Veranstaltern. Das ist schon sehr aufwendig.

Sind die freiwilligen Helfer, die die Fortsetzung des Festivals am Sonntag überhaupt erst möglich gemacht haben, eigentlich vom Veranstalter in irgendeiner Weise für ihre Mühe belohnt worden?

Preißler: Der Veranstalter hat sich persönlich bei allen eingesetzten Kräften für ihr außerordentliches Engagement bedankt und erkenntlich gezeigt. Unabhängig davon bekamen die Einsatzkräfte das Eintrittsband kostenlos, um die dienstfreie Zeit auf dem Hurricane zu verbringen.

Warum war es richtig und wichtig, das Programm am Samstag komplett zu streichen und am Freitagabend eine Unterbrechung von rund zwei Stunden anzuordnen?

Preißler: Am Freitag hatte das Gewitter für die Unterbrechung gesorgt, das war schon heftig und man ist sehr froh, dass nichts passiert ist. Ein Unfall wie beim Rock am Ring wollte keiner noch mal erleben und somit war es das absolut Richtige, das Festival zu unterbrechen. Am nächsten Tag war es einfach nicht möglich auf dem Gelände irgendwelche Rettungsfahrzeuge fahren zu lassen, da diese schlicht und einfach im Schlamm versunken wären. Wir hatten die Lage aber gut im Griff und das Wasser sogar fast abgepumpt, so dass es mit dem Musikfest hätte weitergehen können. Gegen 20 Uhr kam dann erneut Regen und wieder recht heftig, sodass wir von vorne beginnen konnten. Somit blieb nichts anderes übrig, als die ganze Nacht zu pumpen, um zumindest den Sonntag zu retten, was auch geglückt ist.

In Bremen wird diskutiert, dass Fußballvereine oder die Liga für große Polizeieinsätze zahlen sollen. Wie ist es mit den Diensten Freiwilliger? In welchen Situationen müssen Einsätze der Feuerwehr bezahlt werden?

Preißler: Wie gesagt, so wie ich das sehe, muss dieser Einsatz bezahlt werden. Wenn Menschenleben oder erhebliche Sachgüter in Gefahr sind, dann wird geholfen, ohne dass diese Einsätze berechnet werden. Alles andere wird nach der jeweiligen Gebührenordnung abgerechnet. Die Freiwilligen sind halt freiwillig dabei und bekommen kein Geld für ihre Tätigkeit.

Falls ein Verein bei einer Veranstaltung die Feuerwehr um Mithilfe bittet, muss er dann auch Entschädigung zahlen?

Preißler: Es liegt im Ermessen des Ordnungsamtes wie die Berechnung ausfällt. In vielen Gemeinden werden ortsansässige Vereine, die sozusagen gemeinnützig handeln, nicht zur Kasse gebeten. Da helfen sich die Vereine eher mal gegenzeitig aus. Das ist dann auf dem Dorf eine Absprache mit der Gemeinde, die in der Regel auch immer gut funktioniert. In solchen Fällen wird aber auch kein wirtschaftliches Ziel angestrebt.

Wie schwierig ist es mittlerweile, ausreichend Kameraden zu finden, deren Arbeitgeber das Engagement unterstützen?

Preißler: Es wäre gut, wenn sie ein paar Arbeitgeber dazu befragen, was sagen die eigentlich dazu? Ich kann es pauschal nicht beantworten, weil es so grundsätzlich verschieden ist. Leicht ist es jedenfalls nicht, und es wird immer schwieriger Leute zu finden, die während der Arbeit zur Feuerwehr dürfen. Dabei sieht das Gesetz ganz klar vor, dass der Arbeitgeber den Feuerwehrangehörigen freizustellen hat. Den Arbeitsausfall kann sich das Unternehmen dann erstatten lassen. Soweit die Theorie, in der Praxis schaut es anders aus.

Wie genau meinen Sie das?

Preißler: Teilweise gibt es Firmen, die es nicht dulden und dann den Mitarbeiter kündigen beziehungsweise gar nicht erst einstellen. Bei anderen Firmen ist es gar kein Problem Feuerwehrleute einzustellen. Die Verhältnismäßigkeit muss man dabei natürlich auch sehen. Wenn der Mitarbeiter jede Woche zu Einsätzen fährt, ist das etwas anderes als zwei oder drei Mal im Jahr. Das ist ein Thema, was in den kommenden Jahren noch viel aktueller wird, und es wird sich etwas ändern müssen. Die Wertschätzung eines Feuerwehrmannes ist in unserer Gesellschaft leider nicht sehr gut. Das ist aber wohl ein gesellschaftliches Problem. Fakt ist, dass die Einsatzkräfte ihre private Freizeit opfern. Für andere Menschen ist das einfach nur verrückt, für uns selbstverständlich anderen zu helfen.

Hier seht ihr nochmal die besten Bilder und ein Video vom Hurricane 2016:

Hurricane-Abreise: Der Schlamm auf dem Gelände

Hurricane-Festival 2016: Der Schlamm zur Abfahrt

Deichkind beim Hurricane 2016

Hurricane - der Sonntagabend auf und vor der Bühne

Bosse auf dem Hurricane 2016

Hurricane: Konzerte am Sonntag

Hurricane Festival aus der Luft

Hurricane-Konzerte am Freitagnachmittag

Hurricane öffnet Tore mit Verspätung

Wassermassen auf dem Hurricane-Festival

Donnerstag auf dem Hurricane

Hurricane-Zeltplatz am Donnerstag

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