Riskante, teure Abkürzung

60 MINUTEN An der Baustelle B440 / Moorkamp in Rotenburg

Durchfahrt verboten – interessiert bloß nicht alle. Etliche Fahrer nehmen das Risiko in Kauf, Verwarngeld zu zahlen und ihre Autos in der Baustelle zu beschädigen.
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Durchfahrt verboten – interessiert bloß nicht alle. Etliche Fahrer nehmen das Risiko in Kauf, Verwarngeld zu zahlen und ihre Autos in der Baustelle zu beschädigen.

Rotenburg – Hier geht’s nicht weiter. Die rot-weißen Schrankenzäune mit abgeschaltetem Lichtaufsatz signalisieren in die herbstliche Dunkelheit: Von der Rotenburger Brauerstraße aus wird es keine direkte Fahrt Richtung Visselhövede geben. Eigentlich auch nicht für den motorisiert heranrollenden Betrachter mit Rotenburger Kennzeichen. Dem Fahrer scheint es egal zu sein – die Bake ist ja nicht die Polizei. Er fährt an ihr vorbei auf die Baustelle mit der zum Teil abgefrästen Fahrbahn. Ihm folgt ein Fahrzeug mit Lüneburger Kennzeichen.

Seit rund vier Wochen ist die B440 an der Einmündung Moorkamp gesperrt. Die Bundesstraße soll eine Ampel sowie eine Abbiegespur bekommen. Das bedeutet Erdbau-, Entwässerungs-, Pflaster- und Asphaltarbeiten auf rund 300 Metern Brauerstraße und etwa 40 Metern Moorkamp. Betriebe, die Rotenburger ansonsten von der Bundesstraße erreicht hätten, nutzen während der Sperrung die Nebenstraßen. Für Bewohner des Gebiets Stockforthsweg gibt es eine Umleitung, der überörtliche Verkehr aus und in Richtung Visselhövede benutzt seither die Strecke über Hastedt und Worth sowie über die B71 – Soltauer Straße.

So zumindest lautet die graue Theorie. In der Realität ist es dann hin und wieder etwas anders. An diesem Abend steht eine der Sperren schräg auf der Straße und bietet somit Raum, einfach vorbeizufahren. Ob frustrierte Autofahrer selbst diesen Platz geschaffen haben, lässt sich nicht mehr sagen. Klar ist nur, dass sie zahlreich die Chance nutzen und in beide Richtungen unterwegs sind.

Die Stadt Rotenburg, die die Fahrbahnerweiterung um eine Linksabbiegerspur plant und durchführt, sieht solche Szenen nicht gern. Baumamtsleiter Clemens Bumann stellt klar: „Erlaubt ist das nicht.“ Das Öffnen der Sperrung ist nur deshalb möglich, weil Winterdienste bei den nachts inzwischen sinkenden Temperaturen die Baustelle passieren können müssen, genauso Rettungsdienste. Deshalb lassen sich Teile der Sperrung beiseiteschieben. „Wenn Leute die Durchfahrt unerlaubt nutzen, haben sie keinerlei Haftung“, lautet Bumanns Hinweis. Und das ist gerade mit Blick auf den Versatz nicht ganz unwichtig, denn auf die Überwindung des Höhenunterschieds zwischen unbearbeiteter Straße und abgefräster Fahrbahn seien nur Lastwagen ausgerichtet – nicht aber Privatautos. Für Letztere ist nicht ausgeschlossen, dass bei unerlaubter Nutzung der Teilstrecke Schaden entsteht.

Es geht voran: Bauarbeiter tragen die Binderschicht auf. Bis 20. Dezember will die Stadt Rotenburg das Gesamtwerk für den Straßenverkehr freigeben.

Der einzige Schaden für den eingangs erwähnten Rotenburger dürfte ein Kratzer in seinem Ego sein. Denn es stimmt zwar: Weder Sperre noch das „Durchfahrt verboten“-Schild sind die Polizei. Fahrer und Beifahrer in dem Auto mit dem Lüneburger Kennzeichen hingegen schon. Als der Rotenburger beginnt, umständlich auf der engen Fahrbahn inmitten der Baustelle zu wenden, schauen sich die Beamten das Schauspiel einige Sekunden an.

Kurz darauf erhellt Blaulicht die dunkle Szene und beide steigen aus. „Guten Abend, wo wollen Sie denn hin?“, fragt einer der Uniformierten freundlich, aber bestimmt in den stehenden Wagen des Sperrungsverweigerers. Während des Wortwechsels nähert sich nun aus Richtung Visselhövede ein Kleintransporter der Szene. Und während der Rotenburger diese – vermutlich beschämt – in Ursprungsrichtung verlässt, entspinnt sich ein ähnliches Gespräch zwischen dem Beamten und dem zweiten Fahrer.

Ein kleiner Umweg ist deutlich günstiger

Rotenburger Polizeisprecher Jens Platen

„Wir werden beobachten, was da passiert“, kündigt Polizeisprecher Jens Platen an. Zwar werde die Baustelle nicht gezielt kontrolliert, allerdings fahren Streifen häufiger vorbei. Wer sich erwischen lässt, muss im Zweifelsfall tief in die Tasche greifen, denn die unerlaubte Nutzung der Abkürzung kann 50 Euro kosten. „Da es sich um ein Verwarngeld handelt, haben Beamten einen Ermessensspielraum, ob es bei einem ermahnenden Gespräch bleibt“, erklärt Platen. Dennoch: „Spätestens beim zweiten Mal wird es teuer.“ Er empfiehlt den Anwohnern im Gebiet Stockforthsweg, die ihnen mitgeteilte Ausweichstrecke zu fahren, und allen, die zum Beispiel nach Visselhövede wollen, die Umleitung über die B71 und Worth zu fahren. „Denn ein kleiner Umweg ist deutlich günstiger“.

Die Vögel zwitschern in den jungen Morgen hinein. Nachdem ein Radfahrer aus unbekannten Gründen die abgefräste Fahrbahn für eine Spritztour genutzt hat, läuft ein Spaziergänger zunächst durchs Gestrüpp an der Sperrung vorbei und dann über die neue Sandfläche im Moorkamp.

Dort fehlt zu diesem Zeitpunkt die Fahrbahn vollständig, der Fußweg ist grob gepflastert. Kurze Zeit später rauscht ein grüner Muldenkipper auf die Baustelle, nimmt spielend den Versatz – und so merkt selbst der Frühstücksbrot verzehrende Lastwagenfahrer nur wenig von der schädlichen Asphaltschwelle. Der Laster bringt den Geruch kochenden Teers mit sich. Heute wird es heiß her gehen auf der Fahrbahn. Da frischer Teer nicht gut für Reifen und Lack ist, noch ein Grund, auf die Abkürzung zu verzichten.

Von Andreas Schultz

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