Eine Reportage aus Rotenburg

Zur Strecke: Ein Vormittag bei der Drückjagd

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Wenn der Hund das Tier stellt, dann bellt er nicht. An der Körpersprache haben die Jäger zuvor erkannt, dass er die Fährte aufgenommen hat. Als die hinterherrennenden Männer schließlich am Ort des Geschehens ankommen, liegt das angeschossene Wildschwein auf dem mit alten Tannennadeln und Stöckern übersäten Erdboden.

Jemand zieht ein Messer, sticht dem Schwein ins Herz. Erlösen, sagt er dazu. Nachdem er das Blut an einem Grasbüschel abgewischt hat, packen sie das Tier zu zweit an den Hinterbeinen und ziehen es fort. Lediglich einige wenige schaumige Blutflecken, Lungenschweiß genannt, an den liegenden Ästen bleiben. An einem Damm legen sie den Überläufer schließlich ab. 

Einige Stunden zuvor treffen rund 30 Jägerinnen und Jäger nach und nach auf dem Parkplatz des Bullensees bei Rotenburg ein. Noch ist es dunkel, doch wer ganz genau hinsieht, kann die rund 100 Meter entfernten Baumwipfel bereits erkennen. Im Schein einer an einem Geländewagen angebrachten Baustellenleuchte haben sich die Jäger zu einer Drückjagd im nahe gelegenen Weißen Moor versammelt. 

Vor vielen Jahren wurde dort einmal Torf abgebaut, heute ist es ein Naturschutzgebiet und Damwild-Schwerpunkt. Obwohl einige der Jäger nicht aus der Region kommen, kennt man sich. An einer Drückjagd teilnehmen darf nur, wer eingeladen ist. An diesem Morgen ist Kuno Kumpins, der Pächter des Reviers Weißes Moor, der Gastgeber. 

Wie alle anderen trägt auch er typische Jagdkleidung aus braunen und dunkelgrünen Tönen – den Farben des Waldes. Dazu eine knallorange Jacke mit schwarzen Astabbildungen und eine ebenso orangene Mütze mit Jagdmotiven, die den vielleicht ursprünglich vorherrschenden Tarngedanken ins Absurde führt. Doch ist sie das, was ihn auf Distanz vom Wild unterscheidet. 

Die eintreffenden Teilnehmer treten nach und nach an ihn heran, mit einem Klemmbrett führt er die Anwesenheitskontrolle durch. Nachdem er sichergestellt hat, dass jeder einen Jagdschein besitzt und jedem einen Stand zugewiesen hat, begrüßt er die Runde. Kumpins erklärt das weitere Vorgehen und die Regeln. 

Die Jäger sind in drei von sogenannten Anstellern geführten Gruppen eingeteilt, die für verschiedene Bereiche in dem 230 Hektar großen Revier zuständig sind. Mit Autos geht es schließlich zu Ausgangspunkten am Rande des Naturschutzgebietes. Reinfahren dürfen die Jäger nicht. 

Sechs allerdings bleiben zurück: Es sind die Treiber, die bei fortschreitender Dämmerung beginnen, sich zu Fuß durch die Wälder, Moore und Wiesen zu schlagen. Sie sollen das Wild aufscheuchen. Mit der Drückjagd verfolgt Kumpins mehrere Ziele: Zum Einen muss er sogenannte Abschusslisten, die von der beim Landkreis angegliederten unteren Jagdbehörde und den Hegeringen herausgegeben werden, erfüllen. 

Die Abschussregelung soll dazu beitragen, dass ein gesunder Wildbestand aller heimischen Tierarten in angemessener Zahl erhalten bleibt und der Schutz der Tierarten gesichert ist, deren Bestand bedroht erscheint, heißt es von der Behörde. Die Regelung solle den Schutz vor Wildschäden waren und Belange des Naturschutzes und Landschaftspflege berücksichtigen. 

Hierzu melden die Jäger jedes in ihrem Revier verendete Tier. Etwa 14 revierübergreifende Drückjagden gibt in der Rotenburger Jägerschaft jährlich, in der Regel immer im letzten Quartal. „Um die Abschusslisten zum Jahresende fertig zu haben“, sagt Kumpins. 

Er verhehlt nicht, dass der zweite Grund einen wirtschaftlichen Hintergrund hat. Gerade in der Vorweihnachtszeit ist die Nachfrage nach Wildfleisch hoch. „Bis zu vier Euro pro Kilogramm Wildschwein“, schätzt er für den privaten Verkauf. Für Damwild seien es etwa 4,40, für Rehfleisch fünf Euro. Viel ist es nicht. 

Als Pächter hat er Anspruch auf alle im Revier geschossenen Tiere, die Schützen haben nach der Jagd noch die Möglichkeit, Wild abzukaufen. Ansonsten kommt es zum Schlachter. Der zahlt allerdings wesentlich weniger. 

Als die Jäger ihre Plätze eingenommen haben, setzen sich die Treiber in Bewegung. Sie werden von Kuno Kumpins’ Bruder Alexander angeführt. Die ersten Schüsse sind bereits zu hören. Drei Treiber haben ihre Hunde mitgenommen. Sie tragen ebenfalls Warnkleidung und laufen nervös hin und her, stets auf der Suche nach einer Fährte. Und von denen gibt es viele im Wald. 

Immer wieder müssen die Hundeführer sie zurückpfeifen, damit sie sich nicht zu weit von der Gruppe entfernen. Einige sind bewaffnet, aber nicht jeder Treiber ist Jäger. Das einzige, was zum Beispiel Alexander Kumpins schießt, sind Fotos. 

Immer mit etwa zehn bis 20 Metern Abstand laufen sie in einer Linie durch das meist unwegsame Gelände. Kommuniziert wird per Funkgerät. Es dauert nicht lange, da wird die Gruppe das erste Mal getrennt. Sogenannter Schwimmrasen schneidet der linken Flanke den Weg ab. 

Einer wagt sich vorsichtig hinauf, der eigentliche Boden ist nicht zu sehen. Er rutscht ab, kann sich gerade noch auf den Beinen halten. Jemand reicht ihm die Hand, zieht ihn raus. Es ist das erste Mal von vielen, in denen die Treiber fürs Vorankommen aufeinander angewiesen sind. Also geht es erst einmal seitwärts weiter. 

Durch die Äste hindurch, einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen. Der Boden ist stark aufgeweicht, in den Wochen zuvor hat es viel geregnet. Selbst vergleichsweise harter Boden lässt einen einige Zentimeter nach unten sinken. Immer mal wieder fällt ein Schuss. Gelegentlich lauter, ab und zu weiter entfernt. 

Auch in den benachbarten Revieren finden an diesem Tag Drückjagden statt. Das Schwächste zuerst. Es sind die jungen oder kranken Tiere, die der Jäger zuerst schießen soll. Kranke erkennt er an äußerlichen Merkmalen, zum Beispiel an einer falschen Farbe. „Kranke Tiere haben zu wenig Energie für einen Fellwechsel“, erklärt Kuno Kumpins. 

Niemals soll ein Mutter- oder Führungstier geschossen werden. Ein Winter ohne Muttertier wäre für das Junge der beinahe sichere und viel langsamere Tod. Der Verlust des Führungstieres könnte die gesamte Gruppe – sei es Rudel oder Rotte – beeinträchtigen. Geschossen wird nur, wenn das Wild freisteht. Es darf nicht in Kauf genommen werden, andere Tiere zu verletzen. 

Das Ziel ist der Blattschuss; der Treffer hinter das Schulterblatt in die Lunge, der schnelle Tod. „Ins Leben“, wie der Jäger sagt. Während bei der bekannteren Treibjagd Niederwild wie Hasen, Fasane oder Enten geschossen werden, geht es bei der Drückjagd ums Schalenwild. Kumpins hat für seine Gäste Wildschweine sowie weibliches Reh- und Damwild freigegeben, Außerdem Raubwild wie Füchse, Marder, Dachse und Waschbären. 

Gegen Mittag – am Ende der Jagd – wird die Gesellschaft jeweils sieben Damwild und Wildschweine erlegt haben. Mehrere Stunden verharren die Jäger auf den Ständen, warten, dass sie Wild sichten – bei Temperaturen knapp über den Gefrierpunkt. Während sie warten, beobachten sie die Umgebung. Wenn sie Tiere sehen, die sie nicht schießen dürfen, tragen sie die Beobachtung auf einer Standkarte ein. 

Manche von ihnen erlegen an diesem Vormittag gleich mehrere Tiere, andere haben zwar noch das Glück, sogenannten Anblick zu haben, bekommen aber keine freie Schussbahn. Einige wenige kriegen bis auf die Treiber nichts zu Gesicht. Wer Wild aufscheuchen will, muss genau aufpassen. Die Treiber erzählen Geschichten, wie Tiere es geschafft haben, sie zu umgehen. „Sie sind schlauer als man denkt“, sagt Alexander Kumpins, während die Gruppe durch ein etwas lichteres Waldstück geht. 

Der Überläufer klingt genau so, wie man es sich von einem gehetzten Schwein vorstellt – es quiekt laut und panisch. Bis auf unzählige Fichten ist nichts zu sehen. Die Treiber haben sich im dichten Nadelwald verteilt und meist aus den Augen verloren. Jemand ruft „eine Sau“, man hört lautes Ästerascheln. 

In einem höheren Baum hat ein Jäger auf einem in der Baumkrone versteckten Stand das Gewehr angelegt. Sehen kann auch er in mehreren Metern Höhe nichts von der Szenerie nichts, dennoch fällt ein Schuss. Stille. Ein Treiber hat das Tier erwischt. Über das Funkgerät orientieren sich alle, finden sich zusammen, bilden wieder eine Linie. 

Weiter geht es ins Unterholz, im Boden gibt es nun vermehrt Fuchsbauten. Der Wald wird dichter, Dornen- und Brombeerbüsche säumen die Route. Auf einmal bricht ein Reh aus ihnen heraus, rennt nach links ab. Kein Schuss fällt. Kurz darauf erreicht die Gruppe einen kleinen Damm, am Rand steht ein niedriger Stand. Der Jäger ist hinabgestiegen, er ist auf der sogenannten Nachsuche. 

Kurz zuvor ist eine Rotte Wildschweine vorbeigelaufen, erzählt er. Drei habe er erwischt, aber in der kurzen Zeit noch nicht auffinden können. Eigentlich ist gerade die sogenannte Aufbrechpause in der Mitte der Jagdzeit. Bereits geschossene Tiere sollen in dieser bereits aufgeschnitten werden, damit die Körperwärme das Fleisch nicht verdirbt. Es dauert eine Weile, bis die drei Tiere gefunden sind. Der Jäger bekommt den Glückwunsch „Waidmanns Heil“ zugesprochen.„Waidmanns Dank“, erwidert er. 

Der Wald ist voller Leben. Immer wieder stoßen die Treiber auf Tiere, als beispielsweise eine Herde Damwild nur wenige Meter vor ihnen kreuzt. Schießen tut in diesen Momenten niemand, das Gewehr ließe sich wohl auch nicht schnell genug anlegen. Kommen sie an einen Stand, wird dort meistens das eine oder andere Wort mit dem Jäger gewechselt. 

Es geht weiter, durch das Unterholz, über Dämme zwischen Teichen alter Torfabtragungen, durch Moore, über große Gräben, durch Wiesen, wo die Gräser bis zur Brust und das Wasser zum Schienbein reicht. Nur langsam kommen die Treiber voran. Dabei helfen vor allem die Wildwechsel – Wege, die offensichtlich schon die Tiere genutzt haben und damit auch für Menschen sicher sein sollten. Am späten Vormittag ist Schluss. 

Bergung der toten Tiere beginnt

Während sich die alle zu Fuß in Richtung Treffpunkt begeben beginnt die Bergung der toten Tiere. Mit einem Quad und Anhänger fährt ein kleines Team in das Naturschutzgebiet zu den Punkten, wo erlegtes Wild hinterlassen wurde. Oder zumindest vermutet wird. Das Gebiet wäre zu unwegsam. Die Bergung dauert lange, jedes Tier muss gefunden werden, dabei sind die Hunde das wichtigste Werkzeug. 

Währenddessen versammeln sich die übrigen Jäger und die Treiber auf Aufbrechplatz. Das Aufbrechen meint das Entfernen der Innereien. An einem Galgen hängen die Jäger ein totes Damreh an den Hinterbeinen auf. Mit einem nach und nach Messer schneiden sie es vom Schwanz aus den Bauch hinab bis zum Hals auf. Viel Blut fließt dabei nicht. Ein Rest Muttermilch tropft das graue Fell hinab, vorsichtig hieven sie alle Organe als Ganzes hinaus. 

„Niemand bricht gerne auf“, sagt einer. Es gehöre nun mal dazu. Im Gegensatz zum Fleisch, das dem Pächter des Reviers gehört, hat der Jäger, der tatsächlich das Wild zur Strecke gebracht hat, Anspruch auf die essbaren Organe wie die Leber und das Herz und auch eine kleine Trophäe.

Tiere werden teils vor Ort zerlegt

„Das kleine Jägerrecht“, erklärt Kuno Kumpins. Zu zweit machen sie sich sorgsam daran, Herz und Leber herauszuschneiden, spülen es mit Wasser, das sie aus einem Kanister in einen Messbecher füllen, ab, packen sie in eine Plastiktüte. Der Rest kommt in eine blaue Tonne. In diesen Mengen entsorgt man ihn bei der Fleischmehlfabrik in Mulmshorn. 

Organe einzelner, bei einer normalen Jagd geschossene Tiere, lässt man in der Regel zurück. Es gibt genug Tiere im Wald, die sie essen. Auch das aufgebrochene Wild wird auf diese Weise gereinigt. Das Wasser läuft aus dem Mund des Rehs auf den blutigen Boden. Jetzt nehmen sie es wieder von den Galgen ab und tragen es zur Strecke. Ein Jäger zu sein heißt auch, ein Traditionalist zu sein. 

Traditionen und Bräuche gibt es viele, die meisten dienen der Achtung vor dem Tier, der Würdigung seines Lebens. Auf der sogenannten Strecke betten sie es auf Tannenäste, immer auf der rechten Seite. Am Anfang liegen die großen Tiere, weiter unten liegen die Kälber und Frischlinge. Immer wieder tritt ein Jäger heran und begutachtet die, macht vielleicht ein Foto. Man ist zufrieden mit der Beute. 

Jagdgeschichten werden erzählt

Sonst stehen sie in kleinen Gruppen beisammen, erzählen sich Jagdgeschichten und versuchen, sich warm zu halten. Die Bergung dauert länger als gedacht. Einige brechen weiter Tiere auf, von den Wildschweinen werden Blutproben genommen – das Veterinäramt wird es später auf die Afrikanische Schweinepest untersuchen. 

Nach einer Weile sind alle Tiere geborgen und aufgebrochen. Die Gesellschaft versammelt sich an der Strecke, fünf stehen auf der gegenüberliegenden Seite mit ihren Ples- oder Parforcehörnern und blasen zur Sammlung. Hubertus Steinke, der in Kumpins’ Revier Jagdrecht genießt, verteilt die Brüche, eine Zeremonie, bei der er die erfolgreichen Schützen einzeln nach vorne treten und kleine Tannenzweige von der Strecke bekommen, die sie sich an den Hut stecken.

Bläser beenden die Jagd

Schließlich wird die Stimmung ernst, alle nehmen eine respektvolle Haltung ein. Jede geschossene Tierart hat ein eigenes Signal. Zunächst erklingt „Damwildtod“, kurz darauf „Sautod“. Nun nimmt jeder seine Kopfbedeckung ab. Die Bläser spielen „Jagd aus und Halali“. „Die letzte Ehre“, wie der Jäger sagt.

Von Matthias Röhrs und Ulla Heyne (Fotos)

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