Regionaldialog: Bürger konfrontieren „ExxonMobil“ mit Fragen und Vorwürfen

„Verdreckt und verseucht“

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Viele Bürgerinitiativen nutzten die Gelegenheit, um ihren Unmut über das Unternehmen kundzutun.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Keine Werbeveranstaltung sollte es sein, sondern der Auftakt zu einem offenen Diskurs mit den Bürgern: Dem wollte sich der Erdgas- und Erdölproduzent „ExxonMobil“ bei seinem Regionaldialog Erdgas am Donnerstagabend im Ratssaal des Rotenburger Rathauses stellen. Ein „kommunikativer Neustart“, versicherte Unternehmenssprecherin Ritva Westendorf-Lahouse noch zu Beginn der Veranstaltung.

Eigentlich sollte es nur der Auftakt für eine Reihe von Dialogveranstaltungen sein, so Moderatorin Ruth Hammerbacher. „Danach können Sie festlegen, zu welchen Themen es weitere Termine geben soll. Die werden dann tiefgründig behandelt“, erklärte sie. Nach etwa eineinhalb Stunden mussten sie und ihr Moderationskollege Peter Brieber aber feststellen, dass der von ihnen vorbereitete Ablauf den Abend wohl sprengen würde. Sachstände und Diskussionen zu den Themen Leitungsschäden Söhlingen, Quecksilber-Belastung auf den Betriebs- und Sonderplätzen, Schlammgruben, Messsystem Seismizität, Monitoring Grundwassergüte und Frack Bötersen sollten eine Stunde in Anspruch nehmen. Schon zu den ersten beiden inhaltlichen Punkten gab es aber etliche Wortmeldungen und Fragen. Die letzten beiden Themen sollten am Ende jedoch komplett der Diskussion weichen. Die Bürgeriniativen forderten vor allem Antworten, keine Sachstandsberichte. Fragen gab es zum einen zu den undichten Leitungen. Diese habe es auch woanders gegeben, es seien jedoch alle ersetzt worden. „Es gab dort auch Schäden, aber nicht in dieser Häufigkeit und nicht in diesem Ausmaß wie in Söhlingen“, so der Chemiker des Unternehmens, Harald Kassner.

Ein Vorwurf aus dem Publikum: „Sie haben dieses Gebiet verdreckt und verseucht!“ Das wollte Kassner aber nicht so stehen lassen. „Es gab keine Gefahr. Wir haben bei den Beprobungen herausgefunden, dass die Quecksilberwerte nur direkt an der Leitung erhöht waren“, versicherte er. Das Wasser habe das Unternehmen gereinigt und die Leitungen vorher durch den Tüv geprüft. „Wir spielen nicht mit der Gesundheit der Menschen.“

Auch andere „ExxonMobil“-Mitarbeiter bemühten sich um mehr Transparenz. Jochen Kaliner, Betriebsleiter in Söhlingen, erklärte bezüglich der Quecksilberfunde, dass die Reinigung dafür verantwortlich war. „Wir haben das abgestellt, wir können es aber nicht rückgängig machen.“ Für die Zukunft seien so etwas aber ausgeschlossen.

Seitens des Unternehmens räumte man einige Male ein, dass erst Untersuchungen anderer, zum Beispiel des Naturschutzbundes (Nabu) Rotenburg, zum Handeln von „ExxonMobil“ geführt habe. „Ist das eigentlich Ihr Ernst?“, empörte sich eine der Zuhörerinnen über dieses Bekenntnis. Ein anderer forderte gar einen Orden für den Nabu, der „seine geringen Mittel dafür aufgebracht hat“.

Trotz der vielen Nachfragen ergab sich aber kein tiefgründiger Dialog – das Misstrauen gegenüber dem Unternehmen war deutlich spürbar, auch wenn sich am Ende einige der Anwesenden für die Fortsetzung der Veranstaltungen aussprachen. Bis zur nächsten Veranstaltung könnte es aber noch etwas dauern. „Wenn es tiefgründig sein soll, brauchen wir auch Zeit, um das entsprechend vorzubereiten“, so Sprecherin Westendorf-Lahouse. Doch auch sie hielt an der neuen Strategie des Unternehmens fest: „Das ist keine Feigenblatt-Veranstaltung. Wir wollen dahin gehen, wo es wehtut.“

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