Regionalbischof als Praktikant in Westervesede: Lob für Dorfhelferinnen

Kirchliche Aushilfe auf dem Schweine-Hof

Gemeinsames Himbeeren pflücken: Bäuerin Andrea Heitmann (l.), Landessuperintendent Dieter Rathing und Dorfhelferin Almut Detmering auf dem „Ziems Hof“ in Westervesede.
+
Gemeinsames Himbeeren pflücken: Bäuerin Andrea Heitmann (l.), Landessuperintendent Dieter Rathing und Dorfhelferin Almut Detmering auf dem „Ziems Hof“ in Westervesede.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Niedersachsen hat seinen ersten Dorfhelfer – und es ist ein prominenter: Der Lüneburger Regionalbischof Dieter Rathing ist in dieser Woche auf dem „Ziems Hof“ in Westervesede in die Rolle eines Praktikanten geschlüpft und hat die Arbeit einer Dorfhelferin unterstützt. Almut Detmering war dort drei Wochen im Einsatz, um die Familie nach einem Unfall zu entlasten.

„Bitte schreiben Sie nicht, dass ich Fenster putzen kann“, scherzte der 57-jährige Rathing am Freitag zum Abschluss seines „Betriebspraktikums“. Sonst müsse er zu Hause in Lüneburg auch wieder mehr im Haushalt anpacken. Sowieso sei es in diesen Tagen ja weniger um ihn als Landessuperintendenten auf dem Bauernhof gegangen als um die Arbeit der Dorfhelferinnen. Die 50-jährige Detmering ist eine von 140 Aktiven des diakonischen Projektes. In Westervesede musste sie spontan einspringen, weil sich Hausherrin Andrea Heitmann das Steißbein gebrochen hatte. „Der Schmerz machte alles unerträglich“, sagt die 37-Jährige. Ihre Aufgaben auf dem Schweinemast-Hof konnte sie nicht mehr wahrnehmen. Und die seien vielfältig: Die gelernte Arzthelferin ist daheim Hauswirtschafterin, Rechnungsprüferin, Organisatorin und zudem Mutter der beiden Kinder Josh (11) und Cleo (9), die in den Ferien sich nicht langweilen wollen. Also auch: Taxifahrerin zum Kinderferienprogramm.

Diese Arbeit hat in den vergangenen drei Wochen Almut Detmering übernommen. Die 50-Jährige ist selbst Mutter von fünf Kindern und lebt auf einem Bauernhof bei Schwarmstedt – weiß also bestens Bescheid, worauf es in einem Fall wie in Westervesede ankommt. Acht Stunden fünf Tage die Woche griff sie der Familie Heitmann unter die Arme, sodass Betrieb und Familie wie gewohnt laufen konnten. Da störte es auch nicht, dass ein Mann zusätzlich im Haus war. Detmering augenzwinkernd: „Er hat nichts durcheinander gebracht.“

Von 2001 bis 2011 war Rathing Superintendent des Kirchenkreises Verden, mit seinem Wechsel an die Spitze des Sprengels Lüneburg rief er seine „Betriebspraktika“ ins Leben. Im vergangenen Jahr war er auf einem Campingplatz im Heideort Wietzendorf tätig, davor in einer diakonischen Werkstatt. Es gehe ihm um praktische Einblicke in die Arbeitswelt, betonte Rathing. „Einmal im Jahr will ich eine andere Facette des Alltags erleben und in eine andere Arbeitswelt eintauchen.“ Die bedeutete für ihn dann ganz konkret: Hof fegen, Kartoffeln auskriegen mit den Kindern, dem Lehrling helfen, Himbeeren pflücken und vor allem auch – nicht im Weg stehen. Denn das, was die Dorfhelferin leiste, habe ihn schwer beeindruckt, sagt Rathing. Er ist seit vergangenem Jahr auch Vorstandsvorsitzender des Niedersächsischen Dorfhelferinnenwerkes und können so das erleben, was er bislang nur vom Papier kannte.

Für Bäuerin Heitmann war der Einsatz sowohl von Detmering als auch von Rathing eine große Hilfe, wie sie sagt. Fremde Menschen in ihren Alltag zu integrieren falle ihr nicht schwer. Schließlich sitze auch um Punkt 12 Uhr der Lehrling des Betriebes mit am Mittagstisch. „Ich bin froh, dass es läuft. Und es läuft gut.“

Wer will Dorfhelferin werden?

Das 1960 gegründete Dorfhelferinnenwerk wird von vier evangelischen Landeskirchen in Niedersachsen getragen. Dazu gehören 37 Stationen und rund 140 Dorfhelferinnen sowie mehr als 500 Ehrenamtliche, die sich für die Organisation einsetzen. Der Lüneburger Landessuperintendent Dieter Rathing ist seit einem Jahr Vorstandsvorsitzender des Werkes mit seiner Zentrale in Hannover. Ursprünglich war das Hilfsangebot für landwirtschaftliche Familien in Not gegründet worden. Die Arbeit hat sich aber mittlerweile auch in die Städte ausgeweitet. Finanziert werden die Einsätze durch Krankenkassen, Berufsgenossenschaften oder die Rentenversicherung sowie durch Sozial- und Jugendämter. Ausgebildet werden die Dorfhelferinnen – derzeit sind es ausnahmslos Frauen, meiste mit landwirschaftlichem Hintergrund – im Evangelischen Dorfhelferinnenseminar in Loccum (Kreis Nienburg).

Für den neuen, 14-monatigen Ausbildungslehrgang sind noch einige Plätze zu vergeben. Er beginnt am 22. September. . Eine abgeschlossene hauswirtschaftliche Ausbildung ist Voraussetzung für die Kursteilnahme. „Dorfhelferinnen“ – so der traditionelle Name – sind Fachkräfte für Familienbetreuung und Haushaltsführung im ländlichen und städtischen Bereich. Sie kommen zum Einsatz, wenn die Mutter zum Beispiel durch Krankheit oder Kur ausfällt. Die Dorfhelferin übernimmt dann alle Aufgaben, die die Familienarbeit mit sich bringt, von der Haushaltsführung und Kinderbetreuung über die Pflege und Betreuung von alten, kranken oder behinderten Haushaltsmitgliedern bis zur Mithilfe im landwirtschaftlichen Betrieb, sofern das erforderlich ist. Das Dorfhelferinnenseminar bietet individuelle Beratung unter 05766/7274 oder per E-Mail an DHW.Seminar.Loccum@evlka.de.

www.dhw-nds.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bootsurlaub auf der Mecklenburgischen Seenplatte

Bootsurlaub auf der Mecklenburgischen Seenplatte

Fotostrecke: Werder gegen Gladbach ohne Tore, aber mit Leidenschaft

Fotostrecke: Werder gegen Gladbach ohne Tore, aber mit Leidenschaft

So fährt sich der echte VW Bulli als Stromer

So fährt sich der echte VW Bulli als Stromer

Österreichs ursprüngliche Alpentäler

Österreichs ursprüngliche Alpentäler

Meistgelesene Artikel

Das Büffeln hat sich gelohnt

Das Büffeln hat sich gelohnt

Neuer Lebensraum für Wildbienen

Neuer Lebensraum für Wildbienen

Interview am Wochenende: Schulleiterin Susanne Enders geht in den Ruhestand

Interview am Wochenende: Schulleiterin Susanne Enders geht in den Ruhestand

Intensiver Gedankenaustausch bei Simbav

Intensiver Gedankenaustausch bei Simbav

Kommentare