Wandergeselle

Raus aus der Routine: Zimmermann-Geselle Malte Goebel geht auf Wanderschaft

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Malte Goebel plant, auf Gesellenwanderschaft zu gehen.

Rotenburg – Routine, Alltag, Sicherheit. Alles nicht so ganz sein Ding. Nichts, auf das Malte Goebel besonderen Wert legt. Er will lieber raus, sich auf den Weg machen, von dem er heute noch nicht weiß, wohin er ihn morgen führen wird. Der 21-jährige Zimmermanngeselle plant, auf Wanderschaft zu gehen. Wann aber geht’s denn los? „Am liebsten gestern“, sagt der gelernte Zimmermann mit Abitur in der Tasche. Wahrscheinlich klappt es erst im März. Das Warten fällt ihm schwer.

Als Wandergeselle von Dänemark runter bis nach Portugal, von dort aus vielleicht in Richtung Griechenland, durch Asien und später auch noch nach Südamerika: Das könnte der Plan sein für die Tippelei, die frühestens nach drei Jahren und einem Tag endet. Schließlich geht es dabei auch um Bräuche, Sitten und Gepflogenheiten, sagt Malte Goebel. Das alles zu lernen, macht es erforderlich, sich einem Gesellen anzuschließen, der bereits seit mindestens einem Jahr unterwegs ist. Der 21-Jährige ist noch auf der Suche nach dem richtigen Partner. „Zurzeit stehen zwei zur Auswahl – vielleicht entscheidet es sich im März.“

Rückblick: Nach dem Abitur an den Berufsbildenden Schulen (BBS) im Fachbereich Pädagogik / Psychologie verbringt der junge Mann aus Rotenburg zunächst ein Jahr in der Slowakei. „Das war ein Freiwilligendienst in einer Privatschule“, erzählt Goebel. Er ist dort „das Mädchen für alles“. Mal Hausmeister, mal Hilfskraft im Café, mal Betreuer für die deutschen Schüler. Eine gute Zeit. „In dieser Phase habe ich überlegt, was ich danach machen möchte“, erinnert sich der 21-Jährige. „Am liebsten viel reisen“, ist er sich sicher. Es sollte also etwas folgen, was sich überall anwenden lässt. Von der Slowakei aus nimmt er Kontakt mit dem Holzbaubetrieb Schröder in Rotenburg auf – als er zurück ist in der Kreisstadt, kann er seine zweijährige Ausbildung als Zimmermann beginnen. Danach bleibt er noch zwei weitere Monate als Geselle.

„Jetzt möchte ich wieder los“, versichert er. „Das Reisen“, fügt er hinzu, „war schon immer in mir. Einfach raus, die Welt sehen.“ Es sei keine Flucht, die er da plant, er fühlt sich eher dazu hingezogen, andere Länder und andere Menschen kennenzulernen. Es wird eine Reise, die vor allem Genügsamkeit abverlangt, Bescheidenheit im materiellen Sinne und das Einhalten von klaren Regeln. Wer auf der Walz ist, soll kein Geld für das Reisen und für die Unterkunft ausgeben. „Allein das ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung“, weiß Malte Goebel. Angst hat er nicht. „Ich kann auch mal am Strand oder im Wald schlafen“, meint er. Der junge Mann freut sich auf das „zünftige“ Abenteuer. Denn: „Ich habe keine Lust auf Routine und den immer gleichen Rhythmus, weil ich dann ja weiß, was als Nächstes passiert. Dann fühle ich mich so, als hinge ich in der Luft“, so Goebel. Stellt sich die Frage, wofür er das macht. Goebel: „Für mich.“

Daher bereitet er sich auf die Walz vor. Zwei Kluften wird er bei sich haben – eine für das Arbeiten, eine fürs Reisen. Viel mehr wird nicht in seine über die Schulter hängende Rolle kommen, in der er das mit sich trägt, was er braucht. Das ist nicht viel. Ein Handy gehört nicht dazu. Überhaupt wird er in der Zeit nicht in den sozialen Netzwerken stattfinden. Aber das hat ihn auch zuletzt schon nicht mehr so sehr interessiert. Das Reisen selbst wird zu Fuß erfolgen, oder er stellt sich als Tramper an die Straße und hofft, dass ihn jemand mitnimmt.

Malte Goebel wird sich einem der Schächte anschließen. Einer der Vereinigungen also von Handwerkern, die auf Wanderschaft sind oder schon waren. „Das gibt etwas Sicherheit, das ist fast wie eine Familie“, weiß Goebel, der in den vergangenen Monaten mehrere Treffen besucht hat, um möglichst viel über die Walz zu erfahren und Kontakte zu knüpfen, damit er sich einem der Kollegen anschließen kann. Einer, der ihn „losbringt“, wie es heißt.

Mit Beginn der Reise lässt der Wandergeselle eine Bannmeile in einem Radius von rund 50 Kilometern rund um den Heimatort hinter sich. Für mindestens drei Jahre und einen Tag – manche Gesellen sind auch sechs oder gar neun Jahre unterwegs – wird man Malte Goebel in Rotenburg nicht mehr antreffen. Auch das gehört dazu. Ein Umstand, der vor allem seiner Mutter – die Rotenburger Fotografin Meike Goebel – zu schaffen macht. Doch sie und auch sein Vater Ralf Goebel – zurzeit Bürgermeister in Visselhövede – „unterstützen mich dabei“, freut sich der 21-Jährige über die Rückendeckung der Eltern.

Das ist also der Verzicht auf die gewohnte Sicherheit, auf den festen Job, auf die Familie. „Der Umgang damit ist bei mir im Laufe der Zeit gewachsen“, meint Goebel. Begonnen habe das vor allem während der Phase in der Slowakei. „Ich musste mich neu erfinden.“

Mit dem Reisen allein wird es in den kommenden Jahren allerdings nicht getan sein. Zwischendurch will und muss er arbeiten. Immer dort, wo ein Handwerker gebraucht wird. Tage oder gar Wochen – das wird sich zeigen. Goebel: „Man sollte immer dann wieder gehen, wenn der Hund aufhört zu bellen, wenn man kommt, oder der Postbote damit beginnt, einen zu grüßen.“ So sagt man es sich unter den Wandergesellen.

Wichtig sei zudem, stets einen guten Eindruck zu hinterlassen. Auch das habe er bereits erfahren, als er seine Kollegen bei den Treffen an unterschiedlichen Orten in Deutschland besucht hat. „Nur so ist es möglich, dass auch andere willkommen sind.“ Und nur so sei es möglich, sich Übernachtungsmöglichkeiten zu verschaffen, wenn kein Strand oder Wald in der Nähe oder es einfach zu kalt dafür ist. Vor diesem Hintergrund fällt Malte Goebel vor allem eines ein, was er vermissen wird: „Mein weiches Bett.“ Aber wenn er dann irgendwann wieder nach Hause kommt, wird das bestimmt auf ihn warten.

Unklar ist, wie es danach weiter geht. Zurzeit stehe für den jungen Mann im Raum, anschließend an einer Uni zu studieren. Philosophie findet er spannend, aber auch Sozialanthropologie. Dazu passe auch seine geplante Reise: „Das verändert mein Weltbild, und dadurch wachse ich weiter.“

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