Abschied von Friedhelm Horn

Mr. Ratsgymnasium geht

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Friedhelm Horn geht in den Ruhestand – und verabschiedet sich aus dem Rampenlicht seiner Schule.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Ein paar große blaue Tonnen mit Altpapier müssen noch raus aus dem Büro. Friedhelm Horn räumt auf und aus, aber es fällt ihm nicht leicht. Wohin mit dem ganzen Wissen?

Wohin mit Lektüren und Konzepten, politischen Fachmagazinen, den Lexika und dem Unterrichtsstoff, mit dem der heute 66-Jährige seine Schüler in mehr als 40 Jahren Dienst gebildet, unterhalten – einige sagen auch: gequält – hat? Am Mittwoch verabschiedet sich das Lehrer-Urgestein des Rotenburger Ratsgymnasiums offiziell aus dem Dienst. Zeit, um ruhiger zu werden? Mitnichten.

Um 14.15 Uhr nimmt Horn noch einmal Anlauf. Seine Schule hat an diesem Montagnachmittag in die Caféteria eingeladen, Verabschiedung mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft der Kreisstadt, Landrat und Bürgermeister sind da, der Vorsitzende des Wirtschaftsforums, Heiko Kehrstephan, bedankt sich für eine „lebendige Zusammenarbeit“.

Abschiedsrede in eigener Sache 

Dann aber darf Horn vor den knapp 50 Gästen ans Mikrofon, und was seine Schulleiterin Iris Rehder mit einem breiten Grinsen angedeutet hat („Sie haben ein überschäumendes Temperament und eine brillante Rhetorik“, „Sie waren nie ein Freund halber Sachen!“), muss der quirlige Studiendirektor noch einmal schnell unter Beweis stellen: 30 Minuten Abschiedsrede in eigener Sache, aber vor allem der von Horn bekannte kritische Parforceritt des politisch stets Lautstarken durch die Niederungen niedersächsischer Bildungspolitik, verknüpft mit Stationen des eigenen Lebens und dem unumstößlichen Credo: „Diese Schule ist eine Traumschule.“

Geschichte, Latein, Politik und Erdkunde hat Horn nach dem altsprachigen Abitur 1970 in seiner Heimat Düsseldorf und in Marburg studiert, landete 1977 am St.-Viti-Gymnasium in Zeven. Ein „Kulturschock“ für den fröhlichen Rheinländer, der sich als „Nach-68er“ verstanden habe. 

„Ich wollte natürlich die Welt verändern“, blickt Horn heute schmunzelnd zurück. Dieses Projekt geriet am neuen Wohnort Hatzte etwas ins Stocken, die Integration über Freiwillige Feuerwehr und Fußballverein lief dafür umso besser. „Ich wurde geerdet.“ Politisch blieb Horn dennoch, war 1980 Gründungsmitglied der Grünen, wurde Landtagskandidat, saß jahrelang im Zevener Stadtrat, „Friedhofsausschuss“ – Theorie Weltrevolution, Praxis Basisarbeit.

Er wollte Grindel verhindern

Genau das sind die beiden Pole, zwischen denen sich der Nimmermüde bewegt. Mit dem Wechsel ans Ratsgymnasium 1997 und der neuen Führungsaufgabe der Oberstufenkoordination beendet er seine offizielle politische Funktion zwar, ergreift zum Bundestagswahlkampf 2002 aber wieder das Wort. Er will den neuen CDU-Mann Reinhard Grindel verhindern, über dessen damalige Ansichten sich Horn heute noch in Rage reden kann. Grindel verliert zwar gegen SPD-Herausforderer Joachim Stünker, zieht über die Landesliste aber dennoch in den Bundestag ein, der Rest der Geschichte ist bekannt.

Spätestens, seitdem die Grünen in Niedersachsen mitregieren durften, hat sich Horn von dessen Politik sowieso entfernt. Denn wenn es um Bildungspolitik geht, ist er ein vehementer Verfechter der leistungsorientierten Gymnasien. 

Zentralabitur ist Zumutung

Die heutigen Aufgaben des Zentralabiturs nennt er „eine Zumutung für gute Schüler“, das Abitur nach acht Jahren sei ein Fehler gewesen, die „größte Katastrophe“ die Abschaffung der Schullaufbahnempfehlungen am Ende der Grundschule. Leistung werde nicht mehr gefördert, sondern gesenkt, damit alle durchkommen. Und auch wenn Horn sagt, dass sich Gymnasien „freimachen müssen von irgendwelchen elitären Attitüden“, so bedauert er doch, dass „wir die Guten heute nicht mehr genug fördern können“. 

Profiteure davon seien die Privatschulen, die sich ihre Schüler aussuchen könnten. Auch in der Schulpolitik vor Ort sieht der passionierte Frühschwimmer einige Fehler, äußert sich immer wieder kritisch beim Thema der geplanten Oberstufe an der IGS: „Neben einem guten Gymnasium hat die IGS keine Chance“, sagt er. 

Gymnasien seien leistungsstärker

Das müssten die Kollegen nebenan nun ausbaden, die beim Aufbau der neuen Schule doch bemerkenswerte Arbeit leisten würden. Horn: „Eine gute Regelschule kann die IGS nicht sein, weil sie in der Tendenz immer zur Nivellierung neigt.“ Insgesamt seien Gymnasien in allen Bereichen leistungsstärker als die Gesamtschulen. Die IGS hätte zudem in Bothel gebaut werden müssen, dort hätte sie eine größere Chance gehabt als in Nachbarschaft zum Ratsgymnasium und zur BBS.

Als Lehrer, der maßgeblich am Aufbau sehr enger Verknüpfungen mit der heimischen Wirtschaft verbunden war, wird Horn auch künftig in Rotenburg zu hören sein. Außerdem ist er im Beirat des Fördervereins Cohn-Scheune tätig, nach den Sommerferien wird er Abendschulkurse an der Volkshochschule geben. Und dann bleibt natürlich seine große Liebe: Fußballverein Fortuna Düsseldorf. 

Als Dauerkarteninhaber wird er jetzt vielleicht ein wenig mehr Zeit haben, die Bundesligastadien der Nation kennenzulernen. Zumindest in fußballerischer Sicht bleibt der künftige Pensionär Realist: „Ich weiß nicht, ob meine geliebte Fortuna die Bundesliga halten wird. Aber ich bin mir sicher, dass das Ratsgymnasium immer in der ersten Liga bleibt.“

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