Ratsgymnasiasten beteiligen sich an landesweitem Protest gegen Bildungspolitik

Schüler bleiben sitzen

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Die beiden Schülersprecherinnen Vanessa Koß (l.) und Svenja Badekow ergreifen das Wort in der Vollversammlung.

Rotenburg - Von Guido Menker. Dienstagvormittag im Rotenburger Ratsgymnasium: In wenigen Minuten endet die erste große Pause. Normalerweise würde sich die Pausenhalle jetzt leeren, weil alle Klassen in den Unterricht gehen. Doch an diesem Morgen ist alles anders. Die Halle füllt sich zunehmend. Ursprünglich war von einem Sitzstreik die Rede. „Aber wir dürfen nicht streiken“, sagt Schülersprecherin Vanessa Koß. Deshalb hat sie zusammen mit ihrer Kollegin Svenja Badekow eine Vollversammlung einberufen – und bittet alle Teilnehmer, sich hinzusetzen...

Vordergründig soll es um den Klassenfahrt-Boykott der Lehrer gehen – doch es stecke mehr dahinter, versichern die beiden Schülersprecherinnen im Gespräch mit der Kreiszeitung. „Aber wir wenden uns nicht gegen die Lehrer“, fügen sie hinzu. Es sei vielmehr eine niedersachsenweite Aktion des Landesschülerrates für die Schüler. Vanessa Koß: „Die eine Stunde Mehrarbeit hat schließlich nur das Fass zum Überlaufen gebracht.“ Und in der Folge haben die Gymnasiallehrer mit einem Klassenfahrt-Boykott reagiert. Die Lehrer am Ratsgymnasium haben zuvor nicht viel von der gestrigen Aktion gewusst, versichern sie. Aber sie loben das Vorgehen die Schüler, die sich im Sinne ihrer Interessen zu Wort melden. „Wir wollen die Politik erreichen“, erklärt Svenja Badekow, „wir können die Lehrer verstehen, und deshalb ist es ein Protest gegen die Bildungspolitik der Landesregierung.“

Die Lehrer werden am Rande der Vollversammlung nicht müde, auf die Situation hinzuweisen, unter der die Gymnasien leiden. Die rot-grüne Landesregierung habe mit der Arbeitszeiterhöhung nicht nur Wortbruch begangen, sondern zugleich auch rund 1000 Stellen an Gymnasien vernichtet, heißt es zum Beispiel in einer Mitteilung des Philologenverbandes Niedersachsen. Iris Rehder, Leiterin des Ratsgymnasiums, hält sich auf Nachfrage zurück, sagt nur, dass sie es gut findet, wenn die Schüler sich – so, wie an diesem Vormittag – mit ihren Interessen zu Wort melden und Position beziehen. „Vor allem in einer derart angemessenen Form“, fügt sie hinzu. Und sie betont, dass nichts mit dem Kollegium abgesprochen gewesen sei, die Schüler hätten das alles selbst initiiert.

Während sich die Ratsgymnasiasten also zu Wort melden, ist aus Sottrum oder Scheeßel nichts zu hören. An der Gerberstraße beteiligen sich hingegen mehrere hundert Kinder und Jugendliche an dem Streik, der eigentlich keiner ist, keiner sein darf. „Wir finden es auch nicht gut, wenn Lehrer in Folge der Arbeitszeiterhöhung an andere Schulen abgeordnet werden“, sagt Vanessa Koß, während sich die Pausenhalle weiter füllt – obwohl in diesem Minuten eigentlich die dritte Stunde beginnt. Sie greift schließlich zum Mikrofon und bittet alle, sich hinzusetzen. Es gibt zunächst ein paar Hinweise zum seit Beginn der Woche geltenden Handy-Verbot, um anschließend auch schon auf das eigentliche Thema der Versammlung zu sprechen zu kommen. Hier und da gibt es Applaus. Ein paar Lehrer sind auch zu sehen, halten sich aber bewusst im Hintergrund.

„Nein“, erklärt Svenja Badekow, „wir versuchen jetzt nicht, die Lehrer umzustimmen, um wieder Klassenfahrten machen zu können.“ Man wende sich an die Politik, um eine neue Basis in den Gymnasien zu schaffen, auf der letztendlich auch Klassenfahrten wieder möglich werden können. In einer Information des Philologenverbandes heißt es in Richtung Landesregierung: „Stellen Sie junge Nachwuchskräfte ein, anstatt Neueinstellungen durch eine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung zu verhindern.“ Im Sommer des vergangenen Jahres habe es landesweit 70 Neueinstellungen gegeben – von 2008 bis 2012 seien es jährlich etwa 600 gewesen.

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