Diskussion mit Medizinern

Rotenburger Kandidaten wollen ran ans System

Zu gesundheitspolitischen Fragen äußern sich fünf der Direktkandidaten für den Bundestagswahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ im Rotenburger Heimathaus: Carsten Büttinghaus (CDU, v.r.), Lars Klingbeil (SPD), Kathrin Otte (Linke), Alexander Künzle (FDP) und Volker Körlin (AfD).
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Zu gesundheitspolitischen Fragen äußern sich fünf der Direktkandidaten für den Bundestagswahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ im Rotenburger Heimathaus: Carsten Büttinghaus (CDU, v.r.), Lars Klingbeil (SPD), Kathrin Otte (Linke), Alexander Künzle (FDP) und Volker Körlin (AfD).

Sieben Kandidaten gibt es für das Direktmandat im Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“. Fünf von ihnen haben am Mittwochabend mit Rotenburger Medizinern im Heimathaus diskutiert. Wie eine gute Reform des Systems gelingt, ist umstritten. Dass sich was ändern muss, nicht.

Rotenburg – Es ist ja nicht so, dass in der zu Ende gehenden Legislaturperiode nicht viel getan wurde. 37 neue Gesetze im Gesundheitswesen gab es in den vergangenen vier Jahren, listet Dr. Christiane Qualmann in ihren Eingangsworten auf. Die Hausärztin aus Rotenburg ist an diesem Mittwochabend eine der Gastgeberinnen der Ärztevereinigung Kreis Rotenburg, die zum dritten Mal im Vorfeld einer Bundestagswahl den Direktkandidaten auf den Zahn fühlt.

Fünf sind aus dem Wahlkreis erschienen, neben Mandatsinhaber Lars Klingbeil (SPD) die Herausforderer Carsten Büttinghaus (CDU), Alexander Künzle (FDP), Kathrin Otte (Linke) und Volker Körlin (AfD). Michael Kopatz’ (Grüne) Platz bleibt ohne Erklärung leer, Günter Scheunemann (Freie Wähler) ist erst gar nicht eingeladen gewesen.

Die fünf Kandidaten geben sich rund drei Stunden lang vor gut 100 Zuschauern im Heimathaus viel Mühe, die teilweise sehr fachspezifischen Fragen von Moderator Thomas Spieker (Pressesprecher der Ärztekammer Niedersachsen) und der Gäste zu beantworten. Allesamt sind sie aber keine Experten auf diesem Gebiet, wie sie immer mal wieder betonen. Doch es geht auch um Grundsätzliches, wie Qualmann schon in ihren kritischen Eingangsworten zur Belastung der Branche vor allem durch die Bürokratie, durch die mangelhafte Zusammenarbeit der Segmente im Gesundheitswesen und die schleppende sowie fehlerbehaftete Digitalisierung andeutet. 37 Gesetze, aber viele falsche Vorgaben. Ihre Frage: „Wi mook wi dat?“

Es muss sich ganz dringend etwas tun.

Carsten Büttinghaus (CDU)

Wie man es macht, da gehen die Meinungen der Bundesparteien in den Wahlprogrammen natürlich weit auseinander. Klar ist aber: Alle wollen viel verändern, auch wenn das deutsche Gesundheitssystem schon eins der besten sei. Nur gehe eben viel Energie und vor allem Geld verloren, das man besser in Behandlungen stecken könnte. Oder wie es Christian Scholber von der Freien Ärzteschaft am Beispiel Digitalisierung ausdrückt: „Kassenbeiträge werden eigentlich zur Krankenbehandlung abgezogen. Aber ein erheblicher Teil geht dann an die Computerindustrie.“

Zusammenarbeit mit allen - nur nicht mit der AfD

Es geht an diesem Diskussionsabend, der technisch und manchmal inhaltlich ein wenig stockt, weil es für die Diskutierenden, die nach Berlin wollen, nur ein einziges Mikrofon gibt, um die Herausforderungen der Telematik, um eine neue Bürgerversicherung wie sie Linke und SPD wollen oder das Beibehalten des alten Systems mit privaten und gesetzlichen Krankenkassen, es geht um zu wenig Nachwuchs in der Branche, Zugangsbeschränkungen, die Zukunft des Landarztes und neue Modelle wie Medizinische Versorgungszentren. Die einen wollen mehr Markt und Freiheit, die anderen weniger Kommerzialisierung des Gesundheitssystems, manche fordern gar die Verstaatlichung. Klar ist: Alle wollen was, und zwar viel. Und das, wo doch „alle Parteien in den vergangenen Jahren viele Fehler gemacht haben“ (Büttinghaus). Es muss sich was verändern, damit das System nicht zusammenbricht. 120 Milliarden Euro, verspricht Otte, wären verfügbar, wenn man die Steuerpläne der Linken umsetzt. Das wird vermutlich nach der Wahl wohl nicht direkt umsetzbar sein, größeren Widerspruch gibt es aber auch nicht. Die Zuschauer im Saal klatschen hier und da unabhängig von der Parteizugehörigkeit, selbst Körlin erhält mit seinen vage gehaltenen Äußerungen zum AfD-Programm Zustimmung. Die vier anderen Kandidaten betonen, als es dann doch etwas kämpferischer wird, nur mit Demokraten in der Sache um ein besseres Gesundheitssystem ringen zu wollen. Die AfD gehöre nicht dazu.

Es ist richtig, die Systemfrage zu stellen.

Lars Klingbeil (SPD)

Ein wenig Platz für politische Nickligkeiten bleibt aber doch. Die Pandemie ist natürlich ein großes Thema, was man hätte besser machen können die Frage. Zu wenig im Sinne des Katastrophenschutzes habe man vorgesorgt, obwohl es Pläne gab, wird unisono kritisiert, auch wisse man im Nachhinein natürlich vieles besser. „Ich frage mich manchmal, was im Bundestag abgeht“, formuliert Büttinghaus. Die Lösung habe doch seit einer Studie 2012 auf dem Tisch gelegen, aber der „Apparat tut sich damit schwer“. Klingbeil, nicht in der Regierung, wohl aber als Generalsekretär der SPD an vielen maßgeblichen Stellen beteiligt, kontert: „Ich wollte mich mit Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn zurückhalten. Und jetzt tut es sein Parteikollege.“ Die Pandemie sei nicht als Wahlkampfthema geeignet, jetzt zu sagen, in der CDU hätten in Zeiten der Bekämpfung zu viele – Stichwort Maskenaffäre – zunächst damit zu tun gehabt, sich selbst die Taschen vollzumachen, wäre „zu platt“. Er sagt es natürlich trotzdem.

Freude über Termin vor Ort

Festzuhalten ist: Die inhaltlichen Grenzen verlaufen zwischen den Parteien auch beim Thema Gesundheitssystem oft klar, über das grundsätzliche Ziel sind sich aber alle einig. Und die Branche, gerade die Hausärzte, werden unentwegt gelobt, insbesondere für ihren Einsatz. Acht von zehn Coronafällen, so heißt es, werden medizinisch in Hausarztpraxen versorgt. „Heißer“ werden andere Themen diskutiert, emotionaler. Die Anwesenden nehmen aber Anregungen mit – und einen Lichtblick nach vielen schweren Monaten. Hausärztin Qualmann: „Bei der letzten Veranstaltung dieser Art vor vier Jahren hätten wir uns nicht vorstellen können, wie froh wir sind, uns wieder treffen zu können.“

Wen wählt Rotenburg?

Die Kreiszeitung lädt mit dem Rotenburger Wirtschaftsforum kommende Woche auch zur Podiumsdiskussion – mit den drei Landrats- und den beiden Rotenburger Bürgermeisterkandidaten in der Aula des Ratsgymnasiums. Termin: Donnerstag, 19 Uhr. Anmeldung für Zuschauer per Mail an rwf@rotenburg-wuemme.de. Am 23. September folgt an gleicher Stelle eine moderierte Debatte mit den beiden Bundestagskandidaten Carsten Büttinghaus (CDU) und Lars Klingbeil (SPD).

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