Eine Reise der Begegnungen

Ralf Wolf fährt mit dem Rad von Rotenburg zum Nordkap

Wolf plante seine Reise über Polen, das Baltikum, Russland sowie Finnland und legte 3 316 Kilometer mit dem Rad zurück. Foto: Daus

Rotenburg - Von Matthias Daus. Wenn Ralf Wolf aus Rotenburg zusammen mit einem Kollegen per Fahrrad von Metz nach Koblenz fährt, dann sind diese rund 400 Kilometer für ihn eine Entspannungsreise, denn der Berufsschullehrer für Fachpraxis hatte bereits im Frühling eine Tour unternommen, die alles andere als alltäglich ist. „Es war ein lang gehegter Traum, einmal mit dem Fahrrad bis zum Nordkap zu fahren“, erklärt er.

Das Nordkap ist der angenommene nördlichste Punkt Europas, und Ralf Wolf war bereit für das Erreichen dieses Zieles einiges in Kauf zu nehmen. Drei Monate hatte er eingeplant für die Hin- und Rückreise, aber die Tour, die ihn über Polen, Russland, das Baltikum und Finnland bis hin zu diesem nördlichsten Zipfel Norwegens führte, brachte ihn physisch an seine Grenzen.

Aber die Geschichte beginnt eigentlich schon lange vorher. „Ich hatte mit dreißig Jahren einen Bandscheibenvorfall, der mich in meinen sportlichen Aktivitäten enorm einschränkte. Da ich aber auch weiterhin in Bewegung bleiben wollte, hatte ich damals das Fahrradfahren für mich entdeckt“, beschreibt der Lehrer seine Anfänge. Damals arbeitete er noch in Verden und er fuhr diese Strecke, wann immer es möglich war, mit dem Rad. Das Ganze weitete sich aus und er unternahm auch häufiger ausgedehnte Radwanderungen, wie zum Beispiel nach Danzig oder Basel.

Es gab immer das Verlangen, wesentlich weiter zu fahren. Einmal aus dem Alltag ausbrechen, um andere Länder zu sehen und Menschen und Kulturen kennenzulernen. Von Anfang an war ihm klar, dass er diese Reise alleine unternehmen wollte. „So kann ich selbst bestimmen, wann und wie weit ich auf meinen Etappen fahre und was noch viel wichtiger ist, wer allein reist, lernt die Menschen viel häufiger und direkter kennen“, sagt er. Eine Einschätzung, die sich bewahrheiten sollte, und so wurde seine Reise auch eine der Begegnungen und Geschichten.

Als er am 18. April mit seinem Fahrrad und den auf mehreren Taschen verteilten 43 Kilogramm Gepäck startete, waren die ersten 110 Kilometer bis nach Lauenburg nicht der Beginn, den er sich erhofft hatte, denn Gegenwind und hartnäckiger Regen machten ihm zu schaffen. Aber danach besserte sich die Lage und er wurde in Polen mit einer beeindruckend schönen Strecke direkt an der Ostsee belohnt. Als er an einem auf deutsch geschriebenen Schild „Zimmer frei“ vorbeifuhr, wurde sein Interesse geweckt.

Eine nette Bekanntschaft in Polen

Er hielt an, machte kehrt und übernachtete schließlich in diesem Zimmer, das eine ältere Dame vermietete. „Sie war so herzlich und nett. Sie hat mich regelrecht bemuttert und nebenbei erzählte sie mir auf Deutsch mit osteuropäischem Akzent aus ihrem bewegten Leben.“ Zum Abschied gab es Reiseproviant und Bernsteine, die ihm Glück bringen sollten.

In Erinnerung bleiben wird ihm auch das beklemmende Gefühl an der russischen Grenze, als er eine Dreiviertelstunde durchsucht und kontrolliert wurde. Trotz seines Durchreisevisums, dass er für die Strecke auf russischem Boden beantragt hatte, blieb das Gefühl bestehen, dort von staatlicher Seite nicht willkommen zu sein. Umso größer war die Erleichterung, als er in Litauen wieder auf europäischem Boden war.

Den Weg über das Baltikum hatte er gewählt, weil er eine andere Strecke fahren wollte, als die für diesen Trip übliche Route über Schweden. Außerdem hatte er bei seiner Arbeit eine Schülerin aus Lettland kennengelernt, die ihm von der Schönheit ihrer Heimat vorschwärmte und somit sein Interesse geweckt hatte. Sie hatte nicht übertrieben, denn Lettland war wirklich sehr schön, wie auch die anderen baltischen Staaten, berichtet Wolf. Aber es begegnete ihm auch viel Armut und die Straßenverhältnisse waren häufig schlecht oder recht abenteuerlich. Manchmal blieb ihm nur ein sehr schmaler Streifen am Rande der sogenannten Europastraße, einem Pendant zur deutschen Autobahn, wenn auch nicht so stark befahren. „Manchmal fuhren die LKW so dicht an mir vorbei, dass ihr Sog mich mitreißen wollte“, erinnert sich der Rotenburger.

Auf einem Waldweg irgendwo im Nirgendwo zwischen Nida und Kleipeda in Litauen, kam ihm ein Fahrradfahrer entgegen. Mit einem norddeutschen „Moin“ begrüßte Ralf Wolf seinen „Artgenossen“ und fiel beinahe aus allen Wolken, als der Angesprochene ebenfalls mit „Moin“ antwortete. Daraus entwickelten sich eine kurzzeitige Fahrgemeinschaft und eine Bekanntschaft, die immer noch Bestand hat. Eine von vielen Begegnungen, die die Reise für Ralf Wolf so nachhaltig interessant machten. Ebenso wie die Landschaften, die er durchquerte und die Städte, in denen er Station machte. Vor allem aber war es die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, die sein Bild von den Ländern prägte.

Nach dem Baltikum erwartete ihn eine sehr lange Etappe durch Finnland mit einsamen Strecken und vielen Steigungen, die teilweise sehr steil waren. Schließlich wurde ihm ein Winter zum Verhängnis, der nicht weichen wollte. Einheimische sagten ihm, dass es der längste Winter seit 20 Jahren gewesen sei. Zugefrorene Seen am Wegesrand, Temperaturen immer um den Gefrierpunkt und immer wieder einsetzende Schneeschauer, teils mit Sturm, machten ihm das Leben schwer. 

Doch das Ziel, das Nordkap zu erreichen, war immer noch sein Antrieb. Aber in Olderfjord, rund 120 Kilometer vor dem Ziel, ging es nicht mehr weiter. Eine Weiterfahrt mit dem Rad war aufgrund der Straßenverhältnisse behördlich verboten worden und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die letzte Etappe mit dem Bus zu fahren. 3 316 Kilometer hatte er mit dem Rad zurückgelegt und dabei 14 Kilo Körpergewicht verloren.

Nach einer langen Reise erreichte Wolf sein Ziel, das Nordkap. Auf der kräftezehrenden Reise verlor er 14 Kilo. Foto: Wolf

Eine Erkältung machte ihm zudem zu schaffen und deshalb stand er am nördlichsten Punkt Europas vor der Entscheidung, wie er seine Rückreise gestalten sollte. „Ich stand vor der Wahl, den Weg nach Hause auch mit dem Rad zu bewältigen, aber schließlich siegte die Vernunft und ich habe dann abgebrochen und bin mit Bussen, Bahnen und einer Fähre heimgereist.“ Ein Entschluss, den er nicht bereut hat. Wieder zu Hause erinnert er sich mit Wehmut und Stolz an seine Reise und auch für die Zukunft hat er sich neue Ziele gesetzt: “Ich möchte einmal nach Rom fahren, oder den Jakobsweg mit dem Rad beschreiten.“ Möglichkeiten für außergewöhnliche Touren gibt es viele und mit Sicherheit wird er noch die ein oder andere davon wahrnehmen.

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