Rainer Orban und Stefan Jacobsen über die Schwierigkeiten bei der Heimbetreuung von Kindern und Jugendlichen

„Das sprengt alle Grenzen“

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Stefan Jacobsen (l.) und Rainer Orban leiten die Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe in Rotenburg.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Wenn Kinder nicht mehr in ihren Familien leben können, bleibt manchmal als Ausweg nur die Unterbringung in einem Heim – in Rotenburg zum Beispiel die Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheime. Warum sie so wichtig sind und wo der Schuh drückt, berichten Einrichtungsleiter und Psychologe Rainer Orban und sein Stellvertreter Stefan Jacobsen, der sich um die kaufmännische Verwaltung kümmert.

Was für Kinder und Jugendliche leben in Ihrer Einrichtung?

Rainer Orban: Wir sind spezialisiert auf sozial-emotionale Entwicklung – also Verhaltensprobleme – und geistige Behinderung. Aber: Die geistige Behinderung ist dann nicht der Hauptgrund, sondern es spielen soziale Probleme eine Rolle. Die Familien sind nicht in der Lage, den Kindern Geborgenheit und Förderung zu bieten. Das ist nicht nur ein Versagen der Eltern, zum Teil ist es eine Reaktion auf die eigene Überforderung. Viele der Eltern haben selbst Heimerziehung und familiäre Krisen erlebt oder Gewalterfahrung – auch sexuelle Gewalt kommt häufig vor.

Wie sieht das bei den Kindern aus?

Orban: Ein Drittel unserer Kinder und Jugendlichen hat ebenfalls sexuelle Übergriffe erlebt. Und das ist nur das, was wir wissen. Da gibt es eine Dunkelziffer. Wir haben Kinder, die furchtbare Dinge erlebt haben. Ich habe viel gesehen, aber ich stehe manchmal sprachlos davor, was in diesem Land passiert. Diese Kinder vertrauen nicht „einfach so“. Das ist auch gut so. Sie sind vernachlässigt, misshandelt und missbraucht worden.

Stimmt das Klischee, dass diese Kinder und Jugendlichen schon schwierig auf die Welt gekommen sind?

Orban: Im Prinzip ist das nicht falsch. Aber es ist trotzdem Humbug. Die Kinder haben sich das nicht ausgesucht – es ist in der Regel nicht genetisch bedingt. Schon eine belastende Schwangerschaft – massiver Stress – hat eine unglaubliche Wirkung auf die Entwicklung des Gehirns, den Organismus und die Stressresistenz der Kinder. Sie sind häufiger krank. Was uns am meisten Schwierigkeiten macht, sind Kinder, bei denen klar ist, dass es in der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit angefangen hat. Wir können mit diesen Kindern in der Regel nicht über Sprache reflektieren, was passiert ist, weil das Erlebte nicht verfügbar ist. Es stimmt auch nicht, dass sie eine mangelnde Frustrationstoleranz haben. Deren Frustfass ist voll. Ein Tropfen reicht, und sie können nicht mehr.

Wie sehen dann Ihre Hilfsangebote aus?

Orban: Was wir tun, ist nur ein Teil der Palette. In der Tagesgruppe arbeiten die Eltern intensiv mit. Sie sollen das Gelernte in ihre Familie transportieren. Wir haben darüber hinaus ambulante Hilfen, bei denen wir die Jugendlichen in eigenen Wohnungen begleiten. In Zukunft arbeiten wir bei den Familien selbst ambulant, um sie zu unterstützen – damit es gar nicht soweit kommt, dass die Kinder bei uns leben müssen. Und dann haben wir den stationären Bereich. Da arbeiten wir mit den Kindern zusammen, die nicht mehr zu Hause leben können und versuchen, sie zu unterstützen, sowohl was ihre Rückführung angeht als auch in Richtung eigener Entwicklung. Außerdem haben wir eine Förderschule.

Also besuchen Ihre Kinder gar keine Regelschule?

Orban: Es ist klar, dass viele Kinder aufgrund ihres Hintergrunds nicht in der Lage sind, in einer Klasse mit 25 Schülern zu sitzen. Unsere Klassen sind maximal acht Schüler stark. Um die kümmern sich ein oder zwei Lehrer und ein pädagogischer Mitarbeiter. Nur dann haben diese Kinder eine Chance, einen regulären Schulabschluss zu machen.

Wie unterstützen Sie die Kinder darüber hinaus?

Orban: Im Prinzip hat jedes von ihnen, zumindest wenn sie neu sind, unter der Woche noch Therapie. Das kann von Psychotherapie bis zur Ergotherapie alles sein. Wir haben unsere Kinder- und Jugendfarmen. Da findet morgens ein „Grünes Klassenzimmer“ statt. Am Nachmittag gibt es für einige ein therapeutisches Angebot, zum Beispiel Bogenschießen. Es gibt generell ein großes Angebot, manches ist frei, manches gezielt abgestimmt auf die Kinder. Wir streben auch Kontakte zu Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr an. Und wir legen Wert auf gemeinsame Mahlzeiten. Es ist ein relativ normaler Tagesablauf. Sie leben eben nur mit anderen Kindern zusammen.

Sie hatten die Rückführung angesprochen. Wie kann das funktionieren?

Orban: Rückführung gelingt dann, wenn allen klar ist, dass es darum geht. Wenn Eltern, Jugendamt und wir als Einrichtung vorher verabreden, dass dieses Kind nach einem überschaubaren Zeitraum wieder in seinem Zuhause leben soll. Das heißt: intensive Gespräche, Familientherapie. Beratung ist nicht alles.

Wie oft sehen sich die Familien in dieser Zeit?

Orban: Wenn sie intensiv arbeiten, sehen sie sich alle zwei oder drei Wochen. Es ist wichtig, das Ganze intensiv zu begleiten, sonst geht es in der Regel schief.

Wie lange bleiben die Kinder im Durchschnitt?

Orban: Unser Schnitt liegt bei etwa 2,3 Jahren. Aber unsere Erfahrung zeigt: Wenn die Rückführung gelingen soll, muss das innerhalb von ein bis anderthalb Jahren passiert sein, sonst wird es schwer.

Warum ist das so?

Orban: Zum einen entwickeln sich die Familien und Kinder weiter. Zum anderen kann es auch an organisatorischen Gründen liegen. Das Kind ist bei uns. Irgendwann wird es vom Arbeitsamt nicht mehr zur Familie gerechnet, die muss eine kleinere Wohnung nehmen, wo wiederum kein Platz mehr für das Kind ist. Das ist ein Problem.

Wie trägt sich die Kinder- und Jugendhilfe?

Stefan Jacobsen: Wir kalkulieren die Aufwendungen – Personalkosten, Sachkosten, Investitionen. Das wird auf jedes Kind und jeden Tag heruntergebrochen. Und das ist das, was wir von den Jugendämtern bekommen. Wir bekommen keine Fallpauschalen. Das macht es für uns etwas planbarer. Weil wir staatlich anerkannt sind, bekommen wir außerdem vom Land Niedersachsen Geld. Es kommt vor, dass wir Spenden generieren, und wir bekommen Mitgliedsbeiträge, obwohl das zu vernachlässigen ist.

Können Sie noch junge Menschen aufnehmen?

Orban: Wenn wir Fachkräfte hätten, könnten wir wahrscheinlich dieses Jahr um 20 Prozent wachsen.

Also ist der Fachkräftemangel auch ein Problem?

Jacobsen: Ja, das ist es. Einerseits konkurrieren wir mit anderen Einrichtungen. Andererseits muss auch die Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Ausländer gewährleistet werden. Es ist wichtig, dass wir ein attraktiver Arbeitgeber sind. Aber wir finden wenig geeignete Mitarbeiter.

Was ändern die unbegleiteten minderjährigen Ausländer (UMA) an der Situation?

Orban: Wir sind noch in der Planung und werden noch im Februar die ersten aufnehmen. Auch da müssen wir genau hinschauen. Die Anzahl derer, die herkommenen, sprengt alle bisher gekannten Grenzen.

Jacobsen: Wir müssen behutsam vorgehen. Die Mitarbeiter müssen gut vorbereitet sein.

Wie viele nehmen Sie zu Anfang auf?

Orban: Wir fangen erstmal mit zweien an. Wir wollen sie einzeln in unsere Gruppen integrieren. Es geht darum, dass sie die Sprache lernen, sich in unserer Kultur zurechtfinden, und das schaffen wir nicht, wenn wir Subkulturen entwickeln. Es stellen sich auch weitere Fragen: Aus welchen Ländern kommen sie? Was für einen Hintergrund gibt es da? Haben wir Dolmetscher? Es gibt zum Beispiel eine Kollegin, die kann Arabisch und gut Französisch. Aber wenn wir jemanden aus Afghanistan kriegen, wird es schwierig.

Was hat den Ausschlag gegeben, erst einmal zwei UMAs aufzunehmen?

Orban: Wir müssen überlegen, in welchen Gruppen wir aufnehmen können. Wir haben einen Bereich, in dem wir ältere Jugendliche begleiten. Sie sollen lernen, alleine zu leben. Da passt es gut, weil die UMAs häufig reifer sind als vergleichbare deutsche Jugendliche.

Jacobsen: Sie haben auch nicht diesen schulischen Förderbedarf. Sie kommen häufig vom Gymnasium oder der Realschule. Ihr Handicap ist die Sprache. Ansonsten sind sie vermutlich gut integrierbar.

Orban: Wir müssen aber auch damit rechnen, dass welche kommen, die sogar Analphabeten sind.

Gibt es von den Jugendämtern Signale, dass es Verstärkung für Ihr Team gibt?

Orban: Die Jugendämter können auch keine Kollegen backen. Die Zusammenarbeit ist aber toll. Es gibt zum Beispiel das Signal, uns Dolmetscherkosten zu bezahlen. Wir kriegen auch für diese Kinder den gleichen Kostensatz, sodass wir ihnen theoretisch gerecht werden können.

In Ihrer Einrichtung leben auch Jugendliche. Irgendwann ist da die Sexualität ein Thema. Wie handhaben Sie das?

Orban: Es ist nicht zu vermeiden, dass sie sich mit diesem Thema befassen. Schwierig wird es, wenn es in einem Machtgefälle passiert, und einer der beiden das nicht will. Dann informieren wir Eltern, Jugendamt und Landesjugendamt. Wir gucken dann, wie wir mit der Situation umgehen. Dafür haben wir ein sexualpädagogisches Konzept. Darin ist alles genau geregelt, auch, wie wir die Kinder begleiten und aufklären. Dafür muss es aber Bedarf seitens der Kinder geben. Wir warten darauf, dass sie uns zeigen, dass sie darüber reden möchten. Wir erleben auch mehr ungewöhnliche Sexualität in dem Alter. Es fällt auf, dass die Kinder, die aus Familien kommen, die sich schwer mit unserer Gesellschaft tun, besonders empfänglich für Pornographie sind. Die machen keine Doktorspiele, die spielen Pornographie nach.

Wird das zum Anlass genommen, um darüber zu reden?

Orban: Das eine ist, zu zeigen, dass es nicht gewöhnlich ist, das andere ist: Ihr dürft nein sagen, wenn ihr was nicht wollt. Kinder und Jugendliche haben ihre Fantasien, aber die muss man nicht an anderen ausprobieren, die nicht wollen. Es gelingt trotzdem nicht immer, das zu vermitteln. Oberstes Gebot ist es, den Schutz der Kinder und Jugendlichen sicherzustellen. Für sie ist es gut, wenn sie merken, dass sie von uns nicht bloßgestellt werden. Wir erklären, dass es nicht in Ordnung ist, wenn sie andere zu etwas bewegen wollen, was diese nicht wollen. Die Kinder geben es uns mit Vertrauen zurück. So kriegen wir früher mit, wenn etwas passiert ist.

Jacobsen: Da ist Transparenz ganz wichtig. Bei Dingen, die eine gewisse Grenze überschreiten, informieren wir die Heimaufsicht. Wir suchen sofort den Kontakt zu Behörden, zur Polizei.

Was muss sich in der Jugendhilfe generell ändern?

Orban: Wir müssen unser Bildungssystem hinterfragen. Auch eine Schule, wie wir sie haben, kann nicht die einzige Antwort sein.

Hätten Sie eine andere?

Orban: Ja, viel frühere Betreuung der Familien. Wir wissen, dass die frühe Betreuung von Kindern unter drei Jahren unglaublich hilfreich ist. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz fehlt außerdem ein Präventionsparagraph. Es gibt immer erst Geld, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Kinder- und Jugendhilfe

Die Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheime Rotenburg gibt es seit 1979. Dahinter verbirgt sich der gemeinnützige Verein der Kinder- und Jugendhilfe Rotenburg mit 80 Mitgliedern. In den Heimen arbeiten 115 Mitarbeiter. Die Aufnahme beginnt ab sechs Jahren. In der Regel dürfen sie bis zum 21. Lebensjahr bleiben. Es gibt beim Tagesangebot und in den stationären Wohngruppen 90 Plätze, etwa zwei Drittel sind Jungen. Alle sind in der Regel in Einzelzimmern untergebracht. Das ist bei Neubauten die Vorgabe der Jugendämter, bei denen die Heimaufsicht liegt. Etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Einrichtung besuchen eine Regelschule. Darüber hinaus gibt es mit der Bernhard-Röper-Schule ein eigenes Förderangebot.

iq

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