KOMMUNALWAHL Linken-Kreischef Stefan Klingbeil will Landrat werden

Radelnder Vegetarier ohne Auto

Stefan Klingbeil peilt den Chefposten im Kreishaus an.
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Stefan Klingbeil peilt den Chefposten im Kreishaus an.

Rotenburg – Neben Studium und Politik bleibt nicht mehr viel Zeit für andere Dinge. Gerne spielt Stefan Klingbeil Badminton. Und vor knapp zwei Jahren hat er mit dem Tanzen angefangen. Im Mittelpunkt steht gerade in diesen Tagen und Wochen aber seine Arbeit im Zeichen der Partei Die Linke. Er selbst peilt nicht nur den Einzug in den Rotenburger Stadtrat sowie in den Kreistag an, sondern er will Landrat werden. Wir treffen uns mit dem 34-Jährigen und sprechen über sein Vorhaben.

Seit 2017 gehört Klingbeil der Partei Die Linke an. Er spricht vom Trump-Effekt und erinnert an die Entwicklungen in Polen und Ungarn sowie bei der AfD. Eine Phase, die bei ihm etwas bewirkt hat. „Du musst etwas in Deinem Wirkungskreis verändern“, habe er sich gesagt. Seitdem engagiert er sich in der Partei mit ihren kreisweit 50 Mitgliedern sowie im Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“. „Wir werden damit nicht die Welt umkrempeln, und es besteht auch keine Gefahr linker Übermacht“, fügt der studierte Bildungswissenschaftler hinzu. Jetzt arbeitet er an seinem Master in Soziologie.

Sollte er am 12. September – oder spätestens in einer möglichen Stichwahl am 26. September – tatsächlich Landrat werden, müsste das Studium wahrscheinlich ruhen. „Wir wollen zeigen, dass es eine andere Meinung gibt, und wir wollen nicht hinnehmen, dass die CDU ihre Macht demonstriert.“

Hintergrund: Neben dem CDU-Kandidaten Marco Prietz hatten sich SPD und Grüne im Landkreis auf einen gemeinsamen Landratskandidaten geeinigt. Volker Harling – parteilos – musste nur wenige Wochen später aus gesundheitlichen Gründen wieder Abstand von der Kandidatur nehmen. Grüne und SPD sahen sich nicht in der Lage, innerhalb so kurzer Zeit einen neuen Bewerber aus dem Hut zu zaubern. Und so hat sich Die Linke entschieden, einen Kandidaten aufzustellen.

Ging es der Partei und Klingbeil selbst zunächst vor allem darum, den Menschen im Landkreis eine wirkliche Wahl zu ermöglichen, nimmt der junge Mann die Kandidatur „mittlerweile sehr ernst“. Von den aktuellen Umfragewerten für die Die Linke lasse er sich nicht beirren. „Es hat in den vergangenen Tagen viel Zuspruch und eine Reihe von guten Rückmeldungen gegeben“, erklärt er.

Wer Landrat werden will, muss sich einiges zutrauen. 1 000 Beschäftigte, ein großer Verwaltungsapparat und viele komplizierte Abläufe: „Es ist mir zu verengt, wenn es heißt, das müsse ein Verwaltungsfachmann machen.“

Das, so Klingbeil, werde diesem Amt nicht gerecht. Das sei nämlich vor allem politisch. „Die Fachleute sind die Beamten und die Angestellten. Ich trage die Verantwortung.“ Bislang habe ihn noch niemand gefragt, „ob ich noch alle Latten am Zaun habe“. Eher werde seine Bereitschaft wahrgenommen.

Eigentlich, sagt Klingbeil, sei es für alle gut, wenn er den Chefposten im Kreishaus übernimmt. Denn weil Die Linke keine Übermacht haben werde, sei er als Landrat darauf angewiesen, im Zusammenspiel mit den anderen Parteien zu einem Konsens zu kommen. „Das kann am Ende für alle von Vorteil sein.“

Die Diskussionen über und in seiner Partei ärgerten ihn. „Und in dem Wahlprogramm sehe ich auch einiges kritisch“, erklärt er. Was Die Linke im Landkreis Rotenburg betrifft, könne man sie nur an dem messen, „was wir hier machen“. Er nehme für sich in Anspruch, mit viel Energie an die Sache heranzugehen. „Das wird mir auch bestätigt.“ Sein Ziel sei es, ein positives Bild zu vermitteln, „denn wir können im Landkreis was ändern“. Treiben lasse er sich von der Frage, wie man an Probleme herangeht. Seine Leitplanke sei ein sozial-ökologisches Umdenken – nicht nur, wenn es um Fragen des Verkehrs geht.

In dieser Hinsicht aber geht Klingbeil mit gutem Beispiel voran. Er hat zwar einen Führerschein, hatte aber noch nie ein eigenes Auto. „Ich bin aktiver Car-Sharer.“ Ansonsten nutzt er überwiegend das Fahrrad. Als radelnder Vegetarier ohne eigenes Auto bezeichnet er sich selbst auf Twitter. Diesen Nachrichtendienst und Telegram nutzt er, von Facebook und Instagram lässt er hingegen die Finger. Im Wahlkampf setzt er auf Info-Stände und auf Plakate.

Der gelernte Heilerziehungspfleger hat bei den Rotenburger Werken, später bei der Lebenshilfe gearbeitet. Das erste Studium habe er nebenberuflich an der Fernuni in Hagen absolviert. Jetzt sitzt er in Vollzeit am Master. Allerdings gehe in diesen Wochen viel Zeit für die Politik drauf. Zu viel, weiß Klingbeil – und so bleibt das Lindy-Hop-Tanzen weitgehend auf der Strecke. „Das macht einen Riesenspaß. Es ist flott und schnell“, schwärmt er bei einem Cappuccino unter freiem Himmel am Rande der Rotenburger Fußgängerzone und in Sichtweite des Rathauses. Dort peilt er einen Platz im Rat an. Den einen, den Die Linke eigentlich im Kreistag hatte, ist sie wieder los. Den hat Nils Bassen nach seinem Wechsel zur SPD mitgenommen. Das hat Klingbeil nicht gepasst. Lange Zeit hatten die zwei keinen Kontakt, mittlerweile reden sie wieder miteinander. „Das war nicht schön, aber es ist Gras über die Sache gewachsen.“

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