Eine ethische Frage

Dr. Heinrich Hahn und die Organspende: „Der Prozess ist richtig gut“

Wer zur Organspende bereit ist, dokumentiert das mit einem Ausweis. Foto: men

Rotenburg – Dr. Heinrich Hahn ist zufrieden – wenn auch der große Wurf ausgeblieben ist. Am Donnerstag hat sich der Bundestag mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, dass lebensrettende Organspenden in Deutschland nur mit ausdrücklicher Zustimmung erlaubt bleiben. Eine Widerspruchsregelung, wie sie auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gefordert hatte, ist vom Tisch. Die Bereitschaft zur Organspende muss weiterhin aktiv geäußert werden, nur soll künftig mit mehr Beratung die Frage in der Öffentlichkeit belebt werden. „Das ist schon jetzt ein Erfolg“, sagt Hahn. Der 55-jährige Kinderarzt des Rotenburger Diakonieklinikums ist Sprecher des dortigen Ethik-Komitees und so schon seit vielen Jahren mit der schwierigen, individuellen und durchaus mit moralischen Konflikten versehenen Fragestellung der Organspende befasst.

Für Hahn ist das, was der Gesetzgeber jetzt verankern will, der richtige Weg. Wobei: Ein „Falsch“ kann es im Prinzip gar nicht geben in der Sache, wie er betont. Selbst innerhalb des Ethik-Komitees gebe es ganz unterschiedliche Ansichten, und auch die Abstimmung im Bundestag ohne Fraktionszwang hat gezeigt, dass diese zutiefst menschliche Entscheidung jeder allein für sich selbst ausmachen muss. Was Hahn aber schon jetzt als Erfolg verbucht, ist die Debatte an sich. Denn die habe viele Menschen wachgerüttelt und diejenigen wieder näher ans Thema herangeführt, die durch einstige Organspende-Skandale verunsichert waren. „Der ein oder andere wird sich jetzt viel mehr Gedanken machen“, sagt der Rotenburger Mediziner. „Es rüttelt auf.“

Dr. Heinrich Hahn

Deutschland ist mit Belgien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Ungarn und Slowenien Mitglied der Stiftung Eurotransplant, die verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in diesem Gebiet ist. Nach deren Zahlen stehen in dem 137 Millionen Menschen umfassenden Gebiet 14.000 Menschen auf Wartelisten, pro Jahr würden ungefähr 7000 Organe vermittelt. Allein in Deutschland spricht man von gut 9000 Menschen, die auf Spenderorgane warten, aber nur von rund 1000 tatsächlichen Spenden jährlich. Dass sich diese Zahl erhöhen muss, ist unbestritten. Auch die Bereitschaft in der Bevölkerung ist nach Umfragen da – nur über den Weg, die Zahlen zu erhöhen, ist man sich nicht gänzlich einig.

„Wir haben profitiert von dem Prozess“, lobt Hahn dennoch die intensive Debatte. Dadurch, dass die Bereitschaft zur Organspende künftig auch in einem Onlineregister verankert wird, würden Konflikte vermieden. Immer wieder sei auch das Ethik-Komitee des Diakos zurate gezogen worden, wenn sich Widersprüche bei Patienten ergeben haben. So komme es nicht selten vor, dass ein Unfallopfer zwar einen Organspendeausweis bei sich trage, sich aber in einer Patientenverfügung gegen lebenserhaltende Maßnahmen ausgesprochen habe – die wiederum zur Organentnahme notwendig seien. Hier komme man dann ganz schnell in einen moralischen Konflikt und diskutiere grundsätzliche Fragen, so Hahn. Ist der Hirntod das Ende? Wann ist man wirklich „tot“? Angehörige, die in Momenten des Schocks oder der Trauer über das Vorgehen der Organspende entscheiden müssten, könnten durch klarere Vorgaben und vorherige Willensbekundungen entlastet werden.

Hahn hofft auf steigende Spendenbereitschaft

Mediziner Hahn hofft nun wie viele Kollegen auf eine höhere Spendenbereitschaft. Wichtig sei aber, dass auch in künftigen, häufigeren Beratungsgesprächen zum Beispiel durch den Hausarzt niemand zu einer Entscheidung gedrängt werde. Es dürfe keine Empfehlungen geben, sondern nur Informationen. Wozu sich der Einzelne bereit erklären möchte, sei eine persönliche Entscheidung.

Im Rotenburger Diakonieklinikum werden übrigens keine Spenderorgane eingesetzt, wohl aber entnommen. Für die Transplantationen sind dann die größeren Uni-Kliniken zum Beispiel in Hamburg oder Hannover zuständig. Hahn möchte mit dem Ethik-Komitee das Thema Organspende aber künftig mit einer Informationskampagne auch im Diako stärker verankern. Dass die Beschäftigung mit dem Thema Früchte trägt, kann er aus eigener Erfahrung berichten: Er selbst besitzt seit Kurzem einen Spenderausweis.

Zur Info: Anlaufstelle bei schwierigen Entscheidungen

Seit 1997 gibt es die „Arbeitsgemeinschaft Ethik-Komitee“ am Rotenburger Diakonieklinikum. Ihr gehören zwölf Mitglieder an – Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger, Verwaltungsmitarbeiter. Sie beraten zu individuellen Fragestellungen, moralischen Konflikten und grundsätzlichen Leitlinien des Hauses. Themen sind zum Beispiel die Babyklappe, Abtreibungen oder zuletzt häufig Patientenverfügungen. 

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