Mehr als 500 Besucher in Soltau

„Ihr Klimaschutz zerstört meine Zukunft“: Protest begleitet Olaf-Scholz-Besuch

Im Endspurt des Bundestagswahlkampfs hat SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz am Dienstag Station in Soltau, der Geburtsstadt des SPD-Generalsekretärs Lars Klingbeil, gemacht. Knapp eine halbe Stunde lang umriss der Bundesfinanzminister die zentralen Themen, mit denen die Sozialdemokraten ihren Vorsprung auf die CDU in den Umfragen stabilisieren wollen.

Soltau – Großer Bahnhof im beschaulichen Soltau: SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, der auch um das Direktmandat im Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ bei der Bundestagswahl kämpft, hat sich Unterstützung von ganz oben geholt. Parteikollege und Kanzlerkandidat Olaf Scholz macht auf seiner deutschlandweiten „Zukunftsgespräche“-Tour einen Stopp in der Böhmestadt. Mit im Gepäck: Viele schon in wochenlanger Manier geprobte Sätze, für die es vom wohlgesonnenen Publikum Applaus gibt. Aber auch kleinere Proteste werden laut.

Doch zunächst einmal empfängt laute Musik die beiden Politiker, die nach einem kurzen Spaziergang vom vorherigen Pressegespräch in der Filzwelt Felto an der Bühne an der Marktstraße eintreffen. Es ist ein besonderer Termin für Klingbeil, das verhehlt er nicht: Schließlich hat er es geschafft, seinen Kandidaten, den er auf dessen Weg Richtung Kanzleramt seit einem Jahr unterstützt, nur wenige Tage vor der Bundestagswahl in seine Geburtsstadt zu holen. Nicht ohne Grund, sieht er darin auch Unterstützung für das eigene Ziel – das Direktmandat zu verteidigen.

Mehr als 500 Zuschauer haben sich versammelt.

Gemeinsam, Zusammenhalt – es sind Schlüsselworte, die immer wieder fallen. Das Gros der Zeit überlässt Klingbeil allerdings seinem Parteikollegen das Mikrofon. Er hält sich im Hintergrund, während Scholz seine Rede schwingt, die er so oder in ähnlicher Form oft in den vergangenen Wochen abgespult hat. Er lässt Scholz auch beim Pressegespräch den Vortritt, wo es vor allem um die großen Themen unserer Zeit geht, die alle angehen – Rente, die Abschaffung von Kinderarmut, Gleichberechtigung, faire Löhne, Mindestlohnerhöhung, gleiche Chancen für junge Menschen, unabhängig vom Einkommen der Eltern, Wohnungsbau.

Es ist ein schneller Ritt durch alle Themen. Und immer wieder geht’s um Klimaschutz. Der ruft Protest hervor: Ein paar Aktivisten halten Schilder hoch, machen sich mit schrillem Schreien bemerkbar. Mit sehr einfachen Plakaten – „Ihr Klimaschutz zerstört meine Zukunft“ – machen sie auf Klimaschutz und den Berliner Hungerstreik aufmerksam. Ein Mann versucht, die Bühne zu stürmen, Sicherheitskräfte zerren ihn weg.

Olaf Scholz umreißt auf der Bühne viele Themen.

Scholz lässt sich nicht beirren – und geht dann doch kurz auf die Störenfriede ein, mahnt an, den Hungerstreik zu beenden. Er spricht laut und deutlich ins Mikro, wählt seine Worte mit Bedacht. Er macht Pausen, die mit Beifall belohnt werden – der Polit-Profi weiß eben, wie es geht.

Sowohl beim Presse- als auch zunächst beim Zukunftsgespräch geht es weniger um regionale Themen. Erst am Ende werden die angesprochen: Zuschauer konnten am Eingang Fragekarten ausfüllen. Es sind viele.

Protest gibt’s auch.

Eine Schülerin ist als eine der Ersten an der Reihe: Wie geht es mit der Digitalisierung an Schulen weiter? Daraus ergibt sich die Frage, wie es in einem weiteren Lockdown weitergehen würde? Den gibt es nicht, verspricht Scholz. Der sei nicht notwendig, auch der Präsenzunterricht kann aufrechterhalten werden: Viele Eltern und Lehrer sind geimpft, immer mehr Jugendliche ebenfalls, über weitere Empfehlungen für Jüngere wird debattiert. „Wir können und müssen noch was gewinnen“, macht Scholz dennoch deutlich, wirbt um mehr Menschen, die sich impfen lassen. Gemeinsam durch die Pandemie – da ist es wieder.

Unter den Zuschauern ganz vorne an der Bühne sitzen auch die beiden Rotenburger Kreisvorsitzenden der SPD, Ina Helwig und Nils Bassen. „Olaf Scholz hat deutlich rübergebracht, wofür er steht und worum es mit ihm als Kanzler in der Regierung gehen wird: Respekt“, sagt Helwig. Respekt, betont Scholz, „muss eine große Rolle spielen“. Ein kaum bemerkter Versprecher folgt: „Viele können sich vorstellen, dass ich nicht Kanzler werde.“ Der Kandidat muss dem Wahlkampf-Stress Tribut zollen.

Ina Helwig, Nils Bassen

Feierabend ist für Klingbeil und Scholz an diesem Tag noch nicht – später wartet ein weiterer Termin in Lüneburg. Und Ausschlafen ist für Scholz auch nicht drin – was das angeht, bedauert er schmunzelnd, ist es für ihn etwas „schlecht gelaufen bisher im Leben“. Ein Bier gibt es gerne, aber nur alkoholfrei – um „konditionell auf der Höhe zu bleiben“.

„Es war eine tolle Stimmung, man hat eine breite Unterstützung gefühlt“, sagt Bassen. Die braucht man auch im Wahlkampf. Klingbeil gibt zu, froh zu sein, wenn die Wahl gelaufen ist. Für ihn ist es ein Spagat, das Pendeln zwischen der Heimatregion und Berlin – an beiden Orten ist er permanent gefragt. Eine schwere Entscheidung sei daher die Frage gewesen, wo er den Wahltag am Sonntag verbringt. In Berlin nämlich.

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