Professor Andreas Thiel im Interview

„Er wollte mir schaden“

+
Andreas Thiel, Chefarzt am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Im November 2013 steht der Vorwurf im Raum und wird publik. Hat Chefarzt Professor Dr. med. Andreas Thiel vom Rotenburger Diakonieklinikum bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben?

Die Antwort ist schnell gefunden: Er hat nicht. Doch die Geschichte ist damit nicht aus der Welt. Erst jetzt, mehr als zwei Jahre, nachdem der „Denunziant“ seine Vorwürfe in den Raum warf, ist der Fall juristisch abgearbeitet. Und erst jetzt spricht Thiel öffentlich darüber, was solch ein Vorwurf für einen Menschen bedeuten kann.

Herr Thiel, was ist am 6. November 2013 passiert? 

Andreas Thiel: Die Rotenburger Kreiszeitung hat mich angerufen und erzählt, dass es diese Plagiatsvorwürfe eines Informanten gibt. Ich habe es ehrlich gesagt gar nicht ernst genommen, weil ich wusste, das kann gar nicht sein. Ich habe eine empirische Arbeit vorgenommen und eine Gruppe von Patienten untersucht. Das lässt sich gar nicht abschreiben – und auch jederzeit überprüfen. Am nächsten Morgen habe ich dann feststellen müssen, dass berichtet wird.

Was haben Sie gedacht, als Sie von dem Vorwurf gehört haben? 

Thiel: Es war völlig klar, dass die Arbeit nicht abgeschrieben ist. Ich wusste es ja auch. Insofern hat mich der Vorwurf nicht weiter beschäftigt. Was mich aber geärgert und enttäuscht hat, ist, dass die Zeitung ungeprüft veröffentlich hat.

Was wurde Ihnen konkret vorgeworfen? 

Thiel: Der Vorwurf war, ich hätte die Arbeit abgeschrieben von einer Frau Petra Körner, die schon zehn Jahre zuvor in Heidelberg eine Doktorarbeit über ein ähnliches Thema geschrieben hatte. Ein Teil des Titels deckte sich: „Zur Prognose der Anorexia nervosa“. Das ist aber auch keine Überraschung. Über dieses Krankheitsbild sind sicher mehrere Doktorarbeiten erschienen, die einen ähnlichen Titel haben. Wenn Sie Dissertationen suchen zur Temperaturabhängigkeit von Winterreifen, finden Sie vermutlich auch 100 Arbeiten, die ähnlich klingen. Wie reagiert man darauf? Thiel: Als der Bericht erschienen war und ich daraus erfuhr, dass es eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gab, habe ich die Universität Göttingen aufgefordert, es zu prüfen. Und ich habe mich mit der Staatsanwaltschaft auseinander gesetzt.

Wie haben Sie die Vorwürfe widerlegt? 

Thiel: Die Staatsanwaltschaft hat sich kurz damit beschäftigt und das Verfahren Ende 2013 eingestellt. Gegenüber der Uni habe ich Stellung bezogen, dort wurde es geprüft. Das Ergebnis stand im Juli 2014: kein wissenschaftliches Fehlverhalten.

Warum zogen sich die juristischen Fragen dann noch so lange hin? 

Thiel: Es gab noch eine zivilrechtliche Auseinandersetzung mit dem Menschen vor dem Landgericht Bremen. Hier konnte ich mich durchsetzen.

Wussten Sie von Beginn an, wer die Vorwürfe erhebt? 

Thiel: Es gab einen Menschen, dessen Bekannter hier in der Klinik auf richterlicher Anordnung gegen seinen Willen untergebracht war. Er hatte dafür kein Verständnis, hat es auch mir persönlich gesagt im Telefongespräch. Er hat sich an die Klinik gewandt. Die Situation war sehr klar: Es gab jemanden, der sich über mich geärgert hat, das sogar sagt, und der erhebt diesen Vorwurf. Mir gegenüber verneint er aber, dass er diese erhoben hat.

Haben Sie sich auch persönlich getroffen? 

Thiel: Ich habe ihn eingeladen, damit wir gemeinsam mit dem Patienten sprechen. Es gab Telefonate und E-Mail-Verkehr, er ist dann aber trotz des Angebots nicht hier erschienen, um das Gespräch zu suchen.

Was ist passiert, nachdem die Vorwürfe publik wurden? 

Wie haben sich diese privat und beruflich ausgewirkt? Thiel: Bei der Arbeit, sowohl von den Kollegen als auch den Vorgesetzten, habe ich sehr viel Unterstützung erhalten. Da kann ich mich nicht beklagen. Es war ja völlig durchsichtig, dass mir jemand schaden wollte. Man muss aber auch schauen, wie es auf Angehörige wirkt. Für einige Menschen im sozialen Umfeld war es durchaus eine Belastung.

Halten Sie es für einen Fehler im System, dass ein Vorwurf – wie inhaltlich begründet er auch sein mag – gleich solch hohe Wellen schlagen kann? 

Thiel: Vor allem ist es ein großes Problem. Wir können froh sein, dass wir in einer Demokratie leben, zu der gehört Meinungs- und Pressefreiheit. Aber mit den Möglichkeiten zum Beispiel der neuen Medien wächst auch die persönliche Verantwortung. Die Möglichkeiten, Menschen zu schaden, sind durch soziale Medien deutlich größer geworden. Juristisch hat sich vielleicht im Vergleich zu früher nicht viel verändert. Aber auf menschlicher Ebene schon – weil es sofort eine viel größere Bühne gibt. Wir müssen aufpassen, dass so kein rechtsfreier Raum entsteht.

Hatten die Vorwürfe auch etwas zu tun mit der damaligen „Plagiats-Hysterie“? 

Thiel: Dieser Denunziant wollte mir schaden. Auf die Idee der Plagiate ist er wohl wegen der Debatte um die Politiker gekommen. Ich kann ja noch froh sein, dass er nur das behauptet hat. Er hätte sich ja noch viel schlimmere Vorwürfe ausdenken können.

Immer mal wieder hört man Geschichten, von „falschen Medizinern“, die dann auch viel Gehör finden. Könnte das aus dem großen Urvertrauen in den Arzt rühren – und eine mögliche Erschütterung dessen? 

Thiel: Wenn ein Arzt seine Doktorarbeit abschreibt, ist er trotzdem Arzt. Man muss unterscheiden zwischen der Approbation, also der Berufserlaubnis, als Arzt tätig zu sein, und der Promotion, der Verleihung des Doktortitels. Es kommt gelegentlich vor, dass ein Arzt ohne Approbation praktiziert hat. Das ist ein Problem. Denn entweder haben diejenigen nie die Erlaubnis bekommen, oder sie ist ihnen entzogen worden. Das berührt das Vertrauensverhältnis immens. Das würde mich auch beunruhigen. In der Frage um den Doktortitel geht es nur um den Ruf oder andere Dinge.

Glauben Sie, dass es in Ihrer Branche viele Probleme mit Plagiaten gibt? 

Thiel: Ich denke, eher nicht, aber ich kann nur spekulieren. In anderen Fächern wie Jura oder Theologie ist es häufig sehr viel aufwendiger, zu promovieren, als in der Medizin. Der Druck, zu plagieren, könnte deswegen deutlich größer sein.

Wäre eine gefälschte Doktorarbeit Grund genug, den Job zu verlieren?

Thiel: Das kommt auf den Arbeitgeber an. Ein Politiker muss in diesem Fall nicht gehen, weil es strafrechtlich relevant ist, sondern aus Imagegründen. Er hat die Unwahrheit gesagt. Wenn ein selbständiger niedergelassener Arzt unrechtmäßig den Doktortitel führt, hat er Sanktionen der Ärztekammer zu erwarten. Ob eine Klinik in diesem Fall Mitarbeiter entlässt, wäre im Einzelfall zu prüfen. Die Promotion hat insgesamt an Bedeutung verloren. Es gibt mittlerweile einen höheren Anteil an Ärzten, die nicht promovieren.

Sind Sie selbst ein misstrauischer Mensch? 

Thiel: Nein. Wir haben nur ein Leben, das wir uns durch unnötiges Misstrauen nicht schwer machen sollten.

Der anonyme Vorwurf in der Öffentlichkeit

Am 6. November 2013 war es vorbei mit der Unschuld. Ein Informant wandte sich an die Rotenburger Kreiszeitung, er habe Informationen über Professor Andreas Thiel vom Rotenburger Diakonieklinikum. In einer Zeit, in der Deutschland die möglichen Schummeleien von Spitzenpolitikern wie Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan bei ihren Doktorarbeiten diskutiert, behauptet der Mann, der in der Berichterstattung anonym bleiben will (Begründung: „Das Volk liebt den Verrat, aber nicht den Verräter“), dass Thiel bei seiner Dissertation ebenfalls betrogen habe. Die Rotenburger Kreiszeitung berichtet darüber, lässt auch Thiel selbst zu Wort kommen, der jeglichen Verdacht in dieser Richtung für völlig unbegründet hält. Die Staatsanwaltschaft Verden bestätigt auf Nachfrage den Eingang einer anonymen Anzeige in dieser Sache. Thiel wehrt sich gegen die Unterstellungen, und er bekommt schnell Recht. Sowohl akademisch als auch strafrechtlich und zivilrechtlich wird er auf allen Ebenen, die eingeschaltet sind, freigesprochen. Auch die Rotenburger Kreiszeitung, die den Verdacht als erste publik gemacht hat, verpflichtet sich, diesen Verdacht nicht weiter zu verbreiten. Jetzt, nach Abschluss aller Verfahren, äußert sich Professor Thiel zum ersten Mal öffentlich zur Sache. mk

Zur Person

Andreas Thiel ist Chefarzt am Zentrum für Psychosoziale Medizin und Leiter des Zentrums für Palliativmedizin. Er hat in Göttingen studiert und promoviert. Der Titel seiner Doktorarbeit über Magersucht war 1987 „Zur Prognose der Anorexia nervosa: Eine katamnestische Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der prognostischen Relevanz bulimischer Symptome“. Zunächst arbeitet er als Oberarzt in Innsbruck. Seit 1998 ist er im Diakonieklinikum tätig. Thiel ist 56 Jahre alt, wohnt in Rotenburg, ist verheiratet und hat vier Kinder. mk

Mehr zum Thema:

Kunstdiebstahl im Bode-Museum: Keine Spur von 100-Kilo-Münze

Kunstdiebstahl im Bode-Museum: Keine Spur von 100-Kilo-Münze

Christine Kaufmann (†): Bilder aus ihrem Leben

Christine Kaufmann (†): Bilder aus ihrem Leben

Küken liefern „PiepSchau“ in der Grundschule Asendorf

Küken liefern „PiepSchau“ in der Grundschule Asendorf

Ostermarkt in Brunsbrock

Ostermarkt in Brunsbrock

Meistgelesene Artikel

Familie aus dem Kosovo wird in Heimatland zurückgeschickt

Familie aus dem Kosovo wird in Heimatland zurückgeschickt

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Kommentare