Vielerorts im Landkreis Rotenburg geraten Krähen zum Problemfall

Lauter Nachbar

Eine Krähenfeder auf dem Boden.
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Eine Krähenfeder liegt auf dem Boden in Stuckenborstel. Sie liegen zahlreich dort herum, und auch Kot ist ein Zeugnis einer großen Population Krähen. Sehr zum Leidwesen der Anwohner.

Sie gehört zu den besonders geschützten Arten, doch über kaum einen Vogel gibt es derzeit so viel Beschwerden wie sie: die Krähe. Verschmutzung und Lärm, Anwohner sind genervt. Städte und Kommunen suchen Lösungen, doch schnell mal eben umsiedeln lassen sich die Tiere nicht.

  • Krähen orientieren sich in den urbanen Raum - und werden zum Problem.
  • Vergrämung nur erfolgreich, wenn attraktive Ausweichbrutplätze vorliegen.
  • Anwohner sind genervt von Hinterlassenschaften und Lärm.

Rotenburg/Sottrum – Es ist ein warmer und sonniger früher Abend, die hohen Bäume in der Nähe der Stuckenborsteler Wassermühle spenden Schatten. Dennoch wirkt es so, als ob immer wieder Regentropfen durch das Laub fallen. Doch keine Wolke ist durch die Äste und Blätter zu erkennen, und die vielen weißen Flecken auf dem Boden, den Sitzbänken, den Gebüschblättern oder den toten Ästen im Gehölz zeigen, dass das „Tropfen“ eher tierischer Herkunft ist.

Die Verkotung ist nur ein Problem, durch die sich die Krähenplage in Stuckenborstel in der Gemeinde Sottrum äußert. Das Hauptproblem, so sagt es ein Anwohner, der anonym bleiben möchte, ist aber der Lärm. Lautes Krächzen ist schon von Weitem zu hören. Im Sommer sei die Nachtruhe gerne schon mal um 3 Uhr vorbei, schildert der Mann. Der Lärmpegel in diesem Moment, die Krähen seien größtenteils noch auf der Suche nach Futter, sei vergleichsweise leise.

Permanent ist das Krächzen zu hören. Vor sechs Jahren habe es angefangen, erinnert sich der Stuckenborsteler. Damals seien es nur wenige Nester gewesen. „Das war noch erträglich.“ Zuletzt habe er 200 Nester gezählt – nachdem der Wald im Winter großflächig gerodet worden war. „Wir leben hier auf dem Land, und hier hat niemand was gegen die Natur, aber 200 Nester sind eine ganz andere Geräuschkulisse.“

Genau die kennen auch die Anwohner an der Harburger Straße sowie dem Berliner Ring in Rotenburg. An letzterem ist es derzeit besonders schlimm, weiß Oliver Klein aus dem Bauamt der Kreisstadt. Bei ihm trudeln die Beschwerden ein. „Man sieht und hört sie deutlich“, sagt er. Er vermutet vorrangig Saatkrähen, die dort nisten. An einem Baum am Berliner Ring könne man ihre Hinterlassenschaften besonders gut beobachten. In diesem Baum befinden sich gleich mehrere Nester – und der Boden darunter ist oft nahezu weiß.

An immer mehr Stellen in der Region entwickeln sich die unter Naturschutz stehenden Krähen zu einem Problem. Es hat einen Wandel gegeben: Die Tiere haben sich umorientiert, heute sind 45 Prozent aller Kolonien im innerstädtischen Bereich und in Siedlungen. Sie wurden im ländlichen Raum vertrieben. In den 1970er-Jahren gab es gerade einmal 1700 Paare in ganz Niedersachsen, weiß Roland Meyer, Vorsitzender des Nabu Rotenburg. Dass die Bestände sich erholt haben, sei grundsätzlich zu begrüßen.

Krähen sind intelligent. Sie reagieren erstmal auf eine Vergrämung, wenn sie aber merken, dass ihnen keine Gefahr droht, lassen sie sich davon nicht mehr beeindrucken.

Oliver Klein, Bauamt Stadt Rotenburg

Auch in Ottersberg klagt man etwa in unmittelbarer Nähe das Rathauses über die Vögel. In Sottrum siedeln sie sich am Friedhof oder an der Bahnhofstraße an, nennt Gemeindebürgermeister Hans-Jürgen Krahn (CDU) weitere Beispiele. Er glaubt, dass der Ursprung dieser Populationen in Stuckenborstel liegt, dort sei nicht mehr genügend Platz. Die Krähen vermehrten sich schnell, zögen weiter. An der Bahnhofstraße in der Wieste-Gemeinde seien es mittlerweile 25 Nester, im vergangenen Jahr habe es dort kaum welche gegeben. Wie viele Nester es in Rotenburg gibt, will Klein nun herausfinden. Den Ist-Zustand stellt er am Donnerstagabend im Umweltschutzausschuss im Rathaus vor – und setzt dabei auch auf Bürgerdialog bei der Lösungsfindung. „Es ist teilweise auch gut vereinbar, muss nicht immer ein Gegeneinander sein. Viele freuen sich über die Vögel. Unsere Krähen sind zwar laut, aber lieb“, erklärt er, hat aber Verständnis für genervte Anwohner. Der Lärm ziehe sich gerade bei der Aufzucht der Jungtiere weit in die Morgen- und Abendstunden. Es ist in etwa vergleichbar mit Verkehrslärm, sogar geringer, sagt Meyer. Doch da es kein gleichmäßiger Lärm ist, falle er mehr auf.

Schon vor einigen Jahren hat hat die Gemeinde Sottrum versucht, die Krähen aus Stuckenborstel zu vertreiben. Ein soganntes Knallschussgerät sollte mit zwei lauten Schüssen am Tag die Krähen vergrämen, bis ein Anwohner sich über diesen Lärm beschwerte. Seitdem gibt es keine Maßnahmen, seiner Kommune seien ein Stück weit die Hände gebunden, so Bürgermeister Krahn.

Auch Rotenburg hat wenig Möglichkeiten, sagt Klein, der einen Weg zwischen artgerecht und den Bürgern gerecht werden sucht. Klein spricht von einer Herausforderung: „Krähen sind intelligent. Sie reagieren erstmal auf eine Vergrämung, wenn sie aber merken, dass ihnen keine Gefahr droht, lassen sie sich davon nicht mehr beeindrucken.“ Vergrämung durch zum Beispiel Lärm sei gut zu überlegen: Man dürfe keine zusätzliche Belastung für die Wohngebiete schaffen. Denn Maßnahmen müssten wiederholt ergriffen werden, um die Vögel umzusiedeln. „Das braucht Ausdauer.“

Problem könnte sich nur verlagern

Dazu steht die Kostenfrage im Raum: Wer übernimmt diese? Es gibt keine Kompensationstöpfe wie beim Wolf. Auch müssten betroffene Straßen öfter gereinigt werden. Es müsse Lösungen auf anderen Ebenen geben, so Krahn in Sottrum. Nicht nur, dass etwa der Landkreis bei solchen Maßnahmen ohnehin im Spiel sei, das Problem sei längst kein lokales mehr. Nach Auffassung Krahns müsste es schon eher eine Lösung auf Landesebene geben.

Der Landkreis als Untere Naturschutzbehörde unternimmt nichts gegen die Saatkrähen, heißt es auf Nachfrage: Er sei aber Ansprechpartner für Gemeinden und Betroffene und prüft, welche Maßnahmen mit und ohne Genehmigung möglich sind. Saatkrähen sollte man bestenfalls vor dem Nestbau vergrämen. Dafür brauche es keine Genehmigung, so der Landkreis. „Sollte sich im Folgejahr herausstellen, dass die Problematik unverändert fortbesteht, sind für weiterführende Maßnahmen Ausnahmegenehmigungen erforderlich.“ Doch dafür ist es nun zu spät.

Eine nachhaltige Lösung könne es innerorts nur geben, wenn es ein ausreichendes Nahrungs- und Brutplatzangebot in der freien Landschaft gibt, wo sie ungestört sind, weiß auch Meyer: „Das muss gut vorbereitet werden, sonst hat man damit wenig Erfolg“. Auch in Scheeßel gab es nach Ärger Vergrämung, geändert hatte sich aber nicht viel. Geeignete Ausweichplätze sind Mangelware, so Klein – weswegen es die Vögel in die urbane Umgebung zieht. Und selbst, wenn man sie per Vergrämung aus einem Wohngebiet bekommt – schlimmstenfalls verlagert sich das Problem durch Tochterkolonien nur in ein anderes.

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