Vom Preis der Bildung

Vor 100 Jahren entstand die erste Volkshochschule in Rotenburg

+
Michael Burgwald leitet seit Mitte 2008 die Rotenburger Volkshochschule.

Rotenburg - von Michael Krüger. 1919 war das Gründungsjahr der meisten Volkshochschulen in Deutschland. Die junge Demokratie der Weimarer Republik wollte Bildung in der gesamten Gesellschaft verankern, um den Zusammenhalt zu stärken. Auch in Rotenburg entstand vor 100 Jahren die erste Volkshochschule. Den Zielen von damals fühlt sie sich auch heute noch verpflichtet - und sie sind aktuell wie eh und je.

Mit Zahlen beschäftigt sich Michael Burgwald eigentlich gar nicht so gern, und doch gehören sie zum täglichen Geschäft des 57-Jährigen. Seit gut zehn Jahren leitet der gebürtige Gifhorner die Geschicke der Rotenburger Volkshochschule (VHS), der Kampf ums angemessene Budget, um Zuschüsse und Quoten sind für den Sozialwissenschaftler notwendiges Übel.

Dass das nicht neu ist, wird Burgwald in diesen Tagen klar, in denen er sich intensiv mit der Geschichte des eigenen Hauses beschäftigt. 2019 feiert die Rotenburger Bildungseinrichtung wie die allermeisten ihrer Art in Deutschland ihren 100. Geburtstag. Am 3. November 1919 rief die Rotenburger Stadtverwaltung zum ersten Mal eine eigene Volkshochschule ins Leben. Nach drei Jahren war aber erst einmal wieder Schluss - „die Leute hatten andere Sorgen“, sagt Burgwald, der derzeit viel in Archiven stöbert. Die Inflation wurde zum Problem, Anfang der 1920er-Jahre war das Interesse an Bildung gerade im ländlichen Raum überschaubar. Der Geldhahn wurde zugedreht, die Rotenburger VHS 1922 zunächst wieder Geschichte.

Bildung hat ihren Preis. Das galt damals wie heute, und wenn Burgwald heute angesichts wieder ins Stocken geratender öffentlicher Haushalte sagt, dass es dann zuallererst „an die freiwilligen Leistungen“ geht, dann schiebt er nach: „Bildung rechnet sich nie.“ Zumindest auf den ersten Blick. Denn was damals die Gründerväter der Volkshochschulen für die politische und persönliche Bildung im Sinn hatten, ist auch ein Zahlenspiel. Burgwald: „Wir investieren in Menschen, was volkswirtschaftlich gesehen eben kein Zuschussgeschäft ist.“ Diese Investitionen der VHS basieren laut Burgwald auf drei Säulen: der Demokratiebildung und gesellschaftlicher Teilhabe, der Zukunftssicherung unter dem großen Banner Digitalisierung und die persönliche Entwicklung der Teilnehmer vor allem in den Bereichen Sprache und Gesundheit. Insgesamt nehme die Volkshochschule auch 100 Jahre nach ihrer Gründung eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahr, und die Herausforderungen seien keinesfalls kleiner geworden. „Es gab in der Weimarer Republik ein Auseinanderdriften der Gesellschaft, dem entgegengewirkt werden sollte“, so Burgwald. Und das sei im Jahr 2019 leider nicht ganz anders. „Wir haben wieder Probleme mit dem sozialen Zusammenhalt.“ Insbesondere im Bereich der politischen Bildung müssten die Volkshochschulen aktiv sein. Burgwald spricht von einem „Demokratieproblem“, populistische Ansichten mit vereinfachten Antworten erhielten zunehmend Zuspruch. „Dagegen hilft nur Bildung“, sagt der VHS-Leiter.

30 Jahre lang gab es in Rotenburg keine Volkshochschule. Erst 1952 wurde die Bildungseinrichtung durch engagierte Bürger wiederbelebt. Anfang der 1960er-Jahre sorgte das niedersächsische Erwachsenenbildungsgesetz laut Burgwald dafür, dass die Finanzierung der Einrichtungen auf feste Füße gestellt wurde. 1972 übernahm dann die Stadt wieder die Trägerschaft. Vor 25 Jahren zog die VHS gemeinsam mit der Stadtbibliothek ins Kantor-Helmke-Haus. „Ein Glücksfall“, sagt Burgwald. Um diese Verzahnung beider Einrichtungen beneideten Rotenburg viele andere Kommunen, auch wenn es mittlerweile etwas eng wird im Haus. Es fehlt an Platz - für die Verwaltung und für Kurse. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn sich der VHS-Leiter neben einer gesicherten Finanzierung durch Land, Stadt und die Kursteilnehmer für die Zukunft vor allem eine bessere Raumsituation wünscht. Insbesondere in den vergangenen Jahren, als die Angebote mit Deutschkursen massiv ausgebaut worden seien, wäre das Dilemma deutlich geworden. Auch wenn die Stadt Klassenräume zur Verfügung stelle, seien diese eben nicht auf Erwachsenenbildung ausgerichtet. Und die VHS sei mit ihrem Angebot stets das letzte Glied in der Kette - nicht nur ein Problem zur Ferienzeit, in der die VHS die Schulen nicht nutzen kann.

„Das große Finale ist im Herbst“, sagt Burgwald mit Blick auf das tatsächliche Gründungsdatum am 3. November vor 100 Jahren. Allzu viel will der VHS-Leiter über Programm des nächsten Halbjahres nicht verraten, aber ein besonderes wird es schon, verspricht er.

Das Festjahr

Den offiziellen Auftakt zum Jubiläumsjahr „100 Jahre Volkshochschulen“ bildet am kommenden Mittwoch ein Festakt in der Frankfurter Paulskirche. Die Rotenburger VHS legt zum runden Geburtstag im Herbst einen Schwerpunkt auf politisches Kabarett, auftreten werden Simone Solga, Frank Lüdecke und Robert Griess. Zudem beteiligt sie sich am 20. September mit einem vielfältigen Programm an der bundesweiten „Langen Nacht der Volkshochschulen“.

Die Volkshochschule in Deutschland und in Rotenburg 

Demokratisches Bewusstsein zu fördern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken waren wesentliche Ziele der Weimarer Verfassung von 1919, die in Artikel 148 erstmals alle staatlichen Ebenen aufforderte, die Erwachsenenbildung und insbesondere die Volkshochschulen zu fördern. Dies löste eine deutschlandweite Gründungswelle aus: 1919 gilt als das Geburtsjahr der Volkshochschule moderner Prägung und der Weiterbildung in öffentlicher Verantwortung. 1919 ist das Jahr, in dem die größte Zahl der heute noch existierenden Volkshochschulen erstmalig gegründet wurde – auch die in Rotenburg. Am 3. November 1919 war es soweit. Allerdings hielt sich die städtische Einrichtung nur drei Jahre, das Geld wurde knapp und das Interesse der Menschen war zu gering. Einen Neustart gab es 30 Jahre später 1952 durch einen Bürgerverein. 1972 wurde wiederum die Stadt Träger der Volkshochschule. Pro Jahr besuchen aktuell rund 5 000 Teilnehmer die 650 Kurse im Angebot der VHS. Unterrichtet werden sie von rund 150 Dozenten. Für die VHS sind neben Burgwald und Pädagogin Birgit Lynge drei Verwaltungsmitarbeiterinnen, eine Mitarbeiterin im Freiwilligen Sozialen Jahr und drei Kräfte für ein Deutschkurs-Sonderprogramm tätig. 

mk

www.vhs-row.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Zehnter Herbst- und Schweinemarkt in Brinkum

Zehnter Herbst- und Schweinemarkt in Brinkum

Klima-Aktivisten blockieren Haupteingang der IAA

Klima-Aktivisten blockieren Haupteingang der IAA

Übungsszenario in Syke: Frontalcrash auf enger Straße

Übungsszenario in Syke: Frontalcrash auf enger Straße

Offen wie selten: Tunesien wählt neuen Präsidenten

Offen wie selten: Tunesien wählt neuen Präsidenten

Meistgelesene Artikel

Chaos in der Kita Brockel: Landesjugendamt schreitet ein

Chaos in der Kita Brockel: Landesjugendamt schreitet ein

Rund 500 Biker kommen zur Beerdigung nach Rotenburg

Rund 500 Biker kommen zur Beerdigung nach Rotenburg

Osterwede: Mann findet leblose Frau auf Oeseder Straße

Osterwede: Mann findet leblose Frau auf Oeseder Straße

Die Pufferspeicher kommen

Die Pufferspeicher kommen

Kommentare