Praktikanten des Rotenburger Ratsgymnasiums probieren unterschiedliche Berufe aus

„Hier habe ich immer zu tun!“

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Wiebke Hermsteiner hilft den Erziehern in der heilpädagogischen Kindertagesstätte.

Rotenburg - Von Birte Schleeßelmann. Jedes Jahr dürfen die zehnten Klassen des Rotenburger Ratsgymnasiums für zwei Wochen in einen Betrieb reinschnuppern.

Auch dieses Mal nehmen viele Schüler die Gelegenheit wahr und arbeiten in unterschiedlichen Berufen. So entscheiden sich manche für das Krankenhaus oder eine Tierarztpraxis, während andere gern erleben möchten, was ein Architekt, ein Journalist oder ein Erzieher macht. Morgens um 8 Uhr fährt Lennart Krause mit seinem Fahrrad los, um pünktlich im Architektenbüro Werner Holzer am Eichenweg in Rotenburg zu sein. Dort wirkt er bis 16 Uhr oder länger beim Entstehen eines Hauses mit. Auch wenn er in den zwei Wochen kein Gebäude von der Zeichnung bis zur Fertigstellung miterlebt, lernt er doch an unterschiedlichen Projekten die Phasen des Planens und Bauens kennen.

Emil Weigle kümmert sich um die Pferde in der Tierklinik.

Lennart ist bereits lange an dem Beruf eines Architekten interessiert. „Schon als kleines Kind habe ich aus Legosteinchen Häuser gebaut.“ Später zeichnete er per Hand Häuser und entwarf sie, als er älter wurde, auch am Computer. Bei seinem Praktikum will der 15-Jährige sehen, was „noch drumherum passiert“.

„Ich bin fast nur auf Baustellen unterwegs“, erzählt der Rotenburger. Während viele Architekten hauptsächlich im Büro sitzen, um dort Häuser zu gestalten, kümmert sich Holzer auch um die Bauleitung. Hierzu muss Lennart oft Baugerüste hochklettern. „Anfangs war mir dabei ein bisschen mulmig zumute, doch es ist eigentlich nur eine Sache der Gewohnheit, in einem unfertigen Gebäude weit weg vom Erdboden zu stehen.“ Kaffeekochen muss er übrigens nicht, und auch sonst hat er „keine unangenehmen Aufgaben“.

Das Praktikum bei Holzer empfiehlt er weiter: „Man lernt unterwegs viele Menschen mit völlig unterschiedlichen, spannenden Geschichten kennen.“

Als Architekt darf Lennart Krause selbst ein Haus entwerfen.

Anders als Holzer würde sich Lennart – sollte er den Beruf ergreifen – lieber auf das Gestalten der Häuser konzentrieren. Es macht ihm „sehr viel Spaß“ am Computer zu arbeiten, obwohl das Programm kompliziert ist und er mehr als zwei Wochen Zeit bräuchte, um sich wirklich einzuarbeiten. Zur Übung entwirft er sein eigenes Traumhaus.

Während Lennart zur nächsten Baustelle unterwegs ist, muss seine Klassenkameradin Sophie Caliebe erstmal den Weg zur Neurochirurgie finden. Denn in dem großen Agaplesion Diakonieklinikum ist es gar nicht so leicht, zur richtigen Station zu kommen. Ihre Interessen sind schon länger die Chirurgie und das Nervensystem. Deshalb hat sie sich entschieden, in der Neurochirurgie ein Praktikum zu machen. Eine Überlegung, die nahe liegt: Ihr Vater ist Unfallchirurg.

Morgens ist sie bei der Frühbesprechung dabei, danach folgt die Visite, erst auf der Intensiv-, dann auf der normalen Station. Außerdem darf sie bei Operationen zugucken. „Die sind immer super interessant“, erzählt die Praktikantin. Sie ist fast jeden Tag im OP, sogar bis zu zwei Stunden lang. Also mehr als sie gedacht hätte. „Dass dabei auch Blut fließt und Innereien zu sehen sind, lässt mich eigentlich ziemlich kalt.“ Besonders überrascht war Sophie von Haargel im OP. Die Ärzte erklärten der 16-Jährigen, dass sie bei Kopfoperationen die Stelle rasieren und die Haare damit außen herum zur Seite halten.

In der Neurochirurgie studiert Sophie Caliebe das Gehirn.

„Die Verbände der Patienten darf ich auch schon selbst wechseln. Das mache ich gern“, berichtet sie. Häufig begleitet sie einen Arzt, der gerade etwas zu tun hat, um ihm zuzugucken und zu assistieren.

Den Praktikumsplatz empfiehlt Sophie uneingeschränkt weiter: „Ich habe ziemlich viel Spaß.“ Ein „Pfichtpraktikum“ findet sie sinnvoll, sie würde in der Neurochirurgie jedoch auch nochmal ein freiwilliges machen. „Ich bin nachmittags zwar echt fertig, aber es lohnt sich.“ Später beruflich Chirurgin oder Orthopädin zu werden, kann sich die Rotenburgerin gut vorstellen. Der Beruf der Ärztin interessiert sie, Sorge hat sie nur wegen des guten Abischnitts, den sie dafür braucht.

Auch bei Emil Weigle geht es medizinisch zu. Vor ein paar Wochen wollte er noch nicht Tierarzt werden, doch das hat sich durch das Praktikum geändert. „Am liebsten fahre ich gemeinsam mit der Ärztin zu den umliegenden Bauernhöfen, um dort Pferde zu verarzten“, erzählt der 16-Jährige. Dabei muss er das Pferd ruhig halten oder die Materialien reichen. Doch es gibt auch Aufgaben, wie die Räume sauber machen oder die medizinischen Geräte reinigen, die er langweiliger findet, „aber das gehört nunmal auch dazu“. Emil hat sich für diesen Praktikumsplatz interessiert, weil er schon länger reitet. Die Tierklinik Wiedaugrund am Stockforthsweg, hat sich angeboten, weil er ganz in der Nähe wohnt.

Er ist bereits bei einer Operation dabei gewesen, bei der dem Pferd ein Star im Auge entfernt worden ist. Dabei zuzusehen, sei sei aber gar nicht so schlimm gewesen, weil die Ärzte das vorher angekündigt hatten.

Birte Schleeßelmann schreibt für die Kreiszeitung.

„Ich war überrascht, dass man die Pferde immer betäuben muss.“ Selbst zum Röntgen ist das nötig. Um die Pferde für die Spritzen stillzuhalten, lernt der 16-Jährige viele Methoden. Seine Kollegen, darunter drei Ärzte und fünf tiermedizinische Fachangestellte, haben ihn gut an seinem Arbeitsplatz aufgenommen und erklären viel. Zu seinen Aufgaben gehören allerdings auch Ställe ausmisten und Hofkehren.

Auch Wiebke Hermsteiner hat immer etwas zu tun, sagt sie. Sie hat die Kinder der heilpädagogischen Kindertagesstätte am Berliner Ring in Rotenburg dabei schon „ins Herz geschlossen und will gar nicht wieder weg“. Die Kleinen erkennen die Ratsgymnasiastin als Autoritätsperson an und kommen gerne zu ihr. Und die 15-Jährige bringt bereits eigene Ideen ein. Damit die Kinder Farben und Formen lernen, gibt es in dem Kindergarten Projektwochen. Jetzt ist eine „Lilawoche“. Wiebke hatte die Idee, dass die Kleinen mit selbst gemischter Farbe Blumentöpfe lila anmalen und dort Krokusse einpflanzen.

„Hier ist es eigentlich immer voll witzig“, erzählt die Rotenburgerin. Um 8 Uhr trudeln die Kinder ein. Nach dem Morgenkreis frühstückt die Gruppe. Wiebke muss darauf achten, dass alle ordentlich essen. Anschließend ist Zeit, mit den Kindern zu spielen. „Ich muss aufpassen: Wenn ich gerade bei einem Kind war, macht sofort das nächste etwas, hier habe ich immer zu tun!“ Doch das macht ihr nichts aus, denn sie mag Kinder gern und möchte später unbedingt mit ihnen arbeiten. Die Entwicklung in den frühen Jahren findet sie besonders interessant. Ein- oder zweimal die Woche kommen eine Logopädin, eine Kunsttherapeutin und eine Ergotherapeutin, um den Kindern mit Förderbedarf zu helfen. Auch so etwas kann Wiebke sich vorstellen: „Ich finde es wichtig, dass auf Kinder mit Förderbedarf besonders eingegangen wird.“ Kaffeekochen muss Wiebke nicht, denn „zum Kaffeetrinken haben wir gar keine Zeit“. In den zwei Wochen hat Wiebke viel gelernt: „Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich so gut mit Kindern umgehen kann.“

Doch nun geht es von der Praxis wieder zurück zur Theorie. Und auch wenn sich Lennart bereits darauf freut, wieder genau zu wissen, wann er nach Hause kommt, finden es alle vier von uns besuchten Praktikanten schade, dass sie nun wieder zur Schule müssen.

In der Redaktion

Wenn ich, Birte Schleeßelmann, 15 Jahre alt, nicht gerade ein Praktikum in der Redaktion der Rotenburger Kreiszeitung mache, besuche ich ebenfalls die zehnte Klasse am Ratsgymnasium. Schreiben durfte ich bei meinem Praktikum schon am ersten Tag, und am dritten war ich bereits in der Innenstadt, um für einen Artikel zu recherchieren. Da ich seit Langem an Sprachen interessiert bin, gefällt es mir, mich den ganzen Tag mit dem Schreiben zu beschäftigen. Es ist auch lustig, wenn ich in der Zeitung einen Artikel lese und mich daran erinnere, wie der Redakteur dafür telefoniert hat. Alle sind sehr nett und für Fragen immer offen. Allerdings bin ich durch das Erleben nur eines Berufes nicht schlauer geworden, was ich später machen möchte.

bsc

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