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Polizeichef auf Augenhöhe

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Von: Ann-Christin Beims

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Jörg Wesemann
Erst sieben Jahre Leiter des Einsatzbereichs, ist der Zevener Jörg Wesemann heute Chef der Rotenburger Polizeiinspektion. © Ann-Christin Beims

Seit mehr als vier Monaten heißt Rotenburgs neuer Polizeichef Jörg Wesemann. Anlass genug, die erste Zeit in der für ihn alten Heimat Revue passieren zu lassen und auf die Herausforderungen zu blicken, die noch auf die Polizeiinspektion warten.

Rotenburg – Es ist eine Heimkehr, auf die Polizeichef Jörg Wesemann gehofft hatte, seit er von den politischen Ambitionen seines Vorgängers, dem jetzigen Bürgermeister Rotenburgs, Torsten Oestmann, erfahren hatte. „Stade war toll, aber nicht die richtige Heimat“, sagt Wesemann, der dort für gut zwei Jahre Leiter war. Zuvor war er sieben Jahre Leiter des Einsatzbereichs in der Wümmestadt. Im vergangenen November war es also eine Rückkehr für den Zevener – diesmal als Chef.

Er ist schnell angekommen. Das merkt man Wesemann an, der entspannt in seinem Büro am Besprechungstisch sitzt. Auch, wenn es ein wenig anders ist, das gibt er gerne zu: „Ich bin natürlich in einer anderen Rolle. Ich muss jetzt für die gesamte Dienststelle denken, von Bremervörde bis Visselhövede.“ Stade sei eine gute Vorbereitung gewesen. Und die Rotenburger Kollegen hätten ihm den Wiedereinstieg leicht gemacht, erklärt er – vor allem aus dem Führungsteam kennt er noch alle.

Beim Hurricane in Uniform und ohne Bier

Und er kennt die Region: Sieben Hurricane-Festivals hat er in der Zeit vorbereitet. Eine Leinwand in seinem Büro, mit den Gesichtern der jeweiligen Festival-Tiere, gab es damals zur Verabschiedung – mit Unterschrift der Toten Hosen. Wesemann hofft, dass das Hurricane in diesem Jahr wieder stattfinden kann. Dafür hatte er das Ticket bereits in der Tasche, das kann er nun verkaufen – als Polizeichef wird er an den Tagen im Einsatz sein, in Zwölf-Stunden-Schichten. „In Uniform und ohne Bier, aber es macht trotzdem Spaß.“ Vorsorglich habe es bereits Besprechungen gegeben. „Da sind immer viele Kräfte im Einsatz, da müssen wir gut vorbereitet sein. Es ist immer anders.“

Es ist keine einfache Zeit, in der Wesemann in Rotenburg übernommen hat. Da ist zum einen die nach wie vor bestimmende Corona-Pandemie, die gerade in den ersten Wochen nach der Übernahme stark das Geschehen prägte. Die Polizei muss neben ihren alltäglichen Aufgaben auch die Montagsspaziergänge begleiten. Noch immer laufen die Teilnehmer an verschiedenen Orten im Kreis auf, wenngleich sie weniger werden, sagt Wesemann. Nicht immer sind alle Veranstaltungen ordnungsgemäß angemeldet. Dass sie gänzlich verschwinden, glaubt er nicht: „Was ist, wenn Corona vorbei ist? Geht es den sogenannten Querdenkern noch um Corona oder geht es jetzt schon nur noch gegen den Staat? Sie werden andere Themen finden“, ist er sicher.

Ich möchte mitkriegen, was die Kollegen bewegt. Wo ich ihnen helfen kann, für bessere Bedingungen sorgen. Das ist mein Anspruch und meine Aufgabe.

Polizeichef Jörg Wesemann

Die Pandemie hat aber auch manches vorangetrieben: So hat die Digitalisierung einen Schub erhalten, die IT wurde aufgerüstet. „Das ist uns zugutegekommen.“ Gleichzeitig wurde intern vieles umstrukturiert, um die Polizisten einsatzfähig zu halten. „Unsere Schutzmaßnahmen funktionieren, das Kohorten-Prinzip hat sich bewährt“, meint Wesemann. Auch er nimmt sich zurück, ist noch nicht zu allen Dienststellen zur Vorstellung gefahren. „Das holen wir nach“, verspricht er.

Denn vor Ort präsent zu sein, ist dem Leiter wichtig. Sein Motto: „Für die Kollegen und die Menschen vor Ort Mensch bleiben.“ Also ansprechbar sein, „auf Augenhöhe“, betont er. Dafür sucht er den regelmäßigen Austausch – so, wie er es auch schon in Stade vorgelebt hat. Das sowohl nach innen als auch außen zu transportieren, da schließt er sich der Art seines Vorgängers Oestmann an, auf dessen Spuren er in den vergangenen Jahren mehrfach gewandelt ist. Damit soll aber Schluss sein, erklärt er und muss lachen: Eine Bürgermeister-Kandidatur komme für ihn nicht infrage. „Aber er hat mir ein gutes Haus übergeben.“

Zu wenig Platz in der Zentrale

Es ist jedoch ein separiertes Haus, was Wesemann bedauert. Denn sobald das neue Sparkassengebäude an der Großen Straße fertiggestellt ist, wird die Kriminalpolizei vom Pferdemarkt mit umziehen. „Das werden wir nicht ändern können“, sagt er. Der Platz an der Königsberger Straße fehlt.

Es ist aber auch ein Haus, in dem es ihm enorm wichtig ist, „alte hierarchische Strukturen“ aufzubrechen. Ein Umdenken hat eingesetzt unter Führungskräften: Es geht um ein Miteinander, weil man gemeinsam Ziele erreichen möchte. Gleichzeitig will und muss Wesemann in Zukunft eigene Akzente setzen. „Sowieso, weil wir uns in der Polizei Niedersachsen umstrukturieren“, erklärt er.

So wird der Bereich der Kriminalitätsbekämpfung neu organisiert. Teil des Plans ist, dass ab April ein Fachkommissariat Forensik eingeführt wird. Zuletzt hat Wesemann auch mit den Partnern die Sicherheitspartnerschaft zur Bekämpfung der Clan-Kriminalität erneuert und bekräftigt. Das Netzwerk aus Polizei, Gesundheitsamt und weiteren Behörden war erst jüngst wieder erfolgreich: Nach der Kontrolle mehrerer Corona-Testcenter im Kreis musste das am Rotenburger Neuen Markt beispielsweise schließen.

Suche nach Personal

Und auch sonst kann er Erfolge vermelden: Wesemann erinnert an die Überfälle auf Seniorinnen in Weertzen bei Heeslingen. Die Täter konnten ermittelt werden, sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen konnten noch weitere Taten zugeordnet werden.

Und während das schnelle Geld mit Testcentern beispielsweise eine neue Form der Kriminalität ist, gibt es noch langwierigere Herausforderungen: Da sind Cyber- und Clan-Kriminalität. „Die Kriminalität hat sich, auch durch Corona, mehr ins Netz verlagert.“ Aber auch die Kinderpornografie – derzeit sicherlich die fordernsten Bereiche, so der Polizeichef. Letzteres ist „schon lange Thema“ und ein belastendes für die Kollegen, die sich damit befassen. Deswegen müssen sie diese Aufgabe freiwillig machen, gleichzeitig muss man sie dabei begleiten. „Die Kollegen müssen sich jedes Bild angucken, um nicht Gefahr zu laufen, etwas zu übersehen“, erinnert er an die Missbrauchsfälle in Lügde. Und die Datenmengen sind riesig, „Terabyte ohne Ende“ müssen gesichtet werden. Es ist über die Jahre mehr geworden, auch hier.

Für die steigenden Anforderungen und Herausforderungen, die wachsenden Aufgabenbereiche braucht man Personal. Und das ist in Zeiten großen Fachkräftemangels allerorts auch bei der Polizei ein Problem. „Der Bürger hat einen Anspruch darauf, dass wir rund um die Uhr da sind.“ In einem Flächenlandkreis wie Rotenburg nicht immer einfach zu organisieren. Das Personal muss zielführend eingesetzt werden, ohne jemanden „zu verbrennen“. „Da ist immer ein sehr hoher Druck.“ Daher ist der Mittfünfziger froh darüber, dass die angedachten Stelleneinsparungen nach Corona nun nicht stattfinden werden.

Traumjob gefunden

Mitunter ist es vielleicht auch nicht einfach, Nachwuchs zu gewinnen, weil der Respekt vor den Einsatzkräften abnimmt. „Jeden zweiten Tag wird in Deutschland ein Polizist oder eine Polizistin verletzt und angegriffen“, weiß Wesemann – und denkt an den Fall in Kusel zuletzt, bei dem zwei junge Kollegen Anfang Februar bei einer Fahrzeugkontrolle erschossen worden sind. Das hat in Rotenburg große Betroffenheit ausgelöst. Die Polizisten haben intern 2 073 Euro gesammelt für die Polizeistiftung des Landes Rheinland-Pfalz. Diese Spenden sollen den Familien und Kollegen der Opfer bei der Trauerbewältigung helfen.

Auch im Landkreis Rotenburg merke Wesemann eine steigende Respektlosigkeit. „Wenn ich aber sehe, mit welcher professionellen Gelassenheit die Kollegen draußen damit umgehen, bewundere ich sie dafür“, merkt er an. Diese zu bewahren, fällt nicht leicht in manchen Situationen. Dass ein Polizist dabei auch mal die Gelassenheit verliert, „will ich nicht ausschließen“.

Den Job auszuüben, würde der Zevener dennoch immer empfehlen. Wesemann selbst wusste schon als Schüler, dass er zur Polizei gehen möchte, sagt er. Es waren für ihn die typischen Gründe, die viele anführen: „Helfen und für Recht und Ordnung sorgen.“ Zudem erhält man einen ganz anderen Blick in die Gesellschaft, quer durch alle Schichten. Den Schritt hat er in 34 Dienstjahren nicht bereut – und er ist stolz, dass sein Sohn sich dafür ebenfalls entschieden hat.

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