Keine Zipfelmütze mehr

Politische Mehrheit bringt Grewe-Bauprojekt im Stadtkern auf den Weg

So stellen sich die Planer den Lückenschluss vor. Grafik: PGN
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So stellen sich die Planer den Lückenschluss vor.

Rotenburg – „Es ist ein Ärgernis für alle Beteiligten“, sagt Norbert Behrens am Tag danach. Am Dienstagabend sitzt der Architekt und Geschäftsführer der Planungsgemeinschaft Nord (PGN) als Zuschauer im Rathaus, verfolgt das, was im Ausschuss für Planung und Hochbau des Stadtrats über drei Stunden lang diskutiert wird. Tagesordnungspunkt 14 beschäftigt sich mit einer Änderung des Bebauungsplans 31 aus dem Jahr 1989. Im Kern geht es dabei um das seit Herbst 2018 brach liegende, ehemalige „Carthago“-Grundstück. Der Unternehmerin Jette Grewe gehört es, sie will bauen und durfte jahrelang doch nicht wie gewünscht. Jetzt aber doch, weitgehend. Und Behrens als ausführender Architekt ist „erleichtert, im Grundsatz“. Es darf ein dreigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit Staffelgeschoss und flachem Gründach entstehen. Bürgermeister Andreas Weber (SPD) sagt, er ist „enttäuscht“.

Worum geht es? Es ist nicht nur die Geschichte eines viel diskutierten Bauvorhaben, sondern auch eine mit persönlicher Dimension. Schon 2016 schließt das „Carthago“, der Lokalbetrieb in dem maroden Gebäude trägt sich nicht mehr. Unternehmerin Jette Grewe und ihr Ehemann Dirk Ostendorf kaufen das an ihr Geschäft „Jette C.“ grenzende Haus, schmieden für dort Erweiterungs- und nebenan Neubaupläne. Zwei Jahre steht das Gebäude leer, dann rollen die Bagger an. Mit Behrens wird eine Wirtschaftlichkeitsrechnung erstellt. Es soll Wohnraum geschaffen werden, bis zu 15 Wohnungen sind im Gespräch, dazu Gewerbeflächen und ein Parkturm. Das Grundstück im Kerngebiet der Stadt mit mehr als 1 000 Quadratmetern ist ein Filetstück. „Das hier ist das neue Zentrum“, sagt Behrens bei einem Ortstermin mit der Politik im Dezember 2018. Kein Widerspruch.

Doch weil Behrens Ende 2018 auch von „Zipfelmützen“ spricht, die der Bürgermeister mit seinen veralteten Ansichten zu Klinkerhäusern und geneigten Dächern vertrete, trennen sich die Wege. Auch in der politischen Debatte um die Stadtentwicklung insgesamt und das Hin und Her um Webers Rücktritt mischen sich von beiden Seiten immer rauere Töne. Im Planungsausschuss im Januar sagt Weber, Verhandlungen mit anderen Investoren in der Innenstadt wie beim Goethepark liefen sehr kooperativ. „Das ist hier offensichtlich nicht der Fall“, so der Bürgermeister. Weber bemängelt, dass die „Kleinteiligkeit“ der Rotenburger Innenstadt mit dem Grewe-Projekt verloren gehe. Auch hätte ein Workshop mit Architekten die historische Zweigeschossigkeit untermauert.

Seit fast zwei Jahren klafft ein großes Loch mitten in der Innenstadt gegenüber der Post zwischen dem Modehaus Baumeister (rechts) und Jette C.

Doch Weber steht mit seinen Vorstellungen mittlerweile recht isoliert dar. Sogar Stadtplaner Clemens Bumann sagt am Mittwochabend, im „Zentrum mit gewisser Strahlkraft“ könne man „sicherlich ein drittes Geschoss vertreten“. Seitdem CDU und SPD Anfang des Jahres nacheinander eigene Anträge zur Gestaltung des Bereichs zwischen Stadtstreek und Kirchstraße vorgelegt haben, die den Investorenplänen nahe kommen, war auch die politische Marschrichtung klar. Diese untermauerten beide Seiten im Ausschuss, auch mit klaren Vorwürfen in Richtung Verwaltung: Trotz der mehrfachen Aufforderung der Ratsmitglieder, eine neue Planung mit Dreigeschossigkeit vorzulegen, sei nichts passiert. Und so hätten die Parteien eben selbst handeln müssen.

Das ärgert nicht nur den Bürgermeister, sondern auch die Grünen – die gegen die Pläne votieren. Ekkehard von Hoyningen-Huene spricht von einem „Geschmäckle“, weil die Anträge der Parteien von der PGN formuliert seien, man habe als Rat für die Allgemeinheit, nicht für Einzelinteressen zu arbeiten. Die „Salamitaktik“ der innerstädtischen Bauvorhaben schade zudem dem Gesamtplan – den es freilich noch gar nicht gibt. Weber kommentiert das im Ausschuss nicht weiter. Er hält sich in der Debatte mittlerweile zurück und lässt die Politik entscheiden – und die Verantwortung tragen.

Acht Wohnungen und Gewerbeflächen auf 177 Quadratmetern sollen im Neubau entstehen. Ein Restaurant werde es nicht mehr geben, heißt es. Am 18. Juni entscheidet der Rat über den Bebauungsplan. „Mit ein bisschen Glück geht es in diesem Jahr noch los“, sagt Behrens. „Damit hätten wir drei Jahre verloren.“

Kommentar: Keine Entscheidung im Hinterzimmer

Von Michael Krüger.

Dass die Grünen ein „Geschmäckle“ empfinden und mancher gar den „Rotenburger Klüngel“ wieder bemüht, wenn es um die Entscheidung zum Bauprojekt auf dem alten „Carthago“-Gelände geht, ist völliger Quatsch. Architekt Norbert Behrens möchte für seine befreundete Unternehmerin Jette Grewe ein Wohn- und Geschäftshaus bauen. Das weiß ganz Rotenburg seit wenigstens drei Jahren. Die Pläne wurden in vielen politischen Sitzungen öffentlich diskutiert, an der Sache ist ein Streit über die innerstädtische Gesamtentwicklung entbrannt. Stichwörter: Zipfelmützen und Masterplan. Behrens eckt als erfolgreicher Firmenlenker, Strippenzieher und politischer Mensch mit klarer Kante mit seinen offenen Worten oft an. Das muss man nicht mögen, man kann auch anderer Meinung sein wie jetzt der Bürgermeister. Nur: Aus diesem Bauprojekt eine persönliche Fehde zu machen, von konspirativen Machenschaften in Hinterzimmern zu schwadronieren, geht an der Sache völlig vorbei. Behrens’ Interesse ist es selbstverständlich, dass er für seine Kundin das Bestmögliche herausholt. Davon hat er die Rotenburger Politik nun zu weiten Teilen überzeugt. Und das in einem Prozess, der öffentlicher abgelaufen ist als vieles, was in Rotenburg in den Jahrzehnten zuvor entschieden wurde.

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