Skepsis überwiegt

Politik lehnt Friedwald in Rotenburg zunächst ab

Eine Friedwald-Urne
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Anschaulich: Eine Friedwald-Urne steht beim Ortstermin der Ausschussmitglieder unter einem Baum.

Die Landesforsten sind in einem ersten Anlauf politisch in Rotenburg gescheitert, am Hartmannshof einen Friedwald zu eröffnen. Es gibt mehrere Bedenken - und es geht ums Geld.

Rotenburg – Man tut sich schwer. Anders als in den meisten Abstimmungen in den Ausschüssen des Rotenburger Stadtrats findet man keine klare Linie, und auch Parteipolitik spielt in diesem Fall eigentlich keine Rolle – auch, wenn letztlich nur die SPD-Vertreter dafür sind. Die Mitglieder des Ausschusses für Straßen- und Tiefbau waren am Dienstagnachmittag nicht nur zum Ortstermin im Waldgebiet Lintel am Hartmannshof, sondern sie sollten am Abend auch die Weichen dafür stellen, dass die Landesforsten dort wie beantragt einen Friedwald errichten dürfen. Doch das Projekt ist erst einmal durchgefallen.

Auf zunächst rund 40 Hektar wollen die Landesforsten mit der Friedwald GmbH in der Nachbarschaft zum Naherholungsgebiet Bullensee und zum Hartmannshof eine Fläche für anonyme Urnenbestattungen und einen zentralen, naturnahen Andachtsplatz schaffen. Die Nachfrage nach dieser Bestattungsform ist unbestritten da, für die öffentlichen Landesforsten ist es zu einem Geschäftsmodell geworden. Knapp 100 Friedwälder gibt es mittlerweile bundesweit, dazu private Konkurrenten wie die Ruheforst GmbH. In Lauenbrück gibt es einen Ruheforst, Hellwege will einen. Eine Entscheidung der Stadt Rotenburg wäre „eine gute Geste und bürgernahe Entscheidung“, betonte Hans-Adam von Schultzendorff als zuständiger Standortentwickler der Landesforsten. Auch Bürgermeister Andreas Weber (SPD) wirbt um die Zustimmung, bezeichnete einen Ruheforst als „Bereicherung für die Bestattungskultur“. Eine Konkurrenz zu den eigenen Friedhöfen sieht er nicht.

Fünf bis sechs Bestattungen Rotenburger

Der zuständige Amtsleiter Stephan Lohmann bezifferte entsprechend für die Verwaltung die finanziellen Verluste für die eigenen Friedhöfe als gering. Fünf bis sechs Bestattungen von Rotenburgern seien zunächst in dem Waldstück im Lintel zu erwarten. Gehe man davon aus, dass einige davon auch in weiter entfernten Friedwäldern stattgefunden hätten, blieben vielleicht zwei Rotenburger, die statt auf den städtischen Friedhöfen dort ihre Ruhe finden. Einbuße an Gebühren: rund 2 500 Euro. In die Pflege ihrer Friedhöfe hat die Stadt zuletzt rund 350 000 Euro gesteckt. Kosten werde ein Friedwald die Stadt nichts, so Lohmann. Alles Finanzielle sei Sache der Landesforsten. „Wir verwalten nur Daten.“ Dafür werde man entschädigt. Zwischen 200 und 235 Beerdigungen gibt es jährlich in Rotenburg.

Von den Vertretern der Landesforsten lassen sich die Mitglieder des Ausschusses für Straßen- und Tiefbau die Pläne für den Friedwald im Lintel präsentieren.

Die Frage, ob ein neues Bestattungsangebot zulasten der Pflege und Finanzierung der Friedhöfe in der Stadt und in den Ortschaften geht, ist aber nur ein Punkt, der den Ausschussmitgliedern „Bauchschmerzen“ bereitet, wie es Volker Emshoff (CDU) in der Sitzung bezeichnete. Es gebe weitere Punkte, die berücksichtigt werden müssten, hieß es in kritischen Äußerungen über die Parteien hinweg: Wie weit ist das Einzugsgebiet möglicher Interessenten? Ist ein „Bestattungstourismus“ bis aus den umliegenden Großstädten zu befürchten? Schadet das der Natur, den Anwohnern, oder profitiert das Gastgewerbe? Wie ist es mit den ökologischen Beeinträchtigungen des Waldes? Und wer haftet für den Betrieb des als Friedhof genutzten Waldes, wenn die GmbH nicht mehr da wäre?

„Wir haben den Waldfriedhof“

„Wir haben den Waldfriedhof, wir brauchen keinen Friedwald“, betonte Bernhard Wagner (CDU), der damit auf die schon vorhandene Bestattungskultur in Rotenburg und den Ortschaften verwies. Tatsächlich hat die Stadt erst im Juni einen zweiten Naturgarten auf dem Friedhof zwischen Freudenthalstraße und Soltauer Straße präsentiert, der nach dem gleichen Muster Bestattungen ermöglicht. Auch weitere Angebote für Urnenbestattungen, die mittlerweile 70 Prozent der Beerdigungen ausmachen, sind längst umgesetzt. „Wir sind gut aufgestellt“, konstatierte diesbezüglich Amtsleiter Lohmann.

Bürgermeister Weber hatte sich auch mit seinem Bremervörder Amtskollegen Detlev Fischer über das Thema ausgetauscht und den dortigen Friedwald besichtigt. Er ist überzeugt vom Projekt. Doch seinem Vorschlag zu Zustimmung wollte die knappe Mehrheit von drei zu zwei Stimmen bei vier Enthaltungen nicht folgen. Abgelehnt – „zumindest für diesen Ausschuss“, so der Vorsitzende Dirk Schenckenberg (WIR). Am 15. Juli entscheidet der Stadtrat.

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