Handy-Spielspaß im Selbstversuch

Pokémon? Aber so was von...

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Redakteur Guido Menker sitzt in der Redaktion und kann es kaum glauben: Ein Pokémon hat es sich auf seiner Schulter gemütlich gemacht. Wenig später ist es gefangen.

Rotenburg - Von Guido Menker. Na, wenn das kein Start in den neuen Tag ist: „Wie, Du willst wirklich über etwas schreiben, wovon Du absolut keine Ahnung hast?“ Nun, Journalisten glänzen bekanntlich durch fundiertes Halbwissen. Und es soll ja keine Rezension sein, wie sie normalerweise in den Fachmagazinen zu finden ist.

Nein, ich will den Selbstversuch starten – als jemand, der nie ein Bildschirmzocker war, als jemand, der froh war, weil der eigene Sohn endlich seine rund 600 Pokémon-Spielkarten verkauft und sich damit zumindest ein Stück weit aus der Welt der kleinen Fantasiewesen mit japanischen Wurzeln verabschiedet hat. Denkste! Anschließend ließ er Pikachu und Co. über sämtliche zur Verfügung stehende Bildschirme flimmern. Das Poster mit den beliebtesten Figuren hing lange Zeit gerahmt über seinem Bett. Da war nix zu machen. Und nun kommt der Vater daher und verkündet, er habe sich soeben die PokémonGo-App heruntergeladen und wolle am nächsten Tag auf Entdeckungsreise gehen ...

Ein Pokémon steht vor der Post.

Kaum ist die App auf das Smartphone geladen und eingerichtet, kann es auch schon losgehen. Ein paar Schritte in den Garten, ein Klick auf eines dieser kleinen Wesen, die auf der Landkarte angezeigt werden – und schon kann es losgehen. Die Kamera springt an, und das kleine Wesen hüpft provokativ und selbstherrlich auf den Blättern des Apfelbaumes. Mit dem dritten Poké-Ball ist das Tierchen gefangen. Ein Lob flimmert über das Display. Das erste Erfolgserlebnis ist im Kasten. So kann es weitergehen.

Versuch, den Pokémon-Hype zu verstehen

Der Selbstversuch mit dem Ziel, zu verstehen, was hinter dem Hype steckt, war bereits in der Redaktion ein Thema. Kaum zu Hause, trudeln vor dem Hintergrund der Planungen erste „WhatsApp“-Nachrichten ein: Auf dem Pferdemarkt sitzt eine Gruppe Jugendlicher und zockt, auch am Wasser standen mehrere Spieler zusammen, um die Pokémon-Welt in der Kreisstadt zu erkunden. Da muss ich hin, aber es ist Zeit bis morgen Vormittag.

Zu Fuß geht es also zur Arbeit. Ich komme mir beobachtet vor. Irgendwie scheinen mich alle anzustarren, weil ich ständig einen Blick auf das Smartphone werfe. In der Tat: Wer selbst mit dem Spiel in der Hand unterwegs ist, vermutet hinter jedem, der öffentlich zum Handy greift, einen Spielkumpanen.

Überall lauern die Fantasiewesen.

Zurück in der Redaktion: Die junge Kollegin ist ebenfalls vom Pokémon-Fieber erfasst und gibt Hilfestellung. Nach und nach erschließt sich mir das Spiel, auch wenn ich das Ziel noch immer nicht erkennen kann. Wie gelange ich in ein Team? Wann darf ich in die Pokémon-Arena? Fragen über Fragen. Ich gehe ins Café und nehme eine Auszeit. Der Blick auf das Handy verrät: Ganz in der Nähe gibt es einen Poké-Stop. Dort gibt es Bälle, die ich brauche, um weitere Fantasiewesen einzufangen. Paras, Bluzuk, Taubsi, Habitak, Hornliu, Rattfratz, Nebulak, Kokuna, Nidoran und Schiggy habe ich schon im Sack, Level 4 ist erreicht, eine Stufe höher, und dann darf ich tatsächlich in die Arena. Die ist gleich ein paar Häuser weiter – so zeigt es mir die Landkarte an. Ich bin gefangen. Der Nachmittag gehört mir.

Aber ja, eigentlich dient das Smartphone zum Telefonieren. Es klingelt. Der Sohn ist dran: „Ich habe Level 4 erreicht“, sage ich. „Wow, dann hast Du mich ja schon fast eingeholt.“ Na klasse! Er war am Abend bei einer kleinen Party. „Weißt Du, was richtig cool ist? Wenn Du nachts mit zehn Leuten durch die Stadt gehst, alle spielen Pokémon-Go – und dann triffst Du eine Gruppe von bestimmt 30 Leuten, die auch gerade zockt.“ Das Gesprächsthema fürs Mittagessen steht ...

Zehn Pokémons gefangen, ein Ei in der Brüterei...

Die Eier sorgen für Pokémon-Nachschub. Zum Brüten muss man lange spazieren gehen.

Zugegeben: Die Idee dieses Spieles ist faszinierend. Nicht nur, weil die Kinder und Jugendlichen in Bewegung kommen statt stumpf vor dem Bildschirm zu hängen. Nein, es ist witzig zu sehen, wie die kleinen Pokémons dank der Kamera in der realen Welt aufzutauchen scheinen. „So, jetzt aber ab nach Hause“, sagt eine Mutter von zwei Kindern, während sie den Drogeriemarkt an der Großen Straße verlassen. „Nein, warte“, sagt der Junge – vielleicht zehn Jahre alt –, „ich muss noch eben ein Pokémon fangen.“ Die Mutter wirkt genervt, gibt ihm aber eine Minute. Der Kleine ist voll konzentriert, dann nimmt sein Gesicht den Ausdruck größter Zufriedenheit an. Geschafft!

Der Blick auf den eigenen Spielstand ist jederzeit möglich. Zehn Pokémons gefangen, ein Ei in der Brüterei – es geht voran. Aber Moment: Ich muss mal eben Pummeluff fangen – der sitzt genau vor meinem Bildschirm. Im vierten Versuch habe ich ihn. So, es kann weitergehen. Sorry!

Ich kann es kaum noch abwarten, nach Hause zu fahren. Fachgespräch mit dem Sohn. Ich glaube, der versteht die Welt nicht mehr, wenn ich plötzlich mit den Namen der Pokémons angebe, die ich bereits auf dem Konto habe. Er wird sich wundern, weil er das noch erleben darf. Ich bin dann mal weg!

So langsam macht der Akku schlapp

Die Eier sorgen für Pokémon-Nachschub. Zum Brüten muss man lange spazieren gehen.

Die Mittagspause ist zu Ende. Die Gespräche waren äußerst ergiebig. Mit guten Tipps starte ich in den Nachmittag. Aber ich muss aufpassen: Der Akku macht schlapp. Ein guter Zeitpunkt also, um wieder ins reale Leben der Redaktion zurückzukehren. Stellt sich nur noch die Frage, ob ich das Spiel überhaupt auf dem Smartphone belasse. Ganz im Ernst: Es macht schon Spaß und ist witzig. Die Vorstellung, es in einer anderen Stadt zu benutzen, ist reizvoll. Die Poké-Stopps sind beispielsweise mit Fotos ausgestattet, dazu gibt es kleine Erklärungen. So lässt sich also ganz nebenbei auch die Umgebung erkunden. Es sorgt außerdem für Bewegung. 

Auf jeden Fall sollte jeder den guten Rat am Anfang des Spiels ernst nehmen: „Bleibe wachsam. Behalte immer deine Umgebung im Auge!“ Die Gefahr, gegen eine Laterne oder gar vor ein Auto zu laufen, ist nämlich groß. Aber jetzt ist erst einmal Pokémon-Pause. Vielleicht schaue ich erst mal in eines der vielen Foren im Internet, welche Tipps andere Spieler so parat haben. Am Freitag gibt es übrigens um 18 Uhr ein Pokémon-Go-Treffen auf dem Pferdemarkt. Überhaupt: Plötzlich sieht man in der Innenstadt, wie viele Kinder und Jugendliche es so in Rotenburg gibt. Plötzlich sind alle wieder draußen zu anzutreffen.

Mehr dazu: Tipps für Pokémon-Einsteiger

Vorsicht: Gefährliches Pokémon-Fieber

Selbstversuchvon Kreiszeitung-Autor Max Brinkmann: Auf Monsterjagd in Vilsen

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