Poetry Slam im Rotenburger „Schmidt‘s“ zwischen Depression und Lachkrampf

Ganz viel Mut und Synapsenkurzschlüsse

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Monika Mertens sorgt mit ihren in Worte gekleideten Kopfbildern für Lacher.

Von Bettina DiercksROTENBURG. Von leichtgängig bis tiefgreifend waren die Beiträge bei „Wortfassetten“, der angesagten Poetry Slam-Reihe im Rotenburger „Schmidt's“. Bei der jüngsten Veranstaltung traten zehn Kandidaten mit hochkarätigen Beiträgen gegeneinander an.

Er konnte zwar nicht den Wettbewerb gewinnen, aber beeindruckte mit einem atemberaubenden offenen Coming-out: Armin Sengbusch aus Hamburg, alias „der Schriftstehler“, slamte zu den Depressionen, die ihn plagen. „Der Text ist ganz neu. Ich habe zehn Jahre an ihm geschrieben. Es ist ein Text, der Menschen persönlich treffen kann. Aber wer will, kann danach auch zu mir kommen und mich gerne umarmen“, sagte Sengbusch.

Vielleicht sprach der Hamburger einigen Leuten aus der Seele und sie fühlten sich verstanden. Vielleicht half er, Verständnis bei Nichtbetroffenen zu wecken. Vielleicht war es für ihn ein persönlich wichtiger Schritt im Umgang mit seiner Krankheit. Er zeigte anderen Menschen, dass sie nicht alleine sind.

„Ich fühle mich alleine unter Menschen. // Was ist, wenn jeder Schritt Dich mehr kostet als Du verdienst? // Was, wenn der Arzt sagt: Sie sind ein Prototyp eines Depressiven. // Wie ist der Prototyp eines Depressiven“, rezitierte Sengusch mit viel Rückrat und ohne Manuskript vor dem Publikum.

Er ließ die Hosen runter. So ehrlich, so klar, so direkt, so nah, betroffen machend und ganz anders als sein Beitrag im Vorentscheid. Darin rief Sengbusch zur Selbst- und Zivilcourage auf: „Brich aus und tue nicht, was andere erwarten. Und, wenn alles gesagt und getan ist, setzt Du einen Punkt.“

Nicht verwunderlich ist, dass der Hamburger laut Moderator Marco „Paco“ Hops lange das „interne Ranking“ angeführt hat. Mitstreiter Dennis Schmidt über den Beitrag zu Depression: „Ich finde es cool, wenn man seine Ehrlichkeit nach außen trägt.“

Sengbusch ist übrigens ein Multitalent. Neben Poetry Slam macht er noch Musik. „Ich kann fühlen, dass Du einsam bist“ heißt seine CD. Einw mit dem Titel „Mitten im Leben hat er auch schon veröffentlicht. „Ich mag neue Gesichter. Ich mag es sehr gerne neue Texte zu hören“, sagte Sengbusch. Er rief das Publikum auf, sich selbst am Schreiben zu versuchen und aufzutreten. „Das ist ein unglaublicher Adrenalinkick.“

Offenkundig mit einer Menge Synapsenkurzschlüssen und Hirnrückkopplungen schien Siegerin Monika Mertens gesegnet. Selbst wenn andere Menschen auch solche verrückten Bilder im Kopf haben wie sie, auszusprechen traut sich das sicherlich nicht jeder. Sie nahm mit einem irren Sprechtempo, strotzend vor Kraftausdrücken, die Gäste mit durch ihre farbenfrohe Gedankenwelt.

Als ein Freund ihr empfiehlt, beim Anblick des nicht zu erreichenden Angebetenen einfach an Schäuble zu denken: „Na super. Sex im Sitzen. Das ist genau das richtige in meinem Alter.“ Oder die Schilderung der dahinfließenden Geliebten die ihren Liebhaber fragt, ob er ein Noppenkondom benutzt, weil sie ihn so gut fühlt und der sagt: „Nein, ich habe Gänsehaut, weil du so hässlich bist“.

Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, mit ihren verspielt und verrückten Texten, die Mertens, die im Finale einen kurzen Lachkrampf bekam. Wie herrlich, über sich selbst und seine eigenen Beiträge lachen zu können, oder?

Platz drei erreichte Mona di Fender. Sie setzte sich ebenfalls mit Themen auseinander, die vor allem den Frauen im Publikum bekannt sein dürften: Nicht als Frau, sondern als Kumpel wahrgenommen zu werden. Und als dieser fair und verständnisvoll zu sein und mit anzusehen, wie sich die männlichen Wegbegleiter von ihren Freundinnen verdrehen und manipulieren lassen. Texte von Herz zu Herz.

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