Die Pilzsaison ist in vollem Gange/Ein Streifzug mit Oskar Hilt durch den Wald

Ein Mikrokosmos für sich

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Mehlig, neutral oder doch eher wie Kartoffeln? So manchen Pilz erkennt Oskar Hilt am Geruch.

Riekenbostel - Von Elisabeth Stockinger. In- und auswendig kennt Oskar Hilt den Wald am alten Moorweg in Riekenbostel. Jeden einzelnen Quadratmeter – er weiß genau, wo er das findet, was er sucht. Ob Marone, grau-grüner Täubling oder Krause Glucke: Der 63-Jährige ist das, was man im Allgemeinen einen Pilzexperten nennt. Bei einem Streifzug durch das Gehölz erklärt er, was für ihn den Reiz der Pilzkunde ausmacht. Es ist dieser „eigene Mikrokosmos für sich“, sagt er. Eine ihn faszinierende Welt.

Unablässig hat Oskar Hilt den Waldboden im Blick. Sein trainiertes Auge erkennt bereits von Weitem, wo es welche Pilze zu finden gibt. Hier einen blass-weißen Räsling, dort einen gelben Knollenblätterpilz und noch weiter einen fuchsigen Milchling: Von den etwa 3500 Pilzarten, die in Niedersachsen beheimatet sind, meint Hilt die meisten zu kennen. „Zumindest bis hin zur Gattung kann ich sie bestimmen.“

Dafür muss sich der 63-Jährige immer wieder bücken. So manches Mal, wenn er einen Pilz identifiziert glaubt, entpuppt sich das auf den zweiten Blick als trügerisch. Denn Pilze müssen stets von oben und von unten begutachtet werden. Unzählige Makromerkmale spielen bei der Bestimmung eine Rolle. Farbe und Form natürlich, aber auch der Stiel und das Hütchen. Sind Lamellen unter dem Hut oder doch Röhren oder Stacheln? Verläuft der Stiel knollig oder zugespitzt? Ist er glatt, rau oder gestreift? Und die Beschaffenheit des Hütchens: Fühlt es sich an wie Samt oder doch glatt wie mit Speck eingerieben?

Oskar Hilt beschäftigt sich seit 35 Jahren mit der Pilzkunde, auch Mykologie genannt. „Nach der Disko haben wir manchmal früh morgens auf der Pferdewiese Pilze gefuttert“, erinnert er sich. Als er bemerkte, dass es nicht nur eine Sorte Champignons gibt, war seine Neugier geweckt. Seitdem durchstreift er die Wälder rund um seine Heimat Kirchwalsede. Gern allein: „Ich genieße es, durch die Natur zu ziehen, die Ruhe, und einfach mal die Sinne spielen zu lassen.“

Denn auch Geschmack und Geruch gehören zu den Bestimmungsmerkmalen. „Das hier ist eine Stinkmorchel, auch Hexenei genannt“, erklärt Hilt die weiße glitschige Kugel, die er aus dem Moos gräbt. Noch macht die Morchel ihrem Namen keine Ehre, aber wenn sie erst einmal größer ist, wird sie schon aus der Distanz an ihrem Gestank zu erkennen sein.

Pilze sind faszinierende Lebewesen, findet der Hobbykundler, der im Naturwissenschaftlichen Verein Bremen (NWV) aktiv ist. Das, was an der Oberfläche zu sehen sei und so manches Mal in der Pfanne lande, sei schließlich nur der Fruchtkörper. Das eigentliche Lebewesen befinde sich unter der Erde: ein feines Fadengeflecht, Myzel genannt. Es kann eine Größe von mehr als einem Quadratkilometer und ein hohes Alter erreichen. Oftmals geht eine bestimmte Pilzart eine Symbiose mit einem Baum ein. „Dann verästelt sich das Myzel mit den Wurzeln der Bäume“, berichtet Hilt. Baum und Pilz tauschen sich mit Mineralstoffen aus.

Für Pilzkundler ist das ganze Jahr über Saison. Speisepilzsammler sind meist jetzt unterwegs, zwischen Ende August bis in den November hinein, je nach Witterung. Doch einfach in den Wald spazieren, Pilze sammeln und zuhause braten? Das sollten Laien besser sein lassen. Zu viele Irrtümer gebe es. Irrtümer, die gesundheitsgefährdend sein könnten. So verhält es sich auch mit dem Kahlen Krempling. Dieser wurde gerade in den Nachkriegsjahren tonnenweise gegessen, erzählt Hilt. Auch heute verzehren ihn – besonders ältere Menschen und Bewohner der ehemaligen Ostblock-Staaten – immer noch. „Dabei ist er tödlich-giftig“, warnt Hilt. Das Gift addiere sich im Körper und könne früher oder später eine schwere Allergie auslösen. „Das kann beim ersten Verzehr passieren oder erst beim 700. Mal. Also: Finger weg!“ Von den im Wald wachsenen Pilzen sei etwa ein Drittel giftig, sagt Hilt. „Giftig bedeutet natürlich nicht gleich tödlich.“ Giftig heiße, dass nach dem Verzehr Magenbeschwerden oder halluzinogene Reaktionen die Folge sein könnten.

Auch wenn Oskar Hilt bei seinen Waldspaziergängen die Ruhe genießt, nimmt er auch gerne Kollegen oder Freunde mit ins Gehölz. „Es macht mir einen Heidenspaß, für sie zu sammeln und ihnen etwas zu erklären. Ich selbst kann Pilze auch mal liegen lassen, esse sie natürlich aber auch liebend gern.“ Am liebten gut durchgebraten, ohne Gewürze, nur in ein wenig Butter geschwenkt: „Damit ich nur den reinen Geschmack der Pilze habe.“ Wie zum Beispiel den der Krausen Glucke, die nur an Kiefern wächst: „Die würde bei mir im Korb landen. Ein fantastischer Speisepilz, schmeckt ein wenig wie Nudeln.“

Wer mehr über Pilze erfahren möchte:

www.nwv-bremen.de

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