Prozess wieder aufgenommen

Totschlag oder technischer defekt? Pfleger vor Gericht

Schild vom Amtsgericht
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Das Rotenburger Amtsgericht muss die auch technisch schwierige Frage klären, was sich beim Tod des Pflegebedürftigen in Achim zugetragen hat.

Wie verlässlich sind Maschinen? Und wie viel Vertrauen steckt man in einen Menschen? Mit diesen auch ganz grundsätzlichen Fragen muss sich das Rotenburger Amtsgericht wieder beschäftigen. Ein Krankenpfleger muss sich dort seit Dienstag verantworten.

Rotenburg – War es ein technischer Defekt oder menschliches Zutun? Der Fall eines querschnittsgelähmten 40-jährigen Mannes, der in der Nacht zum 12. März 2015 in seiner Achimer Wohnung starb, beschäftigt wieder das Rotenburger Amtsgericht. Der Krankenpfleger, der damals die Nachtschicht bei der häuslichen Betreuung hatte, muss sich wegen Verdachts auf Totschlag verantworten.

Der Angeklagte betont das gute Verhältnis zu dem von ihm Betreuten. Er berichtet von privaten Besuchen bei ihm und seiner damals siebenjährigen Stieftochter zuhause, „meine Schäferhunde waren eine Wonne für ihn“. Auch jetzt habe er noch einen guten Kontakt zu den Eltern; wenn er vom Vater des Verstorbenen spricht, nennt er ihn beim Vornamen.

Eigentlich sei der Patient, trotz erheblichen generellen Betreuungsbedarfs, an diesem Tag recht fit gewesen – dies sei von einer Ärztin, die am Nachmittag vorbeigeschaut hatte, bestätigt worden. Der Mann war auf kontinuierliche künstliche Beatmung angewiesen, an ein Beatmungsgerät und ein Pulsoximeter zur Überwachung von Puls und Sauerstoffsättigung angeschlossen. Beide geben im Normalfall bei jeglicher Fehlfunktion entsprechende optische und akustische Signale ab. Glaubt man der Aussage des Angeklagten, so ist genau in dieser Nacht nicht passiert.

Kein Alarm?

Laut seiner Schilderung sei dieser Abend normal verlaufen, der Patient sei gegen 21.30 Uhr eingeschlafen. Um 22 Uhr habe ein Alarm ausgelöst, der sich jedoch selbstständig wieder abschaltete – bei einer Kontrolle der Geräte und Schläuche sei nichts feststellbar gewesen. Auch um 2 Uhr nachts sei noch alles normal gewesen. Als er turnusmäßig kurz vor drei Uhr nachts eine Kontrolle durchführte, um den Urinbeutel abzulassen, fand er den Patienten leblos vor. Das Beatmungsgerät habe noch gearbeitet; „die Lunge hat sich noch gehoben und gesenkt, der Körper war aber schon kalt“, so die Schilderung des heute 50-Jährigen. Er habe mehrmals die Geräte gecheckt und den Patienten reanimiert – vergeblich, der junge Mann war bereits verstorben, vermutlich aufgrund eines gelösten Beatmungsschlauchs. Einen Alarm hätte es nicht gegeben.

Genau dieses geschilderte Geräteversagen ist der Knackpunkt, um den es am ersten Prozesstag ging. Denn die Protokolle der ausgelesenen Geräte sprechen eine andere Sprache – ihnen zufolge sind sehr wohl Alarmsignale über „Diskonnektion“, also das Ablösen eines Schlauches, und anschließenden Druckabfall des Beatmungssystems gegeben worden, die der Krankenpfleger auch dank einer externen Alarmbox eigentlich hätte hören müssen. Wie belastbar in diesem Indizienprozess die Gerätedaten sind und ob eine manuelle Manipulation möglich war – das Pulsoximeter weist eine Diskrepanz in Datum und Uhrzeit aus –, wird sich noch herausstellen müssen.  Zu untermauern sucht der Angeklagte seine Version durch zwei Vorfälle: zwei Tage vorher sei der junge Mann beim Besuch im Zoo in Bremerhaven mit einem anderen Betreuer blau angelaufen; das mobile Beatmungsgerät, baugleich zu dem in der Wohnung verwendeten, habe keinen Alarm ausgelöst. Ihm selbst sei dies ebenfalls bei einem Besuch mit dem Betreuten im Weserpark passiert; ein Alarm, der auf einen partiell herausgerutschten Schlauch hinwies, sei erst verspätet ausgelöst worden, „da hat er schon geröchelt.“

Viele offene Fragen

Es sind nicht die einzigen offenen Fragen: Was passierte zwischen 2:55 Uhr und 3:17 Uhr, als der Notarzt gerufen wurde? Selbiger gab damals zu Protokoll, eine deutliche Alkoholfahne gerochen zu haben, zog diese Aussage jedoch später wieder zurück. Warum googelte der Angeklagte einige Stunden später im Internet „Diskonnexion“? Unklar auch, ob – wie der geschiedene Mann schildert – die künstliche Beatmungsmaschine noch gearbeitet habe oder diese, wie die Protokolle nahelegen, ausgeschaltet war. Ein mögliches Beweismittel ist überdies verschwunden: Die Beatmungsschläuche hat der Angeklagte, nach eigener Aussage auf Anweisung der Pflegedienstleitung, am Morgen nach dem Tod des jungen Mannes im Müll entsorgt, just vor Eintreffen der Müllabfuhr.

Überhaupt gestaltet sich die Rekonstruktion des Abends im Detail als schwierig – kein Wunder, ist die Erinnerung nicht nur der Zeugen, sondern auch des inzwischen bei Lüneburg lebenden Mannes nach sechs Jahren nicht immer präsent. Er ist bei Justitia übrigens kein unbeschriebenes Blatt. Die Urkunde einer tatsächlich im Rotenburger Diako absolvierten Krankenpfleger-Ausbildung hat er, wie er unumwunden zugibt, gefälscht. Das Original, so erklärt der sonnengebräunte Mann mit dem kahl geschorenen Haupt in Polohemd und Jeans mit Tattoo und breitem Silberring, sei im Umzug abhandengekommen. Einer Neu-Beantragung habe, wie er auf Nachfrage der Richterin erklärt, das Vorstrafenregister im Wege gestanden.

Erster Prozess geplatzt

Die Wahrheit wird, wenn sie denn überhaupt zu ermitteln ist, wohl anhand der technischen Gutachten zu den medizinischen Geräten zu ermitteln sein. Drei Gutachter, die die sechs Stunden dieses Hauptverhandlungstags per Skype zugeschaltet waren – ein Novum im Rotenburger Amtsgericht –, werden erst am Freitag gehört. Ein erster Prozess in dieser Sache war 2017 wegen gutachterlicher Fragen geplatzt.

 Für die Wahrheitsfindung des Schöffengerichts sind zunächst drei weitere Verhandlungstage angesetzt.

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