Ermittlungen gegen Pfleger

Pflegefehler und Gewalt im Rotenburger Seniorenheim

Haus Stadtgarten Rotenburg
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Im Haus Stadtgarten in Rotenburg sollen sich die Vorfälle zugetragen haben. Der beschuldigte Pfleger ist entlassen, gegen ihn wird polizeilich ermittelt.

Junge Pflegeschülerinnen werden belästigt, es gibt tätliche Übergriffe, pflegerische Versäumnisse und möglicherweise gewaltsames Verhalten gegenüber Bewohnern: Die Vorwürfe, die gegen einen Pfleger des Seniorenheims Haus Stadtgarten in Rotenburg erhoben werden, wiegen schwer. Die Polizei ermittelt – und die Hausleitung versucht sich an Aufklärung für Betroffene und Angehörige.

  • Pfleger wird sexualisierte Gewalt und Fehlverhalten in der Pflege vorgeworfen
  • Folgen für Bewohner von Seniorenheim werden geprüft
  • Polizei ermittelt

Rotenburg – Es ist die Art Brief, die man in diesen Tagen zwischen der Weihnachtspost nicht entdecken will: Die Angehörigen der rund 100 Bewohner des 2019 eröffneten Haus Stadtgarten des Agaplesion-Konzerns haben am Wochenende Post von der Geschäftsführung bekommen. Betreff: „Begründeter Verdachtsfall der sexualisierten Gewalt gegenüber Pflegeschülerinnen sowie Hinweise auf grobes Verhalten in der Pflege“. Einem Pfleger, dem die Taten zugerechnet werden, ist am 6. Dezember fristlos gekündigt worden. Die Polizei ermittelt, die Heimaufsicht ist informiert. Andreas Wolff, Leiter der Unternehmenskommunikation der auch für das Haus Stadtgarten zuständigen Agaplesion-Tochter „Agaplesion Bethanien Diakonie“, hat die Vorfälle gegenüber der Kreiszeitung bestätigt.

Heimaufsicht ist informiert

Nach Wolffs Angaben sind zwei Pflegeschülerinnen betroffen, die in dem Seniorenheim ihre Praxiseinsätze absolviert haben. Ende November hätten sie ihren Lehrern gegenüber den Pfleger mit „Vorwürfen sexueller Übergriffe“ beschuldigt. Laut Wolff handele es sich „sowohl um verbale als auch tätliche Übergriffe“. Die Pflegeschule habe umgehend die Leitung des Hauses Stadtgarten informiert. Den betroffenen Schülerinnen wurde psychologische, seelsorgerische und juristische Unterstützung angeboten. Der Pfleger sei zunächst freigestellt worden, und „nachdem sich der Verdacht erhärtet hat“, fristlos gekündigt. Zudem sei der Pfleger durch „grobes Verhalten in der Pflege in Einzelfällen auffällig geworden“. Der Verdacht des gewaltsamen Verhaltens des Pflegers gegenüber Bewohnern sei ein Teil der polizeilichen Ermittlungen. Laut Wolff gebe es aktuell aber „keine Hinweise auf Pflegefehler mit gesundheitlichen Folgen für die Bewohner“. Der Fall sei von der Geschäftsführung und der Einrichtungsleitung zur Anzeige gebracht, die Heimaufsicht beim Landkreis informiert worden. Bisher, so Wolff, „konnten keine weiteren Fälle ermittelt werden“. Kreissprecherin Christine Huchzermeier bestätigt, dass die Heimaufsicht unterrichtet worden sei. Man untersuche die Fälle und prüfe eine Anzeige. „Zum Thema Pflegefehler haben sich bisher keine konkreten Verdachtsfälle ermitteln lassen. Sollten sich hier konkrete Verdachtspunkte ergeben, wird die Heimaufsicht eingreifen, um die Bewohner zu schützen.“

Die Polizei hält sich in der Sache noch bedeckt und bestätigt auf Nachfrage lediglich, dass es Ermittlungen gibt. Die Pressearbeit erfolge über die Staatsanwaltschaft Verden. Die erteilte am Montag zu den Vorfällen keine Auskunft.

 Nach derzeitigem Kenntnisstand gibt es keine Hinweise auf Pflegefehler mit gesundheitlichen Folgen für die Bewohner.

Unternehmenssprecher Andreas Wolff

In Rotenburg gibt es mehrere Fachschulen für den Bereich. Zum einen ist von den Vorfällen die Krankenpflegeschule des Diakonieklinikums betroffen. Diese gehört auch zum Agaplesion-Konzern, aber nicht direkt zum Bereich „Wohnen & Pflegen“ der Senioreneinrichtungen. Kliniksprecher Lars Wißmann bestätigt, dass eine der Berufsfachschülerinnen „den Stein ins Rollen gebracht“ habe. „Wir haben schnell reagiert.“ Die zuständigen Stellen seien umgehend informiert und der Schülerin Hilfsangebote unterbreitet worden. Nach den Vorfällen sei geprüft worden, ob man künftig weiter Pflegeschülerinnen in der Einrichtung einsetzen werde. „Wir haben aber das Gefühl, dass die Aufarbeitung dort sehr viel Fahrt aufgenommen hat“, so Wißmann. Ein strukturelles Problem sehe er nicht. Und auch Andreas Wolff versichert, dass umgehend neue Mechanismen eingeführt wurden, um die Situation im Haus Stadtgarten zu verbessern oder weitere Vorfälle auszuschließen: „Derzeit werden bei allen Bewohnern in dem betroffenen Wohnbereich Pflegevisiten durch die Einrichtungs- und Pflegedienstleitung durchgeführt und die Pflegedokumentation pflegefachlich überprüft.“

Wie viele Schülerinnen betroffen?

Auch das Diakonissen-Mutterhaus in Rotenburg ist betroffen – und geschäftlich über das Diakonieklinikum und Aktienanteile wiederum mit dem Agaplesion-Konzern verknüpft. Mutterhaus-Vorstand Matthias Richter spricht von fünf Schülerinnen der Berufsfachschule Altenpflege, die „in unterschiedlicher Intensität betroffen“ sind. Dem Diakonissen-Mutterhaus seien die Vorgänge seit rund drei Wochen bekannt, weil die Schülerinnen in einer Unterrichtseinheit „Sexualisierte Gewalt in der Pflege“ tief betroffen davon berichtet hätten. Richter: „Wir selbst haben sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe Transparenz geschaffen und zur Aufklärung beigetragen, soweit es in unseren Möglichkeiten lag.“

Diako richtet „Taskforce zur Prävention sexualisierter Gewalt“ ein

Seit dem Frühjahr 2021 wird eine „Taskforce zur Prävention sexualisierter Gewalt“ für ihren Einsatz ab Frühjahr 2022 im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg vorbereitet und ausgebildet. „Wir sind im engen Austausch mit dem Klinikum und möchten Präventionsmaßnahmen auch für das Haus Stadtgarten übernehmen“, sagt Unternehmenssprecher Andreas Wolff. Schon bald werde allen Mitarbeitern ein digitales Hinweisgebersystem angeboten, mit dem sie anonym und in wenigen Schritten Verstöße aller Art melden können – egal, ob man persönlich betroffen ist oder ein Vergehen und Fehlverhalten beobachtet hat. Die Anregung für diese „Taskforce“ kam laut Diako-Sprecher Lars Wißmann von der Jugend-Ausbildungsvertretung. Die Krankenpflegeschüler sitzen demzufolge auch selbst mit im Gremium und seien dann Ansprechpartner für alle Betroffenen. In viel größerer Anzahl gebe es entsprechende Vorfälle übrigens beim Patienten- und Bewohnerkontakt, weniger mit den eigenen Arbeitskollegen.

Nach den Vorfällen im Haus Stadtgarten verspricht Andreas Wolff: „Wir verurteilen jede Form von sexualisierter Gewalt aufs Schärfste und gehen konsequent und entschlossen der Aufklärung nach.“ Man habe sich eine externe Beratungsstelle aus Rotenburg als Partnerin der Aufarbeitung zur Seite geholt. Zudem werde gemeinsam mit dem Diakonieklinikum eine „Taskforce zur Prävention sexualisierter Gewalt“ eingerichtet. Dass diese Kooperationsstelle eine Folge gehäufter Vorfälle in den Agaplesion-Häusern in Rotenburg ist, verneint Richter – er ist der Vorgänger von Wißmann am Diakonieklinikum: „Aus den Jahren 2015 bis 2020, in denen ich das Amt des Theologischen Direktors im Diakonieklinikum bekleidet habe, sind mir solche Fälle nicht bekannt.“

Dass die Probleme mit dem Pfleger, wie andere Quellen behaupten, bereits deutlich länger bekannt waren und er auch in anderen Einrichtungen Rotenburgs auffällig geworden war vor seiner Tätigkeit im Haus Stadtgarten, kommentieren die Sprecher nicht öffentlich. Das sei nicht bekannt

Ein Kommentar von Michael Krüger

Die schwierige Situation in der Pflegebranche war bereits längst ein Thema, als niemand Corona ahnen konnte. Die Pandemie hat den Blick noch einmal geschärft, passiert ist aber nicht viel. Das Personal wird weiterhin zu schlecht bezahlt, an der Ausbildung hapert es, Nachwuchs fehlt. Die alternde Gesellschaft schlittert in ein Dilemma. Und dann hier vor Ort diese Schlagzeilen kurz vor dem Weihnachtsfest: Sexualisierte Gewalt gegen junge Pflegeschülerinnen im Seniorenheim Haus Stadtgarten, massive Vorwürfe, Pflegefehler, möglicherweise Gewalt gegen Bewohner. Auch das noch.

Verfehlungen einzelner gibt es immer wieder: Polizisten, Beamte, Politiker, Journalisten, Altenpfleger – alle können mal was verbocken. Das ist ärgerlich und führt zu Konsequenzen. Zu einem öffentlichen Fall wird es, wenn ein Fehler im System zu befürchten ist. Und genau das könnte hier der Fall sein. Es gibt von den unterschiedlichen Seiten zu viele Widersprüche, es bleiben Unklarheiten. Wer wusste wann was? Wer sollte geschützt werden? Haben die Bewohner darunter gelitten? Noch lassen die Informationen zu den Vorfällen im Haus Stadtgarten viel Platz für Spekulationen. Die Geschäftsführung von „Agaplesion Bethanien Diakonie“ antwortet freundlich und recht detailliert auf die Fragen des Journalisten. Das ist gut. Am Tag, nachdem die Fragen gestellt wurden, setzt die für das Haus Stadtgarten zuständige Agaplesion-Tochter „Wohnen & Pflegen Rotenburg gGmbH“ ein Informationsschreiben an die Angehörigen der Bewohner auf. Titel: „Begründeter Verdachtsfall der sexualisierten Gewalt gegenüber Pflegeschülerinnen sowie Hinweise auf grobes Verhalten in der Pflege“.

Die Vorwürfe, wir wissen es nicht, decken ein breites Spektrum ab. Vom blöden Macho-Spruch bis zur handgreiflichen Belästigung, vom Anschreien eines Bewohners bis zum schweren Pflegefehler. Das muss nun aufgedeckt werden, bewerten müssen es Gerichte. Fraglich bleibt, ob dieser offene Umgang gerade den Angehörigen gegenüber ohne Recherchen und die „Gefahr“ eines Presseberichts stattgefunden hätte. Auch Patienten oder Bewohner von Seniorenheimen sind sicherlich sehr oft keine einfache Kundschaft. Da dürfte es zahlreiche menschliche Verfehlungen geben. Auch das muss öffentlich thematisiert werden. Klar ist doch so und so: Der Versuch, etwas geheim zu halten oder gar unter den Teppich zu kehren, was unser gesellschaftliches Zusammenleben betrifft, geht stets nach hinten los.

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