„Ein knüppelharter Job“

Pflegeeltern appelieren: Nicht „blauäugig“ in Verantwortung begeben

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Barbara und Manfred Kirstein sind seit acht Jahren Pflegeeltern.

Als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, haben sich Barbara und Manfred Kirstein entschlossen, noch einmal Eltern zu werden. Seit acht Jahren ziehen sie ein Pflegekind groß. „Ein knüppelharter Job“, sagen sie.

Bothel/Rotenburg – Das Ehepaar aus Bothel tut dies aus Überzeugung, möchte aber andere warnen, sich zu „blauäugig“ in diese Verantwortung zu begeben. Auch wenn der Landkreis händeringend Pflegeeltern sucht – die Aufgabe ist eine große. Wenn Simon Barbara Kirstein anspricht, sagt er „Mama“. Zu seiner leiblichen Mutter in Hamburg hat der heute fast 16-Jährige kaum Kontakt, seine Familie sind die Kirsteins. „Er hat uns ins Herz geschlossen und ist unser Kind“, sagt Manfred Kirstein.

„Wir konnten es uns gut vorstellen“

Ihren Erziehungsauftrag haben die Kirsteins vor acht Jahren eigentlich erledigt. Das letzte der fünf Kinder der Patchwork-Familie hat gerade das Haus verlassen, Barbara und Manfred, beide um die 60 Jahre alt, haben wieder mehr Zeit für sich, die Hunde und die Katzen. Über eine Nachbarin erfahren die beiden von Pflegekinder-Programmen, sie melden sich bei einer zuständigen Stelle in Hamburg als Interessenten an, besuchen Seminare. „Wir konnten es uns gut vorstellen“, sagen die beiden. 

Geschwisterpaar aus problematischer Familie

Zunächst passiert nichts, dann geht es ganz schnell. Ein Geschwisterpaar aus einer problematischen Hamburger Familiensituation ist in Kurzzeitpflege, die Kirsteins erhalten ein Dossier, dürfen den damals sieben Jahre alten Jungen und seine neunjährige Halbschwester kurz sehen. Sie entscheiden sich, zuzusagen. „Da fing das Drama an“, sagt Manfred Kirstein.

Relativ unvorbereitet, so sagen sie heute, sind sie als Pflegeeltern in der Verantwortung, sich um zwei bis dahin fremde Kinder zu kümmern. „Hochgradig geschädigt und traumatisiert“ seien die Geschwister gewesen, man sei regelrecht zusammen „in ein Loch“ gefallen. Von den Ängsten, Sorgen und Verhaltensweisen der Pflegekinder habe man bis dahin nichts erfahren. 

Barbara und Manfred Kirstein ziehen die Notbremse

Vier Jahre sind die beiden in der Familie, da müssen Barbara und Manfred Kirstein „die Notbremse ziehen“. Die Verhaltensweisen der Pflegetochter seien nicht mehr kontrollierbar gewesen. „Es war extrem schwer“, sagt Barbara Kirstein. Hilfesuchend wendet sich das Ehepaar an den mittlerweile zuständigen Landkreis Rotenburg, gerät angesichts der eskalierenden Situation allerdings selbst ins Blickfeld der Behörden: Vorwurf Kindeswohlgefährdung. Die Pflegetochter kommt schließlich in ein Kinderheim, „Simon wollte aber unbedingt hierbleiben“, sagt Manfred Kirstein. Simon darf bleiben, „er ist hier total gefestigt“, sagt sein Pflegevater. Heute sei der junge Mann, der mit acht Jahren nicht lesen oder schreiben konnte, auf dem besten Weg zum erweiterten Realschulabschluss.

Abstriche machen, Zuschüsse beantragen

Bis hierhin zu kommen, sei harte Arbeit, „ein knüppelharter Job“, sagt Manfred Kirstein. Und unterbezahlt dazu. 709 Euro monatliche Vergütung bekommen die Kirsteins, und für Pflege und Erziehung noch einmal 245 Euro dazu. „Sie geben viel auf“, sagt der Pflegevater, und auch: „Sie zahlen drauf.“ Nicht erst 16-Jährige stellten entsprechende Ansprüche, wenn es um das Handy, Reisen, Essen, Kleidung und alles andere gehe, was man eben so brauche. Immer wieder müsse man Abstriche machen, Zuschüsse beantragen, die aber zum Beispiel für ein Fahrrad nur einmal gewährt würden. „Die Unterstützung müsste viel größer sein“, beklagt Manfred Kirstein. „Pflegeeltern haben keine Lobby.“ Nur einmal im Jahr gebe es ein knappes „Hilfeplangespräch“ mit dem vom Landkreis eingesetzten Vormund, ansonsten habe man mit der zuständigen Verwaltung „nicht viel zu tun“, höchstens als Bittsteller. 

Keine Notrufnummern des Vormunds

Eine für die Kirsteins zusätzlich belastende Situation, wie sie sagen. Immer wieder, gerade zu Beginn von den Hamburger Behörden, sei man schlichtweg „als blöd“ hingestellt worden, wenn man sich mit Fragen an die Ämter gewandt habe. Zudem seien viele Bereiche nicht klar geregelt. Als die Kirsteins mit ihrer Pflegetochter zu Weihnachten ins Krankenhaus mussten, sei niemand erreichbar gewesen, der auf dem Papier hätte entscheiden müssen. Auch heute noch gebe es nach Feierabend keine Notrufnummern des Vormunds.

Eine große Aufgabe, die erfüllend sein kann

Aus ihren Erfahrungen heraus raten die Kirsteins anderen potenziellen Pflegeeltern zu einer wohlüberlegten Entscheidung. Dann aber, wenn man sich klar sei, welche große Aufgabe man übernehme, könne die Tätigkeit sehr erfüllend sein. Und dass es den Kindern in einer Pflegefamilie deutlich besser gehe als im Heim, stehe außer Frage. „Das Konzept ist super“, sagen sie. Nur müsste das von den Behörden auch entsprechend anerkannt werden – nicht nur finanziell.

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