1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Milch, Milben, Mozart und Metal: „Pflanzenarzt“ René Wadas gibt Rotenburgern Tipps

Erstellt:

Von: Ulla Heyne

Kommentare

Professionell, informativ, vergnüglich: der Pflanzenarzt in der Bücherei.
Professionell, informativ, vergnüglich: der Pflanzenarzt in der Bücherei. © Heyne

„Pflanzenarzt“ René Wadas macht Station in der Rotenburger Stadtbibliothek - und trifft auf ein wissbegieriges Publikum.

Rotenburg – Die am Dienstagabend in der Stadtbibliothek aufgestellten knapp zwei Dutzend Stühle sind restlos besetzt – Christine Braun, die diese Station der vom Land Niedersachsen und der Niedersächsischen Büchereizentrale geförderten Tour organisiert, hat das Interesse am Vortrag des „Pflanzenarztes“ René Wadas ziemlich gut eingeschätzt.

Der grüne Arztkoffer mit weißem Kreuz, das Hemd des Referenten im floralen Design, der Rolltisch mit Zimmerpflanzen, Gesundheitszustand „Luft nach oben“, deuten schon darauf hin: In den nächsten eindreiviertel Stunden geht es um Ficus Benjamina, Monstera und Grünlilie. Das Publikum: gemischt; neben zwei Pärchen unterschiedlichen Alters sind auch Mutter und Tochter dabei, die beiden Bewohnerinnen einer WG und ein Mann in den Dreißigern, der sich später durch gezielte Nachfragen als Experte outen wird. Die meisten haben Schreibzeug dabei für die Profitipps. Das Mischungsverhältnis von Essig und Wasser und den Zeitpunkt der Verabreichung will keiner der Pflanzenliebhaber dem Zufall überlassen. Auf einigen Klemmbrettern klemmt das Zeitungsinterview aus der Kreiszeitung, das viele auf den Vortrag aufmerksam gemacht hat.

Pflanzen als Schadstofffilter

Wadas Vorstellung ist so kurz wie eindrücklich: seit 30 Jahren Gärtner und Pflanzenretter, seit 1999 einziger deutscher „Pflanzenarzt“ mit eigener Klinik, Sprechstunden und Hausbesuchen, Buchautor, mit Livestreams und Fernsehauftritten – und eben Vorträgen. In den kommenden 90 Minuten parliert er über Trends bei Zimmerpflanzen, Oma-Gewächse wie Alpenveilchen und Buntnessel oder Grünpflanzen für Anfänger, aber auch Gießmanagement, Düngerqualität oder Störenfriede wie Milben oder Weißfliegen. Und er schwärmt dabei so leidenschaftlich von deren guten Eigenschaften – Pflanzen als Schadstofffilter, Raumluftverbesserer, Zuhörer während der Pandemie –, dass die Hobbygärtner an seinen Lippen hängen. „Pflanzen können hören, sehen, riechen“, behauptet der 52-Jährige – und leitet die Vermenschlichung so plausibel her, dass die Zuschauer nicken. Sie werden entführt in eine Welt, wie sie J.K. Rowling nicht besser hätte erfinden können: Von Ameisen ist die Rede, die die erste Massentierhaltung der Geschichte erfanden – sie beißen Blattläusen die Flügel ab, damit sie dem Melken nicht entflattern. Andere Pflanzen erweisen sich als lernfähig wie die Mimose, die nur bei Bedrohung durch Fressfeinde zusammenklappt, oder als Musikkenner, die bei Mozart statt Metal besser gedeihen.

Auch beim Signieren holen sich die Pflanzenfreunde noch Tipps von René Wadas.
Auch beim Signieren holen sich die Pflanzenfreunde noch Tipps von René Wadas. © -

Wadas leistet Infotainment im besten Sinne: eine unterhaltsame Mischung aus Hintergrundwissen, Fun Facts und einer gehörigen Portion Leidenschaft. Dabei paart er sein Plädoyer für Biologie, Nachhaltigkeit und Qualität beim Pflanzen- und Düngerkauf mit ganz praktischen Tipps – Orangenöl gegen Schildläuse, Milch gegen Mehltau oder Knofi gegn Spinnmilben: Da fliegen die Stifte über die Notizblöcke.

Auf die anschließende Fragerunde haben viele gewartet. Wadas Bitte: „Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund“ kommt man gern nach. Das Ehepaar bekommt einen Ratschlag zur Rettung der Buchsbaumhecke mit Algenkalk, der Experte für die gelben Orchideenblätter. Die WG ist sichtlich erleichtert, dass der weiße Schimmel unter dem Efeu mit etwas Trivialem wie Kamillentee beseitigt werden kann. Für alle anderen gibt’s im Werbeblock den Verweis auf die mittlerweile sechs Ratgeber; so mancher lässt sich das frisch erworbene Buch signieren. Und auch der Herr, der nach fast zwei Stunden noch schnell ein Handybild von seinem kränkelnden Liebling vorzeigt, bekommt fachkundigen Rat – Wadas entpuppt sich nicht nur als Pflanzen-, sondern auch Menschenfreund.

Auch interessant

Kommentare