Ina Petersen und Andrea Oehlers über den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Arbeitskampf

„Wir machen das in erster Linie für uns“

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Ina Petersen (l.) und Andrea Oehlers streiken für bessere Arbeitsbedingungen in Kindertagesstätten.

Jeersdorf - Von Matthias Röhrs. Ein kleines Häuschen im hinteren Teil eines Gehöfts in Jeersdorf: Dort, in unscheinbarer Lage, haben die streikenden Erzieherinnen aus Scheeßel und Umgebung ihr Streiklokal eingerichtet – und das schon seit mehr als einer Woche. So lange ist es her, dass die Gewerkschaft Verdi den unbefristeten Arbeitskampf für die Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes ausgerufen hat. Mittendrin: Ina Petersen und Andrea Oehlers. Im Interview sprechen die Leiterin des Jeersdorfer Kindergartens Rappelkiste und der Lauenbrücker Kita Löwenburg über ihren Job, die Probleme, das Geld und den Streik.

Wie erklären Sie den Kindern in Ihren Einrichtungen eigentlich den Streik?

Ina Petersen: Die Kinder haben uns natürlich gefragt. Wir haben ja mit einer „Rote-Klamotten-Aktion“ angefangen: An den ersten Verhandlungstagen trugen alle Erzieherinnen im Haus plötzlich rote Kleidung. Das haben wir den Kindern vorher schon gesagt, damit sie sich nicht wundern. Dann haben wir ihnen auch erklärt, warum wir das machen: Wir gehen auf die Straße, damit sie weiterhin gerne zu uns kommen. Und, dass es nicht nur hier so ist, sondern in ganz Deutschland Erzieher auf die Straße gehen und sagen, dass zu viele Kinder in einer Gruppe sind, es zu viel Arbeit in einem Kindergarten gibt und dass wir einfach mehr Zeit für sie haben möchten. Wir haben versucht, ihnen das so beizubringen, dass sie das auch verstehen.

Andrea Oehlers: Wir sind beim Erklären auch auf das Gehalt eingegangen, weil das im Prinzip auch unser derzeitiges Thema ist. Es ist manchen Kindern nicht klar, dass die Arbeit eines Erziehers tatsächlich eine Arbeit ist. Dann ist es für die Kleinen teilweise schwierig nachzuvollziehen, was jetzt passiert.

Mit welchen Mitteln wollen Sie Ihre Forderungen durchsetzen?

Petersen: Wir sind in einem unbefristeten Streik und hoffen, dass sich etwas in den Köpfen derer passiert, bei denen sich bisher noch nicht so viel bewegt hat. Unsere Präsenz ist nun sehr groß, da bundesweit gestreikt wird. Es sind im Moment hunderttausende Erzieher auf der Straße. Das trifft viele Städte, Kommunen und Gemeinden ganz arg – das wissen wir. Aber für uns ist der unbefristete Streik das letzte Mittel zu sagen, dass wir zu unseren Forderungen stehen. Nach drei Warnstreiks können wir auch nicht mehr zurückrudern.

Bei welchen Dingen hapert es denn vor Ort?

Petersen: In der Kommune hapert es im Moment eigentlich gar nicht. Es ist allerdings nicht unbedingt das Verständnis da, auf das wir hoffen. Unser Arbeitgeber sagt, er wisse, dass wir gute Arbeit leisten. Doch wir möchten, dass die Grundlage, auf der wir unsere gute Arbeit machen, sich verändert. Wir arbeiten heute immer noch nach Bedingungen, die im Kindertagesstättengesetz von 1992 vorgeschrieben sind. Die Probleme sind heute aber ganz andere als in den 90er Jahren. Wir arbeiten nach einem Bildungsplan, mit dem viele Dinge gar nicht mehr konform gehen. Dafür kann der Arbeitgeber natürlich nichts, aber wir wünschen uns schon einen positiveren Background.

Oehlers: Wobei ich sagen muss, dass es in den unterschiedlichen Gemeinden auch unterschiedliche Haltungen gibt.

Petersen: Wir sind nicht gegen unsere Kommune und gegen unseren Arbeitgeber auf der Straße.

Hat sich die Arbeit eines Erziehers in den Jahren denn verändert?

Petersen: Ganz deutlich und massiv. Wir machen jetzt Entwicklungsdokumentationen über die Kinder, was viel Zeit kostet. Ein Erzieher übernimmt heute eine ganz andere Verantwortung, als es noch vor zehn Jahren der Fall gewesen ist. Früher waren die Kinder vier Stunden am Tag bei uns, heute kommen sie um 7 und bleiben manchmal bis 17 Uhr bei uns im Haus. Für sie sind wir den ganzen Tag der Ansprechpartner. Dabei wollen wir aber auch individuell für alle da sein. Früher galt es, die Betreuung für die Kinder zu übernehmen. Heute steht die Bildung ebenfalls im Fokus – wie Sprachbildung, Integration und Inklusion.

Neben dem Geld: Welche Anreize können für Erzieher noch geschaffen werden?

Oehlers: Das wäre die Überarbeitung des Kindertagesstättengesetzes. Da geht es beispielsweise um Fragen nach dem Erzieherschlüssel – also wie viele Erzieher eine 25er Gruppe betreuen –, die räumlichen Bedingungen oder Lärmschutz.

Petersen: Oder dass Langzeitfortbildungen vom Arbeitgeber übernommen werden. Die machen wir ja nicht nur für uns, die bieten wir unseren Arbeitgebern hinterher ja auch an, um unsere Arbeit hochwertiger zu machen.

Gibt es noch weitere Dinge, die getan werden müssen?

Oehlers: Die Vorbereitungszeit ist ebenfalls ein Punkt. Im Moment hat man für eine Gruppe pro Tag 7,5 Stunden Vorbereitungszeit, die unter den Erziehern aufgeteilt wird. Wenn wir das im Zusammenhang mit der Tatsache sehen, dass ein Bildungsplan mit Sprachförderung, Inklusion und Integration voran getrieben werden soll, ist das ein zu geringer Satz. Das heißt, dass ein Erzieher diese Vorbereitungen mitunter parallel zur Gruppe macht.

Petersen: Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Eltern, denn dafür bleibt kaum noch Zeit. Eltern bedürfen heutzutage mehr Unterstützung. Sie verlangen auch nach mehr Beratung, und das mit diesen Zeiten aufzufangen ist denkbar schwierig.

Denken Sie im Arbeitskampf an die Kinder und Eltern?

Petersen: Natürlich sind wir in erster Linie für uns auf der Straße. Aber: Wir möchten, dass sich die Bedingungen verändern. Das wäre ja für Kinder und Eltern ebenfalls positiv. Wir wissen, dass wir in erster Linie die Eltern treffen. Aber es ist ja der Sinn eines Streiks, dass wir jemanden treffen. Leider sind jetzt bei uns Eltern und Kinder dran, wobei das hier in der Gemeinde Scheeßel durch die Notgruppenbetreuung ja noch gut aufgefangen wird.

Sind die Reaktionen auf den Streik eher positiv oder hört das Verständnis langsam auf?

Petersen: Wir haben viele positive Rückmeldungen von Eltern bekommen. Uns liegt viel daran, gute Aufklärung mit ihnen zu betreiben. Wir führen viele Gespräche, um den Eltern zu erklären, dass unsere Forderungen über den finanziellen Rahmen – der natürlich auch wichtig ist – hinaus gehen. Deswegen, glaube ich, sind die Eltern zum Großteil noch auf unserer Seite. Es gibt auch Eltern, die sind ganz erbost. Die wird es aber immer geben, aber mit diesen Eltern sind wir in die Auseinandersetzung gegangen und haben mit ihnen gesprochen.

Oehlers: Die Eltern sehen auch, dass dieser Streik eine Vorbildfunktion hat, wenn man aufsteht und sich für seine Rechte einsetzt. Und diese Erzieher, die sich jetzt einsetzen, sind auch die Erzieher, die die Eltern für ihre Kinder eigentlich haben wollen.

Mit welchen Maßnahmen werben Sie für Verständnis?

Oehlers: Wir haben immer alles transparent gemacht. Außerdem haben wir rechtzeitig auf die Streiks aufmerksam gemacht und haben Elternabende vor den Streiks durchgeführt, in denen wir uns der Diskussion gestellt und einzelne Bedenken aufgegriffen haben.

Petersen: Uns war immer daran gelegen, den Arbeitgeber ebenfalls rechtzeitig über Streiks zu informieren. Das hat dann damit zu tun, dass vom Arbeitgeber mehr Verständnis aufgebracht wird.

Mit welchen Aktivitäten füllen Sie die Streik-Tage aus?

Oehlers: Wir machen Besuche in kirchlichen oder von Eltern gestützten Einrichtungen in den Kommunen, um einfach etwas Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und für unsere Sache zu werben. Dann gibt es große Streiktage: Mittwoch waren wir bei der großen Kundgebung in Bremen, wo auch der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske gesprochen hat.

Petersen: Nächste Woche werden wir nach Lüneburg zu einer Kundgebung fahren. Dann hatten wir eine landkreisweite Veranstaltung in Zeven, wo wir sozusagen als Sternfahrt mit dem Rad hingefahren sind. Wir stellen außerdem – zusätzlich zu den von Verdi bereitgestellten – individuelle Plakate her, weil wir auch auf unsere eigenen Forderungen aufmerksam machen wollen. Tatsächlich ist jeder Tag mit Aktionen gefüllt. Wir vernetzen uns mit den Kollegen aus den umliegenden Gemeinden, um Dinge gemeinsam zu planen. Wir befinden uns nicht in der Sommerfrische, auch wenn uns einige Eltern und Kollegen so verabschiedet und uns einen schönen Urlaub gewünscht haben. Das ist bei weitem nicht so, wir sind bis nachmittags unterwegs.

Werfen Sie es Kollegen vor, wenn sie sich nicht am Streik beteiligen?

Oehlers: Letztendlich ist es eine persönliche Entscheidung. Dafür kann und will ich keinen verurteilen, wenn er sich nicht am Streik beteiligt. Ich glaube, im Moment ist die Haltung zu den Streiks positiv, sodass viele Kollegen mitziehen. Sonst müssen wir aber auch sagen: „Tritt für deine Rechte ein oder lass es.“

Petersen: Wer nicht bei Verdi organisiert ist, hat auch finanzielle Einbußen, wenn er am Streik teilnimmt. Das geht ja auch nicht, dass dafür einer sagt, dass er mal eben auf ein halbes Monatsgehalt verzichtet. Aber ich muss trotzdem die Kollegen loben, denn es waren viele bei den Warnstreiks mit dabei und haben dafür auf Gehalt verzichtet: Viele von ihnen, auch wenn sie jetzt arbeiten, erklären sich solidarisch zu uns. Die sind sich sehr wohl bewusst, dass wir das auch für sie tun.

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