Interview mit Experten

Otter-Experte Kuno Kumpins freut sich über Erfolge

Otter-Experte Kuno Kumpins aus Helvesiek unter Wümmetal-Brücke bei Lauenbrück, wo die Tiere über eine Berme sicher und trocken auf die andere Straßenseite der B 75 kommen können.
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Fischotter sind die Leidenschaft von Kuno Kumpins. Hier hockt der Helvesieker, der viele Jahre lang die Jägerschaft Rotenburg nach außen vertreten hat, unter der Wümmetal-Brücke bei Lauenbrück, wo die Tiere über eine Berme sicher und trocken auf die andere Straßenseite der B 75 kommen können.

Er ist ein Meisterschwimmer und ein Landjäger – der Fischotter. Die Deutsche Wildtierstiftung hat ihn zum Tier des Jahres 2021 auserkoren und will damit auch auf seine Gefährdung aufmerksam machen. Warum der Wassermarder mit den niedlichen Knopfaugen bedroht ist, wie es um seine Population bei uns im Landkreis bestellt ist und welche Schutzmaßnahmen ergriffen werden – darüber sprechen wir mit dem Otter-Experten Kuno Kumpins aus Helvesiek.

Herr Kumpins, anders als beim Wolf hat die Bevölkerung offenbar keine großen Probleme, den Fischotter zu akzeptieren. Wie erklären Sie sich dies?

Ähnlich dem Wolf ist der Otter den meisten Bürgern bisher nicht begegnet, da er dämmerungs- und nachtaktiv ist. Sie kennen ihn nur aus Filmen, in denen er mit seiner Beute spielend oder sie auf dem Rücken schwimmend verzehrend dargestellt wird. Er stellt keine Gefahr dar und ist sogar putzig anzusehen. Warum sollte der Bürger also Probleme mit dem Otter haben?

Dennoch wurde das Tier ja in Deutschland im 20. Jahrhundert fast vollständig ausgerottet. Schon 1913 galt der Otter im Landkreis Rotenburg als ausgestorben. Wie konnte es dazu kommen, wenn er doch keinem Nutztier etwas zuleide tut?

War der Otter vor dem 19. Jahrhundert noch eine begehrte Jagdbeute, er galt damals als Pelzlieferant und Fastenspeise, begann zum Ende des 19. Jahrhunderts gegen ihn ein regelrechter Vernichtungs-Feldzug. Am 22. November 1882 verkündete der Central-Verein für die Provinz Hannover der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft: „In zahlreichen Gewässern der Provinz haben die Fischotter so sehr überhandgenommen, dass eine wirksame Hebung des Fischbestandes in denselben nicht eher erwartet werden kann, als bis diese gefährlichen Fischfeinde vertilgt oder doch wesentlich abgemindert sind. Zu diesem Zwecke hat, nachdem theils aus Staats-, theils aus Provinzial-Fonds eine Beihülfe bewilligt worden ist, der Central-Ausschuß der Königlichen Landwirthschafts-Gesellschaft die Auslobung einer Prämie in Aussicht genommen“. In der Provinz Hannover wurde fortan eine Prämie von sechs Mark für jeden getöteten Otter bezahlt. Ab 1886/87 wurde die Prämie auf vier Mark reduziert. Insgesamt wurden in der Zeit von 1882 bis 1913 8 000 Otter-Erlegungen mit rund 38 000 Mark prämiert. Auf das Amt Rotenburg entfielen allein im Zeitraum von 1883 bis 1889 etwa 50 Fischotter. Am 13. März 1913 meldete das Amt Rotenburg den Otter als „nahezu ausgerottet“.

Was fasziniert Sie so an dem doch sehr scheuen Wildtier?

Der Fischotter ist perfekt an das Element Wasser angepasst– sei es durch die Anordnung von Auge, Ohr und Nase, die fast auf einer Linie liegen, den stromlinienförmigen Körperbau oder durch die daraus resultierenden Alleinstellungsmerkmale in unserer heimischen Tierwelt.

Welche sind das?

Das Tier hat das dichteste Fell mit rund 50 000 Haaren pro Quadratzentimeter. Auch hat es die Fähigkeit, Nase und Ohren während des Tauchens zu verschließen. Seine bis zu sechs Zentimer langen Tasthaare an Kopf und Beinen, auch Vibrissen genannt, dienen ihm zur Orientierung und Jagd im trüben Wasser. Außerdem besitzt der Otter die Fähigkeit, sieben Minuten unter Wasser zu bleiben.

Hatten Sie selber schon mal das seltene Glück, einen Fischotter in freier Wildbahn zu sehen?

Ja, zwischen Tewel und Schwalingen mittags, auf der Landstraße laufend. Er ist ein schneller und ausdauernder Läufer und guter Kletterer. Als sogenannter Semiaquarist legt er auf der Suche nach neuen Gewässern durchaus weite Strecken über Land zurück.

Kann man aus der Zahl der Spuren denn schätzen, wie viele Fischotter es bei uns im Landkreis gibt?

Nein, mit dem ISOS-Verfahren, die Abkürzung steht für Information System for Otter Surveys, kann aufgrund Trittsiegeln und Kotfunden lediglich festgestellt werden, dass der Otter in einem Planquadrat von zehn mal zehn Kilometern vorkommt. Er wandert bis zu neun Kilometer pro Nacht am Flussufer entlang. Das Revier kann bei einem Otterrüden bis zu 50 Kilometer Flussabschnitt, bei einer Fähe bis zu 20 Kilometer Flussabschnitt betragen. Man kann also aufgrund Trittsiegel oder Losung nur feststellen, ob es in einem Bereich Otter gibt.

Was braucht das Tier, um sich wohlzufühlen?

Er bevorzugt saubere, klare Gewässer mit Deckung bietendem Bewuchs, unterspülten Ufern und geröllhaltigem Untergrund, die im Winter lange eisfrei bleiben und wenig Störungen erfahren. Menge und Güte des Wassers bestimmen die Größe des Lebensraumes und beeinflussen den Nahrungserwerb. Der Bewuchs, also Gehölze, Gebüsche und Röhrichtzonen, tragen zur Eigensicherung bei und haben Auswirkungen auf die Reviergröße und das Wanderverhalten.

Also sind Fischotter aus ökologischer Sicht auch so etwas wie Botschafter für eine intakte Natur?

Ja, als Leittierart für Gewässersysteme belegt seine Rückkehr in den Landkreis auch die Verbesserung von Wasserqualität und den Fischreichtum der Wümme mit ihren Nebenflüssen.

Sie selbst haben sich viele Jahre lang in der Region für den Otterschutz eingesetzt. Welche Maßnahmen wurden ergriffen?

Als im Jahre 2010 die ersten Fischotter im Landkreis dem Straßenverkehr zum Opfer fielen, wurde deutlich, dass er dabei war, unsere Region zurückzuerobern. Da der Otter dem Jagdrecht unterliegt – seit 1966 wird er ganzjährig geschont –, damit auch eine Hegeverpflichtung, also die Pflege und Sicherung der Lebensgrundlagen, verbunden ist, entschied sich die Jägerschaft, den Otter durch die Anlage von Bermen oder Laufbrettern unter den Brücken, auf denen er dem Verkehr zum Opfer fiel, vor dem Verkehrstod zu schützen. Es wurden zunächst drei Brücken mit prioritärem Handlungsbedarf entlang der B 75 ausgewählt, die durch Anlage von Bermen ottersicher gestaltet werden sollten. Planung, Finanzierung und Antragstellung beanspruchten damals zwei Jahre, da derartige Baumaßnahmen Neuland für alle beteiligten Behörden waren. Im November 2012 konnten schließlich die Bermen unter der Wümmetal-Brücke, der Helvesieker Brücke und der Veerse-Brücke fertiggestellt werden. Im Jahr 2013 begannen die Planungen für weitere drei Projekte. Letztlich konnte jedoch nur die Finanzierung von zwei gesichert werden, sodass ein Laufbrett unter der Beeke-Brücke Richtung Westervesede und ein Laufbrett unter der Brücke über den Oste-Schwinge-Kanal bei Bremervörde in Angriff genommen wurden. Beide Projekte wurden im Dezember 2014 fertiggestellt.

Zwischenzeitlich soll sich aber schon wieder ein neuer Unfallschwerpunkt herausgebildet haben.

Richtig. Bei Werzen/Hanrade wurden drei Fischotter an gleicher Stelle überfahren. Der Otter quert an dieser Stelle von der Oste kommend die L  141, um zu den auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegenen Teichen zu gelangen. Er folgt dabei dem Abwasser der Teiche, das Richtung Oste fließt. Dass die Straße unterquerende Abflussrohr ist für den Fischotter nicht begehbar, da es in knapp vier Metern Tiefe in einem Schacht endet. An dieser Stelle sollte als Leuchtturmprojekt ein Otterdurchlass in Form einer Trockenröhre auf einer Länge von 41 Metern unter der Landesstraße hindurchgepresst werden, um dem Otter die sichere Unterquerung zu ermöglichen. Für dieses Projekt, das deutlich aufwendiger in Bezug auf die Genehmigungsverfahren und finanziell sehr viel größer dimensioniert war, lagen keinerlei Erfahrungen vor. Die Ursprungskalkulation des beauftragten Ingenieurbüros musste in der Folge mehrfach angepasst werden. Das führte zu Verzögerungen. Die Eröffnung der Ausschreibungsergebnisse im Dezember 2015 ergab, dass das günstigste Angebot wiederum um 60 Prozent über den bisher kalkulierten Kosten lag. Das Projekt erreichte damit eine Dimension, bei der Mittelansatz und Nutzen naturschutzfachlich betrachtet nicht mehr in einem vertretbaren Verhältnis standen. Konsequenterweise wurde das Projekt nicht realisiert.

Fischotter zeigen sich nur selten so volksnah wie auf diesem Schnappschuss.

Und solche Querungshilfen zeigen tatsächlich Wirkung?

Absolut. Dabei werden die Bermen und Laufbretter nicht nur vom Otter, sondern auch von anderen Tierarten genutzt, da diese Brücken auch für sie letztlich eine ökologische Barriere darstellten.

Rätselhaft bleibt allerdings, warum die Tiere nicht einfach unter den Brücken durchschwimmen. Oder gibt es dafür eine Erklärung?

Nein, eine gesicherte wissenschaftliche Erklärung ist mir nicht bekannt. Einerseits ist der Otter, zur Familie der Marder gehörend, Höhlen und Röhren gewohnt, andererseits scheint ihm das Lichtraumprofil unter den Brücken nicht zu behagen, sodass er ein Unterschwimmen meidet und das Hindernis lieber trockenen Fußes über- oder unterquert.

Der Schutz der Art ist die eine Sache, die Probleme für die Fischereiwirtschaft eine andere. Dies gilt insbesondere an Fischteichen, doch werden dem Fischotter auch für Fließgewässer Einflüsse auf den Fischbestand nachgesagt.

Die Gewässer im Landkreis sind sein Lebensraum. Er unterscheidet nicht zwischen Fließgewässer oder Fischteich. Wasserqualität und Nahrung bestimmen über seine Anwesenheit. Er ist kein Nahrungsspezialist oder Feinschmecker. Für ihn zählt die einfache Erreichbarkeit der Nahrung. Deren Zusammensetzung schwankt regional und saisonal sehr stark. So sind zum Beispiel Fischanteile zwischen 20 und 90 Prozent nachgewiesen worden. Neben Fischen werden besonders Krebse, Amphibien, Vögel, Kleinsäuger, Insekten, Weichtiere und Pflanzen verzehrt.

Was wäre denn konkret zu tun, um die Otterpopulation so einzugrenzen, dass nachhaltige Fischerei und Aquakultur hier weiter eine Zukunftsperspektive haben?

Ähnlich wie der Nutztierhalter oder Hühnerhalter für den Schutz gegen Räuber Sorge trägt, kann auch hier dem Otter durch einen speziellen Elektrozaun der Besuch eines Fischteichs wirksam verleidet werden. Vom Otterzentrum in Hankensbüttel wurden hier sehr erfolgreiche Versuche gemacht, die in Empfehlungen einiger Zaunmodelle mündeten.

Wagen wir zum Schluss einen Blick in die Glaskugel: Wo steht der Fischotter bei uns im Landkreis in zehn Jahren?

Die Wiederbesiedlung der Gewässer im Landkreis wird er abgeschlossen haben. Auch wenn man ihn eher selten zu Gesicht bekommt, wird man seine Spuren überall finden.

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