INTERVIEW AM WOCHENENDE Partei erklärt Ziele und Ideen

Volt startet in Rotenburg und Verden

Helge Schmidt (l.) und Alexander Gridin
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Helge Schmidt (l.) und Alexander Gridin bauen in Rotenburg und Verden Ortsgruppen von Volt auf.

Die pro-europäische Partei Volt ist nun auch im Landkreis Rotenburg und im angrenzenden Verden unterwegs. Aber was will sie eigentlich erreichen?

Rotenburg/Verden – Nachdem die Covid-19-Pandemie einen ersten Versuch vor einem Jahr unterbrochen hat, hat nun die Partei Volt in Rotenburg und Verden ihre Arbeit aufgenommen. Kürzlich gab es eine virtuelle Auftaktveranstaltung, und zumindest in Rotenburg meldet man erste Ambitionen für die Stadtratswahl im September an. Volt verfolgt einen klar pro-europäischen Kurs und pocht auf eine EU-weite Zusammenarbeit zwischen den Städten. Wie sie diese Ideen an Wümme und Aller etablieren wollen und welche Seilschaften sie dafür eingehen, darüber sprechen Alexander Gridin und Helge Schmidt im Interview.

Vergangene Woche hatten Sie Ihre erste Online-Auftaktveranstaltung. Wie lief das für Sie?

Gridin: Es waren einige aus anderen Volt-Ortsgruppen dabei, Helge hat das Ganze ein wenig moderiert. Es gab zwei Interessenten aus anderen Parteien, die einfach nur mal reinschauen wollten. Dazu kamen fünf weitere Interessierte, von denen zwei definitiv später nochmal vorbei schauen wollen.

Wie nachhaltig war das?

Schmidt: Das ist tatsächlich schwer zu beantworten, weil uns die Erfahrung fehlt. Ich finde den Schnitt nicht schlecht, insgesamt waren wir 14 Leute, davon sieben von Volt. Wenn dann zwei tatsächlich ernsthaftes Interesse haben, halte ich das für den ersten Aufschlag für nicht schlecht.

Es sind weitere Arbeitstreffen geplant. Was gehen Sie als Erstes an?

Gridin: Das sind mehrere Sachen: Im Moment sind wir dabei, den rechtlichen Rahmen zu schaffen. Wir brauchen drei Parteimitglieder im Landkreis, um eine Ortsgruppe aufstellen zu können. Wir wollen bei der Rotenburger Stadtratswahl antreten, dazu brauchen wir hier definitiv ein drittes Mitglied. Für Verden wäre das genau das Gleiche, dort gibt es wie in Rotenburg aktuell zwei Mitglieder.

Neue Parteien haben es immer schwer. Wie nimmt man Sie in der Stadt wahr?

Schmidt: Es ist gerade sehr schwierig. Ich habe direkt nach meiner Mitgliedschaft nochmal ein paar Leute in Verden getroffen, und die waren ziemlich begeistert von dem, was wir als Partei im Programm haben. Es ist im Moment die Herausforderung, das auf die Straße zu kriegen.
Gridin: Wir hatten zuletzt einiges an Werbung, haben zum Beispiel zu Fuß Flyer verteilt. Dadurch sind auch die Meisten auf uns aufmerksam geworden. Wir sind hier aber im ländlichen Raum, und die Bekanntheit von Volt ist hier noch nicht wirklich gegeben. Andererseits ist unser Verhältnis zu anderen Parteien wie SPD und Grüne eigentlich relativ gut.

Läuft es, wie Sie sich es vorgestellt haben? Oder haben Sie sich mehr vom Auftakt in Rotenburg versprochen?

Schmidt: Ich war mir wirklich unsicher. Ich kann nicht sagen, dass ich mehr erhofft habe, aber ich bin zufrieden damit. Es hätte mich allerdings nicht gewundert, wenn ob der Flyermenge, die wir verteilt haben, mehr gekommen wären. Wenn man es aber mit Bremen vergleicht, sind wir hier nicht schlecht gestartet.

Wer wählt Volt?

Gridin: Das sind ganz verschiedene Leute. Ich kenne jetzt nicht den genauen Altersrahmen, aber es sind einmal die 16- bis 34-Jährigen und dann noch die über 55-Jährigen. Es sind überwiegend Nichtwählerinnen und Nichtwähler, eben jene, die sich von der Politik noch nicht angesprochen fühlten.

Und wen wollen Sie erreichen?

Schmidt: Ich glaube, dass wir quer durch alle Zielgruppen gewählt werden können. Ich verspreche mir selbst viel davon, dass wir online jetzt verschiedene Veranstaltungen anbieten, um auch Jüngere anzusprechen. Aber wie wir gesehen haben, kommen auch Ältere über diese Kanäle. Uns bleibt im Moment aber nichts anderes übrig, also die Kombination aus Online und Flyern ist die einzige Chance, die Leute zu erreichen. Gridin: Viele Möglichkeiten gibt es nicht.

Haben Sie den Eindruck, dass die Leute Ihnen gegenüber skeptisch sind, weil Sie eben neu sind?

Gridin: Einerseits schon, weil sie sich fragen, wer wir sind und was uns ausmacht. Andererseits, denke ich mir, ist die Hemmschwelle, eine neue Partei zu wählen, bei einer Kommunalwahl deutlich niedriger als bei anderen Wahlen.

Nun ist eine Kommunalwahl aber eher eine Personen- als eine Parteienwahl. Herr Gridin, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber Sie treten für den Rotenburger Stadtrat an, sind aber unbekannt…

Schmidt: Wir haben aus meiner Sicht einen eigentlich recht klugen Schachzug gemacht, in dem wir uns öffentlich zu Herrn Oestmann bekannt haben (Torsten Oestmann, Bürgermeisterkandidat in Rotenburg für SPD und Grüne; Anm. d. Red.) und ihn unterstützen wollen. Dadurch entsteht eine Allianz, die uns beiden nützen kann.

Sie unterstützen Herrn Oestmann. Volt hat in Rotenburg einen Bewerber für den Stadtrat, hat aber noch keine Ortsgruppe. Was ist diese Unterstützung wert?

Schmidt: Es geht im Moment erst einmal um Aufmerksamkeit. Damit signalisieren wir, dass wir versuchen, uns hier als Kraft zu etablieren. Alleine, dass wir das jetzt versuchen, wird meiner Meinung nach positiv aufgenommen. Es ist ein bisschen mutig, und das wird auch anerkannt.

Haben Sie auch mit Frank Holle gesprochen? Oestmanns Gegenkandidat auf Seiten der CDU?

Gridin: Mit ihm haben wir nicht gesprochen, nein.

Warum nicht? Warum haben Sie sich schon so früh auf Torsten Oestmann festgelegt?

Schmidt: Ich darf vielleicht vorausschicken, dass wir in Nordrhein-Westfalen auch durchaus mit der CDU koalieren. Es ist nicht grundsätzlich so, dass wir das ausschließen. Es war hier eine persönliche Geschichte, weil wir fanden, dass Herr Oestmann gut zu uns passt. Auch als parteiloser Kandidat.

Inwiefern passt er zu Ihnen?

Schmidt: Er denkt „out of the box“. Er versteht sich als Manager, ist kein Berufspolitiker, er ist in allen Richtungen offen und sucht nach pragmatischen Lösungen. Das ist der zentrale Ansatz von Volt. Er hat nach unserer Wahrnehmung die Hand am Puls der Zeit, also er trifft die richtigen Entscheidungen.

Nun hat er Sie überzeugt, aber haben Sie auch ihn überzeugt?

Schmidt: Insoweit, dass er sich freut, dass wir ihn unterstützen. Wir sind im Kontakt, er hat unsere Social-Media-Kanäle abonniert, und ihm gefallen unsere Posts zum Teil. Ich glaube schon.

Volt ist sehr Europa zugewandt. Hat Oestmann aus Ihrer Sicht sozusagen eine europäische Agenda?

Schmidt: Ich glaube nicht, ohne ihm jetzt zu nahe treten zu wollen. Hier geht es aber um eine Kommunalwahl und er hat daher kommunalpolitische Themen und tolle Ziele für Rotenburg.
Gridin: In dem Punkt können wir ihn ja tatsächlich auch ergänzen, wenn wir sagen, dass wir europäische Politik durchaus auch lokal machen wollen. Das wäre gar kein Problem.

Wie wollen sie Europapolitik nach Rotenburg bringen?

Gridin: Da gibt es verschiedene Ansätze. Ich sitze gerade am Wahlprogramm, und da gibt es mehrere Themen. Wir wollen, dass unsere Städte assoziierte Partnerinnen im Eurocities-Netzwerk werden, das das traditionelle Modell von Städtepartnerschaften und -patenschaften quasi außen vor lässt und in Gruppen auf mehreren europäischen Ebenen zusammenarbeitet und sich für Lösungsansätze austauscht. Andererseits kann man die europäische Wahrnehmung auch vor Ort stärken, etwa durch ein Europafest. Ich denke, dass das Interesse daran durchaus vorhanden wäre. Das würde auch zu einer Innenstadtbelebung führen.

Sie schlagen auch eine gemeinsame Onlineplattform für die lokalen Einzelhändler vor. Das klingt gut. Aber warum sollte der Handel ausgerechnet auf Volt hören?

Schmidt: Ich stelle immer wieder fest, dass die Menschen zum Teil auf Themen warten, mit denen wir unterwegs sind. Die Themen liegen auf der Straße, und die Menschen freuen sich, wenn man mit innovativen Lösungen kommt. Insofern ist es ein Angebot. Wir stehen für das Innovative, das „out of the box“-Denken, in der Corona-Zeit besonders, und ich bin gespannt auf die Reaktionen.
Gridin: Es gibt vergleichbare Projekte in anderen Städten, dadurch sind die Umsatzzahlen um bis zu 20 Prozent gestiegen. Das würde auch dafür sorgen, dass der Handel vor Ort präsenter wäre und weniger Umsatzeinbußen hat. Zudem würde es den Trend fortsetzen, dass man auch regional einkaufen kann. Wenn es jetzt eine städtische Plattform gibt, wo alle mit ihren Produkten vorhanden sind, man sich diese zurücklegen oder mit dem Lastenrad liefern lassen kann. Das wäre umweltschonender und fördert definitiv den lokalen Einzelhandel.

Die Macher

Der Rotenburger Alexander Gridin hat die Partei Volt in Bremen kennengelernt, wo der 22-Jährige im Jobcenter arbeitet. Er sei davor Wechselwähler gewesen, habe sich dann aber explizit nach einer politischen Heimat umgesehen. Bei der jüngsten EU-Wahl ist er auf Volt gestoßen. Helge Schmidt hingegen war lange SPD-Wähler, wie er sagt. Mit der Agenda 2010 hat der 52-Jährige aber mit den Sozialdemokraten gebrochen, war kurz davor, eine eigene Partei zu gründen, ehe er Volt kennengelernte. Er lebt in Intschede (Thedinghausen) und arbeitet in Hamburg bei einem Caterer.

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