Serie: Unser Autor begleitet ein Paar auf dem Weg zur Heirat

Für Melanie Klement und Benjamin Pätsch gehört die Kirche dazu

Melanie Klement und Benjamin Pätsch wollen heiraten und sitzen schon mal zur Probe in der Stadtkirche. - Fotos: Schwekendiek

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Die Zahl der standesamtlichen Eheschließungen in Rotenburg hat 2016 gegenüber den Vorjahren deutlich zugenommen: 133 Paare gaben sich vor dem Standesamt der Kreisstadt das Ja-Wort. So viele, wie seit Jahren nicht mehr. Demgegenüber war die Zahl der kirchlichen Trauungen so niedrig wie seit Langem nicht mehr. Gerade elf Paare gingen im vergangenen Jahr nach der standesamtlichen Zeremonie auch in die Kirche.

Für 2017 allerdings steigt diese Zahl wieder. Schon jetzt gibt’s mehr Anmeldungen im evangelischen Kirchenbüro als im gesamten letzten Jahr (von der katholischen Gemeinde waren leider keine Zahlen zu bekommen). Trotzdem: Der Trend ist deutlich. Ließen sich in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers (zu der auch unsere Region gehört) vor zwanzig Jahren noch etwa 60 Prozent der Brautpaare nach dem Standesamt auch in der Kirche blicken, lag die Anzahl vor etwa zehn Jahren bereits unter 30 Prozent; inzwischen unter 20 Prozent. Auf dem Land sind´s mehr als in der Stadt, in katholisch geprägten Gemeinden im Emsland wiederum mehr als im überwiegend evangelischen Elbe-Weser-Raum.

Dabei scheint das Bild vom „Ja vorm Traualtar“ für viele Paare unbedingt dazu zu gehören, da braucht man nur die einschlägigen Seiten im Internet anzusehen. Und, ob im Fernsehen oder Kinofilm: Fast immer ist es der Pastor, vor dem das filmische Brautpaar auftaucht, um sich „ganz in weiß mit einem Blumenstrauß“ das „Ja“ zu sagen oder auch genau hier in letzter Sekunde umzudrehen und das Weite oder die/den heimlich Geliebte(n) zu suchen. Das übrigens wäre hierzulande ziemlich unsinnig und eindeutig zu spät, denn rechtsbindende Kraft hat das „Ja“ im Standesamt, das dem „Ja“ in der Kirche vorausgehen muss.

Heimathaus boomt 

Den Ort für die standesamtliche Trauung in Rotenburg kann man sich quasi aussuchen: Entweder man findet sich traditionell im Rathaus ein, oder man geht ins Heimathaus. Da gibt es gleich mehrere Trauzimmer – sowohl für größere als auch für ganz kleine Gesellschaften. Im vergangenen Jahr waren bereits mehr als vierzig Paare dort, weiß Angelika Pütz, die das Heimathaus managt; „In diesem Jahr werden es sicherlich noch mehr. Es boomt!“

Daran geht kein Weg vorbei: Das Standesamt im Rotenburger Rathaus ist stets gut frequentiert.

Melanie Klement und Benjamin Pätsch werden sich zunächst im Rathaus einfinden. Aber darüber hinaus war die Frage „Kirchliche Trauung ja/nein“ keine Frage für sie. „Kirche gehört für uns dazu“, stellen beide fest. Am 30. September um 15 Uhr werden somit in der Rotenburger Stadtkirche für die beiden die Hochzeitsglocken läuten.

Alte Kirchen sind beliebt 

Eigentlich gehören sie zur Rotenburger Auferstehungskirche am Berliner Ring. Aber die ist als Hochzeitskirche genauso wenig gefragt wie die Michaelskirche an der Bischofstraße. Die Paare, die sich dort anmelden, so stellt Pastor Henning Sievers fest, wollen fast alle in die Stadtkirche: „Die Leute wollen eben eine richtige Kirche mit Mittelgang, wo Vater die Tochter reinführen kann. Das ist übrigens bei Dreiviertel aller Trauungen so.“ Auch eine der Sitten, die eigentlich längst vorbei war, wie die der Hochzeitsbitter, des Polterabends oder der Verlobung, die aber offensichtlich wieder entdeckt werden. Gleiches berichten auch andere Pastorinnen und Pastoren aus dem Rotenburger Kirchenkreis. Die Nachfrage nach kirchlichen Trauungen scheint da besonders vorhanden zu sein, wo es schöne alte Kirchen gibt wie zum Beispiel in Kirchwalsede. 

Der dortige Pastor Matthias Wilke hatte (in der deutlich kleineren Kirchengemeinde) im vergangenen Jahr mit zwölf Trauungen sogar eine mehr als die gesamte Stadt Rotenburg (nur evangelisch-lutherische Gemeinden) zu verzeichnen. Auch er allerdings macht sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Kirchenkreis Gedanken, wie man die Nachfrage wieder und weiter beleben könnte. Genau dazu habe sich inzwischen eine pastorale Arbeitsgruppe gebildet. Eine Antwort auf die Frage, warum die Anzahl der kirchlichen Hochzeiten so zurückgegangen sei, hat Wilke jedoch auch nicht: „Das ist eine sehr vielschichtige Frage, deren Beantwortung ich mir nicht zutraue.“

Fragt man mal herum, gerade auch bei Heiratswilligen, gibt’s viele Gründe: Einige sind ohnehin aus der Kirche ausgetreten, andere scheuen die Kosten (obwohl die Trauung für Kirchenmitglieder kostenlos ist), wiederum andere wollen zu vielen kritischen Nachfragen im Pfarramt aus dem Wege gehen („Euch habe ich ja lange nicht mehr gesehen – wieso eigentlich?“), und manche wollen es möglichst schlicht. Bis vor wenigen Jahren riet die Kirche ihren Mitgliedern und Pfarrämtern auch offiziell davon ab, anlässlich einer Trauung vielleicht einen anderen Platz als die Kirche aufzusuchen. 

Nach 15 Jahren Zusammenleben kommt die Hochzeit: Melanie Klement und Benjamin Pätsch. Unser Autor begleitet sie auf dem Weg dorthin.

Also vielleicht ein Hotel, einen Bauerngarten oder das Heimathaus. Das wandelt sich offensichtlich gerade. Jedenfalls, so Pastor Wilke, habe auch hier ein „kirchlicher Denkprozess“ eingesetzt. Im hannoverschen Landeskirchenamt gibt es inzwischen sogar einen dafür Beauftragten, der Erfahrungen zusammenträgt, die seine Kirche genau damit mache: Pastor Reinhard Fiola glaubt, dass seine Kirche mehr „mitgliederorientiert“ denken müsse. Und dazu gehöre eben auch, auf Wünsche von Brautpaaren intensiver einzugehen. „Wir sollten ihnen helfen, ihren schönsten Tag so zu gestalten, wie sie möchten.“

Damit für Melanie Klement und Benjamin Pätsch dieser Tag auch wirklich schön wird, gibt es demnächst ein Gespräch mit der Pastorin, die sie trauen wird. Auch wenn es noch lange hin ist bis zum 30. September – die meiste Vorbereitung ist schon getan: Standesamt und Kirche sind „gebucht“, die Einladungen an die Gäste sind verteilt, das Brautkleid gekauft, demnächst wird das Essen im Hochzeitslokal ausgesucht, und mittlerweile haben sie sich auch geeinigt, was den Namen angeht: Der Bräutigam bekommt einen Doppel-Namen, die Braut behält ihren (den auch schon die beiden gemeinsamen Kinder tragen). Eigentlich könnte es damit schon fast losgehen. Aber da gibt es ja noch weitere Bräuche: vom „Junggesellenabschied“ bis zum „Polterabend“, von der „Hochzeitssuppe“ bis zum „Hose-Verbrennen“. Was die beiden planen, und was es überhaupt mit den unglaublich vielen Bräuchen im Zusammenhang mit einer Hochzeit auf sich hat, lesen Sie demnächst.

Ein Kommentar zu diesem Thema

Kirche muss zu den Menschen gehen - Von Michael Schwekendiek

Michael Schwekendiek

Die Kirchen hierzulande haben es schwer. Die Zahl der Mitglieder sinkt, alle traditionellen Feiern werden immer weniger nachgefragt. Am deutlichsten – und das hat mich erstaunt – ist der Rückgang bei den kirchlichen Trauungen. In Rotenburg waren es im letzten Jahr weniger als zehn Prozent der standesamtlich Getrauten, die anschließend auch zur Kirche gingen. Die Zahl ist insofern etwas ungenau, weil sie sich auf alle Getrauten bezieht, nicht etwa nur auf die Evangelischen. Aber selbst, wenn man sie enger fasst, also nur auf die jeweilige Konfession bezieht, ist der Rückgang eklatant. 

Was tun, Kirche? In der evangelischen Landeskirche Hannovers hat man das Problem erkannt. Der dort für die „Mitgliederorientierung“ zuständige Pastor Reinhard Fiola drückt es geradezu drastisch aus: „Da sind wir selber Schuld. Das ästhetische Modell des 17. Jahrhunderts greift eben nicht mehr.“ Will sagen: Der klassische Kirchenraum mit Orgelmusik, strenger Ordnung, vielleicht noch garniert mit Fotografierverbot und Absage an blumenstreuende Kinder, ist nicht für alle einladend. Bei solchen Feiern wollen die Menschen mehr Freiheit. Da mögen auch amerikanische Filme eine Vorbildrolle gespielt haben; das kann man aber nicht einfach abtun. Kirche kann nicht mehr erwarten, dass die Menschen, wie früher, selbstverständlich kommen, sondern Kirche (und das sind in diesem Falle die Hauptamtlichen) muss zu ihnen gehen und sie „abholen“. Das ist was anderes als „sich anzubiedern“. 

Es gibt ermutigende Beispiele, auch in unserer Region, wo das deutliche Konsequenzen hat – eben auch in der Anzahl nachgefragter kirchlicher Segenshandlungen. Dass die Landeskirche gerade bei den Hauptamtlichen permanent Stellen einspart, ist darum außerdem deutlich zu kurz gedacht.

Die Serie

Wir begleiten ein Paar bei seinen Vorbereitungen und Überlegungen zum „großen Tag“: Melanie Klement (32) und Benjamin Pätsch (39) aus Rotenburg werden Ende September heiraten. Wir haben berichtet, wie alles angefangen hatte und warum sie (nach 15 Jahren und zwei gemeinsamen Kindern!) den Schritt in die Ehe wagen. In der zweiten Folge hatten wir vom Kauf des Brautkleids und den Einladungen der Hochzeitsbitter berichtet. In dieser Folge geht´s um die Frage: Trauung – wo?

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