Ein Besuch bei den Schäfern Agnes und Marco Hörmann in Borchel

Osterlämmer auf den Weiden

Ein Lamm in einem Weideunterstand.
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Die kleinen Lämmer erkunden neugierig die Welt, weichen aber doch nie weit von Mamas Seite. Marco und Agnes Hörmann haben dabei stets ein Auge auf sie.

Borchel – Lautes „Määäh“ schallt dem Besucher auf dem Hof von Marco und Agnes Hörmann entgegen: In einem Weideunterstand wuseln in den vergangenen Tagen geborene Lämmer zwischen ihren Müttern umher. Zwischendurch ein Schluck Milch, dann wieder mit den anderen durch das Stroh hopsen. Es ist Lämmerzeit, momentan wird nahezu jede Stunde ein Lamm geboren, sagt Marco Hörmann. Gut 280 sind es schon. Aber es gibt auch Probleme, mit denen die beiden zu kämpfen haben.

Während die Lämmer ganz fit durch das Stroh springen, müssen die Schäfer mit wenig Schlaf auskommen. Nur drei Stunden waren es bei Agnes Hörmann kürzlich. Da musste der Tierarzt anrücken. Zwei Lämmer hatten sich verkeilt. Auch die Schäfer konnten nicht helfen, obwohl sie versierte Geburtshelfer sind. Normalerweise schaffen die Schafe, unter anderem Bentheimer Land- und Suffolk-Schafe, das auf der Weide prima allein. Mitunter ist es jedoch gut, dass sich einer der beiden alle sechs Stunden auf den Weg macht und überprüft, wie es den Tieren geht.

Aktuell weiden die Schafe zwischen Gyhum und Wehldorf. Im Winter sind sie auf Wanderschaft, im Sommer auf eigenen Flächen. Eine „win-win-Situation“, sagt Marco Hörmann – denn die Tiere haben Futter über den Winter, pflegen dafür ihrerseits die Flächen der Landwirte. Die frischgebackenen Mütter und ihre Lämmer kommen aber erstmal auf den Hof. Dort haben die Hörmanns Einzelboxen aufgebaut, bevor es in kleinere Gruppen geht. Die einen stehen, andere liegen – ein Schaf ist schon etwas älter, die Lämmer sind klein, obwohl sie schon mehrere Tage alt sind. Meist sind zwei Lämmer bei den Müttern in den Boxen, hin und wieder eines, in seltenen Fällen auch mal drei. Zwei weitere Lämmer sind mit ihren Müttern auf einer Rasenfläche – sie müssen mit der Flasche zugefüttert werden.

Die Lämmer, die jetzt geboren werden, landen aber nicht auf dem Ostertisch. „Das denken viele“, weiß die Schäferin. „Aber da ist ja noch nichts dran.“ Die Lämmer dürfen erstmal mindestens ein halbes Jahr auf die Weide. „Wir haben keine Intensiv-Mast“, ergänzt ihr Mann. Die, die zum Schlachter gekommen sind, wurden im vergangenen Jahr geboren. Ihre Lämmer kommen zu einem muslimischen Schlachter. Unter deutschen Schlachtern, so die Erfahrung, ist die Nachfrage nicht sehr groß, und wenn, kommt das Lammfleisch beispielsweise aus Neuseeland. Ohnehin kommt gut 55 Prozent aus dem Ausland.

Marco und Agnes Hörmann beobachten die Schafe und Lämmer im Weideunterstand.

Es ist die alte Frage: Was sind die Leute bereit, für ihr Essen zu bezahlen? Und das Auslandsfleisch wird günstiger verkauft. „Da können wir nicht mithalten.“ Früher sei Lamm ein „Arme-Leute-Essen“ gewesen, „unter dem Klischee leiden wir heute“, meint Marco Hörmann. Corona hat aber die Nachfrage ein wenig gesteigert. Mehr Menschen sind Zuhause – zum Beispiel Familien, in denen kulturell typischerweise mehr Lamm gegessen wird. „Dadurch sind die Lammpreise ganz ok dieses Jahr.“ Auch der Brexit verschafft einheimischen Schäfern Vorteile – „es kommen nicht mehr so viele Lämmer von der Insel“.

Bei ihren Touren achten die Hörmanns auch auf Zaunschäden, da gibt es in letzter Zeit einige. Vor allem durch Wildtiere. Sie brechen zum Beispiel bei Treibjagden durch die Zäune. Der Schäfer erinnert sich an ein Wochenende, an dem ein Wildtier bei Waffensen durch den Zaun gebrochen ist, vier Schafe sind später vor einem Zug gelandet. „Das war schrecklich“, ergänzt seine Frau. Aber auch Hunde von Spaziergängern können ein Problem werden, wenn sie Wildtiere aufschrecken. „Aber bei Treibjagden in der Gegend werden wir mittlerweile informiert“, so die Schäferin. Das helfe. Der Wolf ist indes – noch – ein kleineres Problem. „Er ist da, man sieht immer mal Fußspuren.“ Noch sei er nicht über den Stromzaun gelangt, habe aber versucht, sich durchzubuddeln.

Der Beruf der beiden habe sich schon sehr verändert: Früher war auf jedem größeren Betrieb ein Schäfer, dessen Tiere im Winter die Flächen kurz hielten, heute wird oft gespritzt – oft aus Zeitmangel. Die Schäfer sind so viel auf Wanderschaft. Das ist nicht einfach, viele Flächen fallen beispielsweise für die Industrie weg. Zwar sind Schafe auf Naturschutzflächen gerne gesehen, doch sind diese nicht immer gut geeignet vom Futter her – zu wenig Nährstoffe oder die Tiere werden nicht satt.

Auch die Vorschriften zur Tierhaltung müssen eingehalten werden, die Bürokratie nimmt zu und frisst viel Zeit. „Es ist schwierig geworden mit den Vorgaben der Politik. Viele Schäfer hören auf, weil sie es nicht mehr leisten können“, weiß die 38-Jährige. Es gibt zwar Förderungen und Prämien, „aber wir wollen vom Produkt leben, das wird schwieriger“. Auch macht sich das Paar Sorgen, wie es weitergeht, wenn das Borcheler Moor wiedervernässt werden soll. „Dann können wir eigentlich aufhören, wir stehen so schon im Wasser. Das wird existenziell spannend.“ Seine Frau versucht es mit Galgenhumor: „Dann satteln wir um auf Reis.“

Die Lämmer erkunden ihre Umgebung.

Im Altkreis gibt es noch vier Vollerwerbs-Schäfer. Auch die Hörmanns führen keinen Generationenbetrieb – es ist die Leidenschaft, die sie dazu gebracht hat. Marco Hörmann ist mit Tieren aufgewachsen, seine Großeltern hatten eine Landwirtschaft. Heute ist er froh, dass er zunächst eine Ausbildung zum Fahrzeugbauer gemacht hat, danach die zum Schäfer. So kann er viele anfallende Arbeiten selber übernehmen. Angefangen habe alles mit zwei Schafen und zwei Lämmern im heimischen Garten, „dann ist es ausgeartet“, sagt er und lacht.

Seine Frau wusste früh, dass sie Schäferin werden wollte und hat die Ausbildung gemacht, – „ich bin ein Natur- und Tiermensch“ – aber auch sie hat noch Technikerin für Agrarwirtschaft gemacht und mehrere Jahre in einem Bioladen gearbeitet – Schlachten, Anbau, Verkauf: Qualitäten, die ihr jetzt zugute kommen. Denn die beiden planen ein neues Projekt: Die Schafe haben gut Wolle am Körper, aber das nütze relativ wenig – mit Glück gibt es maximal 20 Cent pro Kilo, oft nichts vom Großhändler. „Ein riesen Minusgeschäft für alle Schäfer“, kostet das Scheren eines Schafs schon drei Euro. In einer Halle wollen sie die Wolle bald selber verarbeiten. Die entsprechenden Maschinen hat Hörmann von einer Wollkämmerei gekauft. Nachhaltig ist das, meint Agnes Hörmann. Ein Beitrag für den Klimaschutz vor Ort, indem die Wolle nachher nicht nach China exportiert wird.

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