Weniger Wunder in Rotenburg

Zahl der Organspender sinkt auch am Diakonieklinikum

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Die Bereitschaft, sich als Organspender auszuweisen, ist weiterhin gering.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Der sogenannte Organspende-Skandal im Jahr 2012 war ein Schock für viele Krankenhäuser, aber mehr noch für Patienten, die auf ein Spenderorgan warteten, und nicht zuletzt für diejenigen, die sich überlegt hatten, für eine Organspende zur Verfügung zu stehen. Damals wurde offenbar, dass einige Transplantationszentren unrechtmäßig Listen mit möglichen Organempfängern manipuliert hatten. So kam mancher von einem fast aussichtslosen hinteren Platz weiter nach vorne, andere landeten – ohne, dass sie es wussten – weit hinten. Die Folgen sind auch heute noch im Rotenburger Diakonieklinikum zu spüren.

Der Organspende-Skandal liegt etliche Jahre zurück, die Schuldigen sind bestraft, die Kontrollen so stark wie nie zuvor. Trotzdem sinkt die Zahl der Organspender, während die der möglichen Organempfänger stetig steigt. Tausende warten auf eine neue Niere, eine Leber, ein Herz oder ein anderes Organ, das ihnen das Weiterleben sichern könnte. Tausende warten vergebens.

Insgesamt ist die Zahl der Organspender in Deutschland ohnehin erstaunlich niedrig: Gerade mal 857 registrierte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) im vergangenen Jahr. Das sind etwa zehn unter einer Million Deutschen. In Prozenten: 0,001 Prozent. Damit rangiert unser Land ziemlich weit hinten. Spanien etwa liegt mehr als dreimal, Österreich oder Italien mehr als doppelt so hoch.

Im Rotenburger Diakonieklinikum werden keine Organe transplantiert (das geschieht in unserer Region in den Uni-Kliniken Hannover, Hamburg oder Göttingen), aber Rotenburg steht auf der Liste der Krankenhäuser mit einer Neurochirurgie und Neurologie und ist damit gemeldet als mögliche Klinik für Organspender. Klarer ausgedrückt: Hier kann der Hirntod von Fachleuten zweifelsfrei festgestellt und Organe entnommen werden. Diese sogenannte Explantation ist Aufgabe des Chirurgen. Die einem Verstorbenen entnommenen Organe werden dann so schnell es geht (meistens per Hubschrauber) in ein Transplantationszentrum gebracht. Dort wartet jeweils bereits ein Patient – meistens sogar mehrere – dem oder denen die entnommenen Organe übertragen werden.

Schwierige Gespräche mit Angehörigen

Privat-Dozent Dr. Oleg Heizmann ist Chefarzt der entsprechenden chirurgischen Fachklinik in Rotenburg. Gab es früher drei, vier oder gar mehr Explantationen im Jahr, sind es heute „selten mehr als eine oder zwei“ im gleichen Zeitraum. Die Gründe sind für ihn vielfältig: „Sicherlich ist durch den Transplantationsskandal Vertrauen zerstört worden“, stellt er fest. Aber „neben der organisatorischen und wirtschaftlichen ist das auch eine hohe psychische Belastung für uns“, so der erfahrene Bauchchirurg, der seine Ausbildung an verschiedenen Universitätsklinken durchlaufen hat und bis heute regelmäßig an der Uni Basel lehrt.

Dr. Oleg Heizmann ist Chef der Bauchchirurgie im Rotenburger Diakonieklinikum.

Laut Auskunft der DSO enden mehr als die Hälfte der Gespräche mit Angehörigen eines möglichen Organspenders (wenn kein Organspenderausweis vorliegt) mit einer Ablehnung. Und diese Gespräche, das wissen alle beteiligten Ärzte, aber auch Krankenhausseelsorger und Pflegekräfte, sind alles andere als einfach. Heizmann erinnert sich an Fälle, wo Patienten – oft nach Unfall mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen – äußerlich nahezu unversehrt, aber eben doch zweifelsfrei und irreparabel hirntot waren. Festgestellt durch mehrere Ärzte, wie es das Gesetz vorsieht. „Da atmet dann eben nicht mehr der Mensch selbst, sondern die Maschine.“ Aber „hier dann operativ einzugreifen, ist eine Belastung für alle“. Trotzdem weiß der versierte Chirurg, dass durch eine Organentnahme „viele eine neue Chance bekommen“. Deswegen plädiert er vehement für die Organspende.

„Es gibt weniger Hirntote“

Sein Kollege Dr. Gerhard Lehrbach ist seit 20 Jahren Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am Diako. Er glaubt, dass für den Rückgang der Organspenden nicht nur oder vor allem der fünf Jahre zurückliegende Skandal verantwortlich ist. Lehrbach: „Es gibt weniger Hirntote“, da die Neurochirurgie heute weiter sei als noch vor etlichen Jahren. Außerdem sieht er aber noch eine Ursache, die zunächst überrascht, aber von anderen Fachleuten durchaus ähnlich gesehen wird: Die „Patientenverfügung“, die heutzutage bereits vielfach vorhanden ist, verbietet oft jegliche „lebensverlängernde oder -erhaltende Maßnahme“. Das führe dazu, dass eine Organspende oft nicht mehr möglich ist.

Bodo Lemme lebt seit fast drei Jahren mit einem Spenderherz.

Bodo Lemme aus Rotenburg hat deswegen in seinem Organspenderausweis ausdrücklich den Zusatz vermerkt, dass er im Falle einer möglichen Organentnahme einer solchen Maßnahme „ausdrücklich zustimmt“. Der 66-Jährige hat einen guten Grund: Lemme, ehemals Lehrer am Rotenburger Ratsgymnasium, ist vor knapp drei Jahren ein fremdes Herz implantiert worden. Sein eigenes war, durch eine Erbkrankheit bedingt, irreparabel kaputt. Nach langer Wartezeit und auch etlichen Komplikationen geht es ihm heute „besser als den Umständen entsprechend“. Er sieht die Möglichkeit, weiter zu leben, die er durch die Transplantation bekommen hat, als „ein Wunder“ an. Lemme lebt entsprechend diszipliniert, aber ist wieder in vieler Weise ehrenamtlich aktiv und freut sich an seiner Familie und den Enkelkindern.

Intensivmediziner Lehrbach betont übrigens, dass, obwohl die Zahl der Organspender zurückgegangen ist, Rotenburg vergleichsweise noch „sehr gut dasteht“. Etliche Vergleichskliniken in Niedersachsen haben 2016 nicht einen einzigen Organspender gemeldet, und selbst die Medizinische Hochschule Hannover hatte gerade mal zehn. Ein Grund mehr für ihn und seine Kollegen, dafür zu werben. In Deutschland warten mehr als 10.000 Patienten auf ein dringend benötigtes Spenderorgan. Übrigens: Für eine Organspende gibt es keine Altersgrenze.

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