Tendenz? Steigend!

„One Billion Rising“: Zeichen gegen Gewalt setzen

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Mehr als 40 Frauen haben sich am Mittwochnachmittag tanzend der weltweiten Aktion „One Billion Rising“ angeschlossen, um gegen Gewalt an Frauen auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Angeleitet hat die Tänze Marsha Weseloh. 

Rotenburg - Von Guido Menker. Schon zum sechsten Mal hat sich die Stadt Rotenburg an der weltweiten Aktion „One Billion Rising – tanzen gegen Gewalt gegen Frauen“ beteiligt. Die Rotenburger Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Borchers hatte die Aktion am Mittwoch in der Kreisstadt auf die Beine gestellt, und zahlreiche Teilnehmer trafen sich am späten Nachmittag auf dem Pferdemarkt, um dort tanzend ein deutliches Zeichen zu setzen.

Wie wichtig das ist, verdeutlichen die Mitarbeiter in der Beratungs- und Interventionsstelle (BISS) im Landkreis Rotenburg. Die haben es jährlich mit etwa 280 Fällen zu tun, in denen vor allem Frauen Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Tendenz steigend.

Gewalt kann verschiedene Formen haben. Demütigungen, soziale Kontrolle, Bedrohungen oder Beleidigungen, Stalking, körperliche Übergriffe, sexuelle Belästigung oder Vergewaltigungen sind hierfür nur beispielhaft, erklären die BISS-Mitarbeiter. Gewalt verursache körperliche, emotionale und / oder seelische Verletzungen. Die BISS richtet sich mit ihrem Angebot an von häuslicher Gewalt Betroffene – und das seit 2002. 

Bei häuslicher Gewalt handele es sich fast immer um Straftaten, die fast ausschließlich von Männern in engeren, bestehenden oder ehemaligen Beziehungen zu Frauen ausgeübt werden. Der häusliche Bereich sei in der Regel geschützt und von außen oft nicht einsehbar. Die Zahlen steigen an, heißt es. Eine Erklärung könnte sein, dass Opfer mehr über ihre Möglichkeiten wissen und Hilfe holen. Auch könnte die Sensibilisierung der Öffentlichkeit eine Rolle spielen. Parallel zur Öffentlichkeit steigen auch Fallzahlen. Gewalt demonstriere immer auch Macht.

Opfer leiden unter psychischen  oder psychosomatischen Folgen

Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, leiden unter psychischen  oder psychosomatischen Folgen wie zum Beispiel Schlafstörungen, Panikattacken oder Angstzuständen, physischen Folgen wie körperliche Verletzungen oder Narben und sozialen Folgen wie Angst vor Reaktionen des Umfeldes, Verlustängste, eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, Arbeitsunfähigkeit oder Verlust des vertrauten Umfeldes. Auch leiden sie unter dem Verlust des Selbstvertrauens und Selbstwertes, sagen die, die fast täglich mit diesem Thema zu tun haben. Dazu gehört auch Marianne Ciolek, die Leiterin des Frauenhauses Zeven.

Aber wie erklären sich die Experten, dass Frauen in unserer doch eigentlich aufgeklärten Gesellschaft nach wie vor in so hoher Zahl Gewalt ausgesetzt sind? „Gewalt erstreckt sich über alle Schichten. Sie ist durch gesellschaftliche Einflussfaktoren und Sozialisation, also erlerntes Verhalten, das über Generationen weitergegeben wird, bedingt. So sollen beispielsweise Frauen nach wie vor gefallen und gefällig sein. Und wer beispielsweise in einer Familie aufwächst, in der Gewalt zur Konfliktlösung dient, bei dem steigert sich das Risiko, bekannte Rollen zu übernehmen“, teilt BISS mit. 

Die Hilfsangebote in der Beratungs- und Interventionsstelle, die seit 2006 auch dem Frauenhaus angegliedert ist, ist breit gefächert. So nehmen die Mitarbeiterinnen zu den Opfern häuslicher Gewalt zeitnah nach polizeilichen Einsätzen Kontakt auf. Die Meldungen gehen von der Polizei direkt an die BISS.

Landkreis bietet Unterstützung im Krisenfall

Darüber hinaus bietet die Einrichtung des Landkreises eine Beratung der Betroffenen von Stalking und häuslicher Gewalt, die sich von sich aus melden. Sie hat BISS auch Informationen über die rechtlichen Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes und weiterer zivilrechtlicher Schutzmaßnahmen parat und kann bei der Entwicklung eines Sicherheitsplanes und Unterstützung bei der Bewältigung der akuten Krisensituation bieten.

Auf Wunsch erhalten die Opfer eine Begleitung zum Beispiel zur Polizei, zum Gericht, zu Anwälten und Ärzten. Je nach Problemlage und Bedarf vermitteln die Expertinnen an andere Beratungsstellen und Behörden – das gilt auch für Kinder und Jugendliche, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Ganz wichtig: Die Beratung ist nicht nur vertraulich, sondern auch kostenlos.

Öffentlich indes war die Tanz-Demo vor dem Rathaus als Teil der Aktion „One Billion Rising“. Vor allem Frauen waren mit von der Partie. Brigitte Borchers: „Insgesamt wünsche ich mir schon, dass sich endlich so viele Männer wie Frauen gegen Sexismus und Machtmissbrauch einsetzen. Wir alle brauchen eine andere Gesellschaft.“

„Gegen die Häme der Leute kann man nichts tun“

Doch stellenweise werden Aktionen dieser Art vor allem in eher kleineren Städten gerne mal belächelt. Wie geht man damit um? Borchers: „Ich versuche, zurückzulächeln. Aber mal ernsthaft: Diese Aktion ist ja nicht lächerlich, sie wird dann nur von anderen lächerlich gemacht. Und gegen die Häme der Leute kann man nichts tun. Nur selbstbewusst weitermachen.“ Diesmal waren wieder die Dezibells zum Trommeln dabei, und auch der One-Billion-Rising-Song „Break the Chain“ durfte erneut nicht fehlen.

Für „One Billion Rising“ gehen weltweit viele Frauen – und auch Männer – auf die Straße, um zu tanzen und sich zu erheben und damit das Ende der Gewalt gegen Frauen zu fordern. Das Motto: „Wir zeigen der Welt unsere kollektive Stärke und unsere globale Solidarität über alle Grenzen hinweg.“ Das gilt auch für Rotenburg.

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