Chef der Rotenburger Arbeitsagenturen

Oliver Lemke über Integration auf dem Arbeitsmarkt

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Oliver Lemke

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Die Flucht ist gelungen, viele Geflüchtete haben in der Region eine neue Heimat gefunden. Nun müssen sie in alle Bereiche des Lebens integriert werden. Die Flüchtlinge wollen unter anderem arbeiten, stehen auf dem Markt allerdings noch häufig vor Problemen. Welche Chancen sie aber haben und welche Schwierigkeiten es dabei genau für Flüchtlinge, Arbeitsamt und Betriebe gibt, dazu nimmt Oliver Lemke, der Chef der Arbeitsagentur-Geschäftsstellen im Landkreis Rotenburg, im Interview Stellung.

Herr Lemke, wie schwierig ist es für einen Geflüchteten, in unserer Region einen Job zu bekommen?
Oliver Lemke: Wir haben im Landkreis Rotenburg zur Zeit eine Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent. Der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse war in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich hoch. Dadurch bestehen grundsätzlich auch für Flüchtlinge gute Beschäftigungsmöglichkeiten.

Wie hoch ist die Bereitschaft der Rotenburger Betriebe, überhaupt einen Geflüchteten anzustellen?
Lemke: Der Arbeitsmarkt ist bei uns sehr ausgewogen und hat eine hohe Aufnahmekraft. Viele Arbeitgeber haben die Bereitschaft, Flüchtlinge einzustellen. Dabei haben wir festgestellt, dass der Bedarf über alle Qualifikationsstufen hinweg geht. Vom einfachen Produktionshelfer bis hin zum Arzt stehen Arbeitsplätze für Flüchtlinge, zur Verfügung. Die Angebotsseite steht also in den Startlöchern und hat auch durchaus die Bereitschaft, in die Beschäftigung von Flüchtlingen zu investieren. Aber man kann auch sagen, dass leider viele Flüchtlinge den Anforderungen noch nicht gerecht werden. Insbesondere lassen der Ausbildungsstand, mangelnde Sprachkenntnisse, der verlässliche Aufenthaltsstatus oder aber die fehlende regionale Mobilität eine Arbeitsaufnahme noch nicht zu.

Gibt es Unsicherheiten seitens der Arbeitgeber?
Lemke: Unsicherheiten bilden hier in erster Linie fehlende Bleiberechtswahrscheinlichkeiten aufgrund der Nationalität, Sprachbarrieren und fehlende Ausbildungen. Einige dieser Vorbehalte lassen sich ganz gut in einem Praktikum aus der Welt schaffen. Im Rahmen unserer Maßnahmen für Flüchtlinge versuchen wir, insbesondere die Sprachkenntnisse weiter zu verbessern und den Flüchtlingen die Gelegenheit zu geben, einen Einblick in betriebliche Abläufe zu gewinnen. Außerdem stellen wir vermehrt fest, dass die Flüchtlinge nach ihrer Anerkennung der Asyleigenschaft unsere Region verlassen.

Man hört ja immer wieder, dass es bei der Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt zu viele Zuständige gibt. Muss man da unbürokratischer sein?
Lemke: Ja, diese Klagen erreichen uns ebenfalls. Wir versuchen aber, diese Hürden so gering wie möglich zu halten. Unser Asylrecht war über sehr viele Jahre eben darauf ausgelegt, dass Asylbewerber hier in Deutschland nicht arbeiten dürfen. Dieses Ansinnen hat der Gesetzgeber im Rahmen von mehreren dafür notwendigen Gesetzesänderungen umgekehrt.

Wie wirkt sich das auf die Praxis aus?
Lemke: Es bleibt dabei, dass die Beschäftigung von Asylbewerbern in der Regel erlaubnispflichtig ist. Hier müssen dann Anträge gestellt und Verfahren eingehalten werden. Wir als Arbeitsagentur arbeiten vor Ort sehr eng mit den Akteuren, wie beispielsweise dem Jobcenter oder der Ausländerbehörde des Landkreises zusammen, um die Bürokratie so gering wie möglich zu halten. Ich halte diese Schutzvorschrift für unseren Arbeitsmarkt aber auch für gut und notwendig. Es geht ja unter anderem auch darum, dass ein Asylbewerber zu den üblichen Bedingungen des örtlichen Arbeitsmarktes beschäftigt wird. Wir müssen eben auch darauf achten, dass Schutzvorschriften und tarifliche Regelungen eingehalten werden.

Wie hoch sind die Chancen für einen Geflüchteten, in Deutschland den Job zu bekommen, den er auch in seiner Heimat ausgeübt hat?
Lemke: Wenn es diesen Job in Deutschland gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er zumindest in dieser Branche bleiben kann, durchaus vorhanden. Viele Berufe lassen sich aber leider überhaupt nicht miteinander vergleichen. Wenn es nicht funktioniert, dann liegt das in erster Linie wieder an den fehlenden berufsbezogenen Sprachkenntnissen, dem unterschiedlichen Qualitätsbewusstsein und der fehlenden formalen Qualifikation.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen?
Lemke: Es gibt sicherlich Branchen, in denen es aufgrund des geforderten Qualifikationsniveaus einfacher ist, beruflich Fuß zu fassen. Die Integrationen, die wir hier bislang erlebt haben, fanden überwiegend im Bau- und Kfz-Handwerk sowie in den Helfertätigkeiten der Gastronomie oder der Logistikbranche statt.

Muss man Geflüchtete zur Umschulung besonders motivieren?
Lemke: Dieses Thema spielt aufgrund der um ein Drittel verkürzten Ausbildungszeit noch überhaupt keine Rolle. Auch ältere Flüchtlinge tendieren eher zur Regelausbildung. Das Thema duale Berufsausbildung ist für viele Flüchtlinge ein sehr wichtiges Instrument geworden. Hier versuchen wir, auch ganz intensiv Ausbildungswünsche zu unterstützen. Dass die Motivation dafür bei vielen Flüchtlingen vorhanden ist, stellen wir ganz aktuell zum jetzt anstehenden neuen Ausbildungsjahr fest. Ich bin auch davon überzeugt, dass wir die Anzahl der mit Flüchtlingen abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den nächsten Jahren kontinuierlich steigern können.

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