Olaf Rautenberg, Präsident des Kreisschützenverbandes Rotenburg, über die Lage und Anforderungen an die Vereine

„Die Schützenvereine stehen allen offen“

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Mitglieder des Rotenburger Schützenvereins beim Festumzug.

Hemslingen - Von Ulf Buschmann. Im kommenden Monat treffen sich die Schützenvereine des Landkreises wieder zu ihrem alljährlichen Kreisschützenfest vom 7. bis 9. August in Waffensen. Aus diesem Anlass haben wir uns mit Olaf Rautenberg, Präsident des Kreisschützenverbandes Rotenburg, getroffen und über die aktuelle Lage der Vereine und Anforderungen an die Zukunft gesprochen.

Herr Rautenberg, wie sind die Schützenvereine im Altkreis Rotenburg insgesamt aufgestellt?

Olaf Rautenberg: Sie sind unterschiedlich stark aufgestellt. Es gibt Vereine, die schwer mit Mitgliederschwund und verschärften Bestimmungen zu kämpfen haben. Es gibt aber auch Vereine, die gewachsen sind. Und zwar vornehmlich dort, wo eine hervorragende Jugendarbeit gemacht wird und wo neue Sparten wie Bogenschießen entstanden sind. Dort bewegen sich die Zuwächse im zweistelligen Bereich.

Von welchen Vereinen sprechen wir da?

Rautenberg: Ganz grob kann man sagen, dass die Vereine in den größeren Orten und den Städten zu kämpfen haben. In den kleineren Orten hingegen ist der Zusammenhalt größer. Dort werden die Vereine mehr unterstützt beziehungsweise sie unterstützen sich gegenseitig. Wenn in Hemslingen zum Beispiel ein Kreisschützenfest organisiert wird, ist es für andere Vereine selbstverständlich, dass sie dabei sind.

Wo genau kann man eine gute Entwicklung erkennen?

Rautenberg: Wir haben zum Beispiel Zuwächse beim Schützenverein Jeersdorf, wo eine Bogenabteilung gegründet worden ist. Und dann haben wir Abbendorf-Hetzwege, die vor einigen Jahren das Kreisschützenfest ausgerichtetet haben – sicherlich mit einem positiven Effekt. Auch Wittorf weist eine gute Bilanz auf, genauso wie Söhlingen. Es ist ein kleiner Verein mit nur rund 100 Mitgliedern. Auch Bothel sticht heraus. Er ist der größte Schützenverein im Kreisverband und hat durch eine hervorragende Jugendarbeit sehr viele Mitglieder gewonnen. Sie alle haben sich im zweistelligen Bereich nach oben entwickelt.

Wie haben sich die Zahlen auf Landkreisebene entwickelt?

Rautenberg: Der Verband im Altkreis hat zurzeit 8646 Mitglieder. Wir haben im vergangenen Jahr etwas mehr als ein Prozent unserer Mitglieder verloren. Um dem entgegen zu wirken, haben wir einen Mitglieder-Werbepreis ins Leben gerufen.

Wie sieht der aus?

Rautenberg: Es wird geguckt, wie sich die Mitgliederzahlen in den Vereinen von Januar bis Dezember prozentual und absolut entwickelt haben. Dafür stellen wir zwei Ranglisten auf, die addiert werden. Daraus ergeben sich die Ergebnisse. Die ersten Drei werden mit Geldprämien belohnt, die aber ausschließlich für die Mitglieder zu verwenden sind. Zum Beispiel für ein Grillfest oder andere Vereinsaktivitäten. Finanziert wird dieser Preis im ersten Jahr durch die Koordinierungsstelle für das Ehrenamt beim Landkreis. Für das zweite Jahr hat sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel angeboten.

Sie haben Bestimmungen angesprochen, die Ihnen als Schützen das Leben schwer machen. Welche sind das?

Rautenberg: Da ist zum Einen das Waffenrecht. Das ist aber weniger das Problem, weil sich die Verantwortlichen in den Vereinen, die Schießsportleiter, sehr sorgsam darum kümmern. Generell haben wir in Deutschland ein sehr strenges Waffenrecht, wohl das strengste der Welt. Aber das Problem sind ja nicht die legalen Waffen, sondern die illegalen. Andere Bestimmungen, die uns das Leben schwer machen, sind baulicher Natur. Es gibt regelmäßige Überprüfungen der Schießstände, die sicherlich aktuell gehalten werden müssen, aber wo auf die Vereine hohe Kosten zukommen – sei es durch die Prüfung oder durch bauliche Veränderungen. Ein Verein, der wenig Einkünfte hat, bekommt da schon arge Probleme. Es gibt ja auch Vereine, die auf Zuschüsse von der Gemeinde angewiesen sind, weil sie sonst gar nicht klarkommen. Auch die Durchführung eines Schützenfestes wird angesichts der immer strengeren Auflagen schwieriger. Darüber machen sich viele Vereine Gedanken, weil sie Einnahmequellen versiegen sehen.

Denken Sie dabei an die verschärften Hygieneauflagen? Beispielsweise beim Verkauf von Kuchen?

Rautenberg: Nicht nur daran. Bei Zeltdiscos mit mehr als 1000 Besuchern dürfen auch keine Glasflaschen und Gläser mehr ausgegeben werden. Wir sind auch dazu verpflichtet, einen Sicherheitsdienst zu verpflichten, der unter anderem darauf achten muss, dass das Jugendschutzgesetz eingehalten wird. Aber das ist selbstverständlich. Wir müssen sogar Zäune aufstellen, damit keiner unbefugt auf das Gelände kommen kann. Das sind alles Kosten, die uns belasten, aber andererseits sind die Schützenfeste ein Teil der Dörfer. Wenn ich an die Zeit von vor 40 oder 50 Jahren denke, gab's kein Schützenfest ohne Schlägerei. Damals waren sich die Menschen aus den Orten nicht immer grün. Das hat sich total geändert. Heute freut man sich über jeden Gast. Das bringt die Menschen näher zueinander. Allein für das Kreisschützenfest in Waffensen haben sich schon jetzt mehr als 1100 Besucher angemeldet. Das ist natürlich eine enorme Zahl, und die Leute freuen sich darauf. Schon deshalb, weil sich dort Menschen begegnen, die sich das ganze Jahr nicht sehen.

Es gibt in den Vereinen ja zwei große Gruppen – die Sportschützen und die Traditionsschützen. Letztere haben immer ein leichtes Übergewicht bei den Mitgliedern gehabt. Wie ist es derzeit?

Rautenberg: Wir haben mehr Traditionsschützen. Wir können bei einem Verein mit 250 Mitgliedern nicht davon ausgehen, dass über 100 aktive Sportschützen darunter sind. Das würden der Schießstand und der Schießbetrieb gar nicht hergeben. Die meisten Schießstände haben zehn Bahnen.

Können Sie den Anteil von Traditions- und Sportschützen in den Vereinen benennen?

Rautenberg: Das richtet sich nach den Vereinen. Ich schätze, dass zehn bis 20 Prozent aktive Sportschützen sind. Wenn es auch noch Bogenschützen gibt, ist es sicherlich ein größerer Anteil.

Thema Jugendarbeit: Sie haben als Schützen das Problem, dass junge Leute aufgrund der rechtlichen Bestimmungen erst mit zwölf Jahren am Schießen teilnehmen dürfen. Sie müssen deshalb anderen Vereinen immer hinterher laufen. Was tun Sie dagegen?

Rautenberg: Es gibt Ausnahmen. Wenn die Eltern dem zustimmen und ein ärztliches Attest mitbringen, kann der Verein einen Antrag beim Landkreis stellen, dass Kinder ab zehn Jahren mit dem Luftgewehr schießen dürfen. Viele Vereine, auch im Landkreis Rotenburg, bieten inzwischen das Schießen mit dem Lichtpunktgewehr an. Dafür gibt es nach unten keine Grenze. In der Regel fangen die Kinder ab sechs Jahren an. In diesem Bereich wachsen momentan viele Vereine.

Was tun Sie seitens des Schützenkreises zur Förderung der Jugendarbeit? Gibt es spezielle Organisationsformen?

Rautenberg: Es gibt einen Jugendförderpreis, der berücksichtigt, wie viele Teilnehmer im Schüler- und Jugendalter ein Verein bei Meisterschaften an den Start schickt. Der Verband selbst hat mit Angelika Bruns eine sehr engagierte Kreisjugendleiterin, die auf Vereinsebene in der gleichen Funktion in Bothel tätig ist. Die Vereine benötigen einen solchen Jugendleiter. Und sie müssen auch etwas neben dem Schießen anbieten. Auf Kreisebene bietet der Verband ein Kadertraining an. Dabei werden die guten Schützen zusammengezogen und weitergebildet. Außerdem stellen die Vereine Bothel und Taaken anderen Vereinen bei Bedarf ihre Lichtpunktanlage zur Verfügung, damit sich die Jugendlichen daran ausprobieren können. Und wer möchte, kann am Landesjugendzeltlager des Niedersächsischen Sportschützenverbands (NSSV) in Bad Fallingbostel teilnehmen. Dort kommen seit vielen Jahren hunderte von jungen Leuten zusammen.

Das heißt, Sie versuchen die Jugendlichen über den Schießsport an die Vereine heranzuführen?

Rautenberg: Ja, ganz klar. Kinder bekommt man über den Schießsport in den Verein. Der zweite Zweig ist die Musik. Die Musik- und Spielmannszüge sind oft den Schützenvereinen angegliedert und betreiben eine sehr gute Ausbildung.

Die Schützenvereine sehen sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, junge Leute an Waffen heranführen zu wollen. Wie antworten Sie darauf?

Rautenberg: Unsere Waffen sind Sportgeräte. Trotzdem ist der Umgang mit ihnen nicht ungefährlich. Deshalb lernen die Kinder als aller-erstes den verantwortungsvollen Umgang damit. Der Schießsport fördert enorm die Konzentration. Man muss erlebt haben, wie sich die Jugendlichen in voller Montur auf dem Schießstand konzentrieren und was sie für Leistungen erzielen. Dort geht es nicht um Ballerei, sondern darum sich auf diese eine Sache zu konzentrieren. Das hilft ihnen auch in der Schule.

Kooperieren Sie mit den Schulen?

Rautenberg: Mir ist derzeit nicht bekannt, dass es praktiziert wird. Sicherlich gibt es Möglichkeiten und die Vereine sind dem bestimmt auch aufgeschlossen. Dabei sollten aber die Schulen die Vereinsvorsitzenden ansprechen.

Insbesondere bei Veranstaltungen werden immer wieder die Damenabteilungen hervorgehoben. Welche Bedeutung haben sie?

Rautenberg: Sie haben für jeden Verein eine große Bedeutung und ich möchte sie nicht missen. In den meisten Vereinen sind die Damen gleichberechtigt, zum Beispiel beim Schießen um die Königswürde. Bei einigen Vereinen ist es noch nicht so, sie hängen in meinen Augen noch hinterher. Aber wenn ich mir anschaue, in welchem Verhältnis die Damen an den Wettkämpfen teilnehmen, sind es oft mehr als bei den Männern.

Warum sind die Damen nicht in allen Vereinen gleichberechtigt?

Rautenberg: Das liegt daran, dass die Schützenvereine früher eine reine Männerdomäne waren. Unsere Damenabteilungen sind 40 oder 50 Jahre alt. Damals mussten die Männer darüber abstimmen, ob die Frauen überhaupt gleichberechtigt aufgenommen werden können. Das ging nicht überall glatt und sorgte sicherlich hier und da für böses Blut. Aber heute sind die Frauen aus den Vereinen nicht mehr wegzudenken.

Die Schützenvereine haben immer den Ruf, konservativ oder teilweise reaktionär zu sein. Wie sehen Sie das?

Rautenberg: Konservativ – sicherlich zum Teil, das will ich nicht abstreiten. Das ist ja nichts Schlimmes. Insgesamt steht das Schützenwesen aber auch für Schießsport, für Kameradschaft und für Freundschaften, die dabei entstehen. Das ist etwas, was es seit Jahrhunderten gibt und was sicherlich auch fortbestehen wird.

Wo sehen Sie den Kreisschützenverband in fünf bis zehn Jahren?

Rautenberg: Ich hoffe, dass wir den Mitgliederschwund etwas drosseln können. Natürlich ist uns klar, dass Niedersachsen bis 2030 etwa fünf Prozent seiner Einwohner verlieren wird. Dass wir da wachsen, ist eher unwahrscheinlich. Nichtsdestotrotz geben wir die Hoffnung nicht auf, dass die Vereine wieder mehr Mitglieder haben, auch die kleinen. Die Schützenvereine stehen allen offen: Alt und Jung, Ausländern oder auch Flüchtlingen. Es gibt einen Beschluss, dass Asylbewerber und Flüchtlinge unabhängig von der Vereinsmitgliedschaft über den Landessportbund versichert sind, wenn sie am Übungsschießen teilnehmen.

Zur Person: Olaf Rautenberg ist seit 2013 Präsident des Kreisschützenverbandes Rotenburg. Der 48-Jährige lebt und arbeitet als Versicherungskaufmann in Hemslingen. Im dortigen Schützenverein begann Rautenberg im Jahr 1981 seine Karriere. Über die Sportschützen rückte er nach und nach in unterschiedliche Vorstandspositionen auf und war zuletzt Kommandeur der Hemslinger Schützen. Nach seiner Wahl zum Präsidenten des Kreisschützenverbandes ist Rautenberg in die zweite Reihe getreten.

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