Ohne Meyer nach Jamaika

Die ersten Schritte des neuen Landtagsabgeordneten Eike Holsten (CDU)

Eike Holsten drei Tage nach der Landtagswahl und dem ersten Auftritt in Hannover. - Fotos Krüger

Rotenburg - Von Michael Krüger. Eine große Apfelschorle und Bratnudeln mit Huhn gibt es am Tag danach im China-Bistro am Neuen Markt in Rotenburg, die Stäbchen allerdings lässt er links liegen. „Ich schneide sogar meine Spaghetti mit dem Messer“, sagt Eike Holsten. Am Dienstag war der 34-Jährige als gewählter Abgeordneter zum ersten Kennenlernen der neuen CDU-Landtagsfraktion in Hannover, am Mittwoch gab es nach der asiatischen Mittagspause wieder Hausmannskost: CDU-Post bearbeiten, Verwaltungsausschuss des Stadtrats, abends Vorstandssitzung des Vereins Naturpädagogik.

Es ist der erste kleine Spagat für den bisherigen Büroleiter der CDU-Bundestagsabgeordneten Reinhard Grindel und Kathrin Rösel zwischen großer politischer Bühne und Basisarbeit in der Heimat. „Man fährt mit gehörigem Respekt hin“, gesteht Holsten, „ich will ja meiner Aufgabe gerecht werden.“ Es beginnt in Hannover am Dienstag mit einem Treffen der „Jungen Gruppe“ innerhalb der 50-köpfigen neuen CDU-Fraktion im Landtag, es folgt ein Mittagessen mit den Abgeordneten der Elbe-Weser-Region, um 14 Uhr die erste Fraktionssitzung, zwischendurch noch kurz Probesitzen im neuen Plenarsaal. Nachdem er am Morgen verspätet in Hannover eingetroffen ist und den Pförtner am Landtagsparkplatz noch nicht überzeugen kann, ihn als bislang nicht akkreditierten Abgeordneten auf die reservierten Plätze zu lassen – Parkhaus nebenan also –, klappt die zweite große Aufgabe des Tages dann halbwegs reibungslos: Der als Wahlverlierer titulierte CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann wird zum Fraktionschef gewählt. Es gibt sechs Abweichler, Holsten gehört nicht dazu. „Klar habe ich ihn gewählt“, sagt er entschieden. „Ich habe ja monatelang für ihn Wahlkampf gemacht.“

Es gab Fehler. Das weiß die CDU, das ist beim Fraktionstreffen thematisiert worden, das sagt auch Holsten. Das schlechteste Ergebnis auf Landesebene für die CDU seit fast 60 Jahren ist nicht schönzureden. Für den 34-Jährigen ist es eine „Verkettung mehrerer Geschichten“, doch als frisch Gewählter beteilige er sich nicht an Schuldzuweisungen. Dafür gebe es Parteigremien, und dort werde es aufgearbeitet. Aber das brauche Zeit. „Eine Ursachenanalyse, bevor der Pulverrauch verzogen ist, ist nicht dienlich.“ Sicherlich habe aber auch die Bundes-CDU großen Nachholbedarf in der Fehleranalyse.

Holsten bleibt vage

Auch beim Thema einer möglichen Koalition auf Landesebene bleibt Holsten zunächst vage. Das sei ja Sache der Partei und nicht der Fraktion. Es würden Gespräche sowohl mit den Grünen und der FDP als auch der SPD geführt, Schwarz-Grün-Gelb oder große Koalition also. Und dann schiebt er doch noch einen dieser Sätze nach, die sich sehr nach seinem alten Lehrmeister Grindel anhören und die den jungen Vollblutpolitiker deutlich werden lassen: „Wenn die Grünen Christian Meyer in die Wüste schicken, könnte der Weg unter Umständen nach Jamaika führen.“

Die Bratnudeln sind noch nicht ganz aufgegessen, da kommt der eine oder andere Bistro-Besucher zum Gratulieren an den Tisch, und Holsten ist wieder zurück in der Heimat, er möchte sowieso mal erklären, dass das Ergebnis hier viel besser für die CDU ist als seit Sonntagabend immer wieder geschrieben worden sei. Er habe doch nur 1 000 Stimmen weniger geholt als die erfahrene Mechthild Ross-Luttmann 2013, zudem weniger verloren als die CDU im Landestrend. Von „zwei weitgehend unbekannten Erstbewerbern“ habe er eben mit 670 Stimmen die Nase vorn gehabt vor Tobias Koch (SPD). Vorwerfen lasse müsse er sich nichts, und sein Team sowieso nicht. „Wir haben alles richtig gemacht.“ Der Wahlkampf sei vor Ort gewonnen worden.

Gegenwind war da

Dabei habe es ja durchaus größeren Gegenwind gegeben, gerade in der Kreisstadt, wo Holsten knapp hinter Koch landete. Die im Landkreis losgetretenen Querelen um die zur CDU übergelaufene Elke Twesten hätten sicherlich Prozente gekostet, sagt er. Die „Legendenbildung der SPD“ um mögliche Versprechen für die Ex-Grüne hätte bei den Sozialdemokraten für Mobilisierung und Zusammenhalt gesorgt. Auch ein „unermüdlich wahlkämpfenden Bürgermeister“ Andreas Weber (SPD) in der Stadt Rotenburg und die „Klingbeil-Connection“ um den SPD-Bundestagsabgeordneten machten es schwer, in der Kreisstadt für die CDU eine Mehrheit zu holen. Daran sei auch schon Kathrin Rösel bei der Bundestagswahl im September gescheitert. Den Vorwurf von Rotenburgs SPD-Chef Frank Grafe, die CDU habe vor Ort auch verloren, weil sie im Stadtrat mit der AfD zusammenarbeite, bezeichnet Holsten als „Schwachsinn“. Nicht die CDU müsse um Mehrheiten werben, sondern der Bürgermeister. Es gebe eine gute Zusammenarbeit mit vielen Vertretern der SPD, nur eben mit Grafe nicht. Gerade jetzt, am Ende des Mittagessens, möchte sich Holsten mit dieser Unappetitlichkeit aber gar nicht beschäftigen: „Zu den Unflätigkeiten eines Frank Grafe fällt der CDU kein Begriff mehr ein, den sie in der Zeitung lesen will“, sagt er.

Ein letzter Schluck Apfelschorle, ein Wink zum Nachbartisch, dann muss Holsten schnell zum Kindergarten, den Nachwuchs abholen. Ohne diese Vernetzung, das Leben vor Ort, wisse man ja gar nicht, wofür man in Hannover entscheidet. Nicht erst da klingt der Neuling wie ein alter Hase im Geschäft.

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