Stadtrat-Einzelbewerber

Mediziner Telman Aliev: Ohne Auto in die Zukunft

Telman Aliev ist Neurochirurg am Diako und will in den Rotenburger Stadtrat.
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Telman Aliev ist Neurochirurg am Diako und will in den Rotenburger Stadtrat.

Rotenburg – Telman Aliev kommt zu Fuß direkt von der Arbeit im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Wir treffen uns mit ihm am Stadtstreek. „Mit den Medien habe ich noch keine Erfahrung“, sagt der 38-jährige Neurochirurg. Das ändert sich jetzt. Schließlich ist er der einzige parteilose Einzelbewerber, der am 12. September bei der Kommunalwahl den Sprung in den Rotenburger Stadtrat schaffen möchte. Das ist doch einen Beitrag wert.

Bürgermeister Andreas Weber (SPD) und auch dessen Parteifreund Gilberto Gori haben ihn in den vergangenen Jahren mehrmals darauf angesprochen. Jetzt hat der in Aserbaidschan geborene Vater zweier Kinder eine Entscheidung getroffen und sich aufstellen lassen. Mindestens 30 Unterschriften von Unterstützern musste er beibringen. Am Ende waren es dann sogar 38 – Aliev wollte auf Nummer sicher gehen.

Eine Mitgliedschaft in einer Partei und in Verbindung damit eine Kandidatur für den Stadtrat – „das reizt mich nicht“, sagt Aliev. Er plane auch keinen Wahlkampf, wolle in der Politik nicht hoch hinaus. Aber er sagt auch: „Hier in Deutschland erlebe ich die Demokratie, wie ich sie mir immer gewünscht hatte.“ In Aserbaidschan und auch später in Russland sei daran nicht zu denken gewesen. Er spricht von Korruption.

Telman Aliev sieht sich als „Vorbild für eine gelungene Integration“, und wenn er in den Stadtrat kommen sollte, fühlt er sich auch als Stellvertreter der Menschen mit Migration in dieser Stadt. Wenn es mit dem Wahlerfolg nicht klappt, sei das nicht schlimm, aber ihm sei es wichtig, dass unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in der Kommunalpolitik am Ball sind.

Seit zwölf Jahren lebt der Mediziner bereits in der Kreisstadt, hier sind auch seine beiden Kinder zur Welt gekommen. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt war für den jungen Mann – seit acht Jahren hat er einen deutschen Pass – klar: „Hier sehe ich meine Zukunft. Die Stadt ist klein und sauber, es gibt viel Natur und gute Luft, alles ist zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar.“ Die Sache mit der Erreichbarkeit spielt für Telman Aliev eine große Rolle. Denn ein Auto hat er nicht, hatte er noch nie – und so soll es auch bleiben.

„Klar, ich habe mit 18 meinen Führerschein gemacht, aber danach habe ich ihn meinem Vater gegeben.“ Der habe ihn immer noch bei sich in St. Petersburg. Dorthin hatte es die Eltern von ihrem kleinen Dorf nahe Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, verschlagen, nachdem alle drei Söhne in diese Stadt gezogen waren.

Den Anfang hatte Telman Aliev gemacht – um dort Medizin zu studieren. Später kamen seine Brüder, danach dann die Eltern. Seit Ausbruch der Pandemie bleiben die gegenseitigen Besuche auf der Strecke. Da ist es umso trauriger für den in Rotenburg lebenden Sohn, dass die Mutter der Familie im vergangenen Jahr an Corona gestorben ist.

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Wie sehr sich der 38-Jährige mit dieser Kleinstadt und mit der Region, in die sie eingebettet ist, verbunden fühlt, zeigt er immer wieder mit seinen Posts bei Facebook. Mal ist es das Lavendelfeld in Stapel, dann sind es Blumen in voller Pracht, Eindrücke von einer Fahrradtour in der Umgebung oder die geteilte Mitteilung vom Sieg des Nordpfads Dör‘t Moor als Deutschlands schönster Wanderweg. „Ich habe hier meine neue Heimat gefunden, ich fühle mich als Rotenburger und bin auch stolz auf diese Region, in der wir leben.“ Aliev spricht von einer gelungenen Integration. Bei ihm hat es funktioniert. Von St. Petersburg ist er nach Köln gekommen – dort wollte er Deutsch lernen, seinen Facharzt und sein Anerkennungsjahr machen und sich medizinisch weiterentwickeln. „Dort lernt man schnell Menschen kennen. Köln ist multikulturell. Doch Freundschaften halten nicht so lange.“ In Rotenburg sei es genau anders herum: „Die Norddeutschen brauchen länger, aber wenn es zu einer Freundschaft kommt, dann hält sie auch.“ Freunde und Kollegen kennen Telman Aliev gut, und sie stärken ihm den Rücken bei der Kandidatur. „Nicht nur auf den Wahlkampf verzichte ich, sondern auch auf Versprechungen.“ Umweltthemen packen ihn, die Stadtentwicklung interessiert ihn, dazu hat er eine Politik für Kinder und Jugendliche im Blick. Er legt Wert auf Nachhaltigkeit. Gerne möchte er sich mit anderen jungen Ratsmitgliedern zusammentun und etwas auf den Weg bringen.

Er will nicht hoch hinaus. Das gilt auch für den Beruf. Er arbeitet auf der neurochirurgischen Station, er operiert, er besetzt eine Sprechstunde. „Mir ist es in meinem Beruf wichtig, für die Menschen da zu sein.“ Deshalb sei es für ihn auch keine Option, eine höhere Position anzustreben. „Ich bin doch nun in einer Position, in der ich Menschen helfen, also das machen kann, was ich immer wollte.“ Ausgeglichenheit, die Zeit für seine Familie trotz Full-Time-Jobs – das sei ihm wichtig.

Die Karriere vermisse er ebenso wenig wie ein Auto. „Ich brauche auch nicht ständig ein neues Smartphone.“ Es ist diese Genügsamkeit, die Aliev beim Gespräch am Stadtstreek immer wieder ausstrahlt. „Wahrscheinlich habe ich sie mir aus meiner Kindheit bewahrt.“ Mit dieser Bescheidenheit redet er dann auch über seine Kandidatur. Am 12. September muss er arbeiten – er hat eine 24-Stunden-Schicht. Doch wie kommt er an das Ergebnis? „Aus der Zeitung.“ Und zum Abschluss hat er dann doch ein Versprechen parat: „Ich werde mich im Stadtrat zu Wort melden.“

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